netzeitung.de«Tagging» verändert die Struktur von Daten

 Herausgeber: netzeitung.de

Schlagwörter sind eine alte Erfindung. Auf Computern und im Internet bekommen sie nun eine völlig neue Bedeutung. «Tags» könnten die Struktur von Daten von Grund auf ändern.

Von Peter Schink

Im Jahr 2003 startete Joshua Schachter in den USA die Site del.icio.us. Die Idee war einfach. Internet-Nutzer sollten ihre Lieblingsseiten dort ablegen. In einer Liste sind bei del.icio.us die jeweils aktuellsten Ergebnisse zu sehen, zudem kann man die Bookmarks jedes einzelnen Users aufrufen.

Ähnliche Bookmark-Sammlungen gibt es im Internet reichlich, doch del.icio.us geht einen Schritt weiter: Alle Bookmarks werden mit Tags (engl. für Schild, Ettikett) versehen, Schlagwörtern also, nach denen die Links ebenfalls sortiert werden können. Die bereits vergebenen Tags werden bei del.icio.us aufgeführt wie Ordner auf einem Computer, allerdings ohne Hierarchie.

Da ein Bookmark jeweils mehrere Tags besitzen kann, wird er somit in mehreren Schubladen abgelegt. So lassen sich Links wesentlich leichter finden, miteinander verwandte Links oder Tags werden ebenfalls aufgeführt - so dass eine vernetzte Struktur entsteht, jedes Tag ist mit mehreren anderen verknüpft.

«Tagging» als Idee
Inzwischen haben viele Programmierer die Idee des «tagging» weitergedacht. So können auf Flickr.com Photos veröffentlicht und mit Tags versehen werden, so dass eine riesige öffentliche Bildsammlung entstanden ist. Auf 43Things.com sammeln Nutzer, was sie mit ihrem Leben vorhaben. Auch in blogs wird inzwischen «getagt».

Der Dienst Technorati sammelt alles zusammen und baut Photos, Links und Blogs eines jeweiligen Tags zusammen. Inzwischen besteht die Sammlung aus mehr als neun Millionen Blogs und eine Milliarde Links.

Die Stärke der Tags im Netz besteht vor allem aus der riesigen Anzahl von Nutzern, die sie vergeben. Um so mehr Menschen Tags auf Dinge vergeben, die sich kaum automatisch sortieren lassen – eben Links, Photos, Blogeinträge – desto besser wird die Sortierung.

Tagging nicht nur im Netz
Die Etiketten-Landschaft leistet kann zweierlei: Sie sortiert Daten und vernetzt ähnliche Inhalte. Inzwischen haben auch große Software-Firmen die Idee aufgegriffen. So hat beispielsweise Apple in sein neues Betriebssystem Mac OS X «Tiger» die Möglichkeit eingebaut, Suchanfragen über alle Dokumente auf dem Computer zu «taggen» und zu speichern.

Apple nennt die neue Ordnerstruktur SmartFolder. Entspricht ein neues PDF, Word-Dokument, Bild oder ein Film einer Suchanfrage, wird es im Smartfolder angezeigt. Ein und dasselbe Dokument kann so in verschiedenen Smartfoldern gefunden werden, es entsteht eine alternative Ordnerstruktur. Inzwischen gibt es sogar eine Import-Funktion für del.icio.us-Bookmarks in Smartfolder.

Yahoo hat wiederum vor einigen Wochen den Photodienst Flickr gekauft. Auch Google beschäftigt sich bereits mit dem Thema, Tags könnten bei der Verbesserung der Suchergebnisse helfen und Nutzern zugleich alternative Suchanfragen anbieten.

Mehrere Hindernisse
Setzt sich «Tagging» durch, wird man in Zukunft auf dem Rechner und im Internet weniger suchen müssen – und mehr Daten finden. Allerdings gibt es auch einige Probleme. Wenn Spam-Firmen das Tagging für sich entdecken, könnten bei del.icio.us sehr schnell unsinnige Ergebnisse ganz oben in den Listen erscheinen. Die neuen Ettiketten würden dann schnell nutzlos.

Zudem sind viele Ettiketten nicht eindeutig. So ist das Wort «Foto» grundsätzlich verschieden zu «Fotos». Musik findet man unter «mp3» genauso wie unter «Musik» oder dem englischen Begriff «music». Vor allem Einzahl und Mehrzahl-Konstruktionen machen Tag-Sammlungen unbrauchbar, aber auch die Sortierung nach verschiedenen Sprachen – für Software-Entwickler sind solche Alltagsprobleme noch eine große Herausforderung.