München rüstet auf Linux um: «Microsoft versteht unsere Entscheidung nicht»
28. Apr 2005 08:23
 |  Wilhelm Hoegner, Münchner EDV-Chef | Foto: Stadt München |
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Die Stadt München beginnt Anfang 2006 mit der Umstellung ihrer 14.000 Computer auf Linux. EDV-Chef Hoegner sagt der Netzeitung, bei Microsoft habe man bis heute nicht verstanden, warum.
Als erste große Kommune hat München vor wenigen Tagen zwei Firmen damit beauftragt, die Rechner der gesamten Stadtverwaltung auf Linux umzurüsten. Ein Projekt mit Signalwirkung, zumal Betriebssystem-Monopolist Microsoft im Umland von München seine Europa-Zentrale hat. Die Netzeitung sprach über das Projekt mit Wilhelm Hoegner, Leiter der EDV-Abteilung der Stadt.
Netzeitung: Wer hatte die Idee, die Stadtverwaltung auf Linux umzurüsten?Wilhelm Hoegner: Anlass war im Jahr 2002 ein Antrag der SPD im Stadtrat. Es sollte geprüft werden, ob es auch Alternativen zu dem Office-Paket von Microsoft gibt. Da hat sich dann eine Diskussion entwickelt, die Verwaltung sollte schließlich die wirtschaftlichen Auswirkungen des Systemwechsels untersuchen. Wir haben dann eine Studie anfertigen lassen, die das analysiert hat.
Entscheidend war für uns vor allem die Sicherheit von Linux sowie die strategische Frage, sich nicht von einer Firma abhängig zu machen. Der Stadtrat war davon zuerst nicht begeistert. Ein Systemwechsel ist immer viel Arbeit und kostet Geld. Entscheidend war aber: Windows XP bot uns nicht genügend Sicherheit, vor allem, weil wir viele personenbezogene Daten bearbeiten.
Microsoft wenig begeistert
Netzeitung: Und Microsoft war wenig begeistert von der Entscheidung, die die Stadt München dann getroffen hat. Hoegner: Microsoft intervenierte in Person von Steve Ballmer von höchster Stelle.
Netzeitung: Und trotzdem kam es zu dem Entschluss des Stadtrats...
Hoegner: Ja. Wir haben dann mit kostenloser Unterstützung von IBM und Suse ein Detail-Konzept ausgearbeitet und im Jahr 2004 dem Stadtrat vorgelegt. Dieses sieht vor, dass die Stadt bis zum Jahr 2008 einen Großteil der insgesamt 14.000 Computer auf Linux umstellt.
Dann wurde ein europaweiter Wettbewerb ausgelobt, vor wenigen Wochen haben wir nun den Zuschlag erteilt, an zwei Firmen in München und Arnsberg. Diese entwickeln nun einen einheitlichen Basis-Client, der später in jedem Büro stehen wird. Ab Januar 2006 werden die ersten Computer umgerüstet.
Netzeitung: Die Europazentrale von Microsoft ist im Umland von München beheimatet. Die Entscheidung Münchens hatte auch deshalb Signalwirkung. Haben Sie sich irgendwann mal gedacht, warum tun wir uns das eigentlich an?
Hoegner: Mehrmals. Es gab ja Phasen, in denen wir nicht wussten, ob wir weiterkommen. Aber nachdem der Stadtrat sich dazu entschlossen hatte, hatten wir auch wirklich eine gute politische Unterstützung, sowohl vom Stadtrat wie vom Oberbürgermeister. Ein Rückschlag war natürlich, als wir die Ausschreibung wegen der Diskussion um mögliche Patentverletzungen letzten Sommer stoppen mussten.
Netzeitung: Aber die Bedenken konnten zerstreut werden...
Hoegner: Ja, ein Gutachten hat uns bestätigt, dass das Risiko, mit Open Source Patente zu verletzen, auch nicht größer ist, als bei anderer Software.
Netzeitung: Gab es nach der Entscheidung, auf Linux umzusteigen, ein Entgegenkommen von Microsoft?
Hoegner: Nein. Unterstützung wurde uns nur im Bereich der Terminal Services angeboten, also für Programme, die weiter unter Windows laufen. Darüber müssen wir nun noch verhandeln.
«Gespannt, aber freundlich»
Netzeitung: Wie ist das Verhältnis zu Microsoft jetzt?Hoegner: Gespannt, aber freundlich. Bill Gates war vor einigen Monaten in München, um eine Rede zu halten. Der Oberbürgermeister hat ihn dann zum Flughafen gefahren, da wurde dann ein wenig diskutiert. Gates war über unsere Entscheidung sehr verärgert und konnte sie schlicht nicht verstehen. Das ist sehr symptomatisch.
Wir sind niemals ideologisch an die Sache herangegangen. Es ging immer um eine reine Kosten-Nutzen-Rechnung. Wir erwarten uns einfach mehr Sicherheit, eine größere Herstellerunabhängigkeit und, ein Nebenaspekt: Wir fördern so mittelständische Betriebe. Gerade im Münchner Raum gibt es Know How, das wir nutzen können.
Netzeitung: Ist München auch Vorbild für andere?
Hoegner: Es gibt viele Kommunen, die auch erwägen, Linux-Clients einzusetzen. Aber die warten ab und wollen erst mal sehen, ob das bei uns funktioniert. Wir sind da ein Ruderboot, das den Tanker zieht. Wenn wir Fahrt aufgenommen haben, kommen auch andere. Wir müssen da auch manche Widerstände von größeren Software-Firmen brechen. Ein Beispiel ist SAP, die nun endlich auch die Anbindung von Open Office realisieren.
Netzeitung: Wie viel wird die Umstellung kosten?
Hoegner: Ingesamt rechnen wir derzeit mit etwa 15 bis 16 Millionen Euro, dazu kommt noch einmal etwa die gleiche Summe an internen Kosten.
Daten & Fakten: Debian, Suse und Co.Von Linux existieren mehrere verschiedene Versionen. Die bekanntesten sind Suse, Debian, Red Hat. |
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Netzeitung: Was hat den Ausschlag für die Debian-Variante von Linux gegeben?Hoegner: Eine Rolle bei der Vergabe hat natürlich die Frage gespielt, ob es Abhängigkeit von Fremdprodukten gibt – zum Beispiel bei Novell oder Red Hat. Das gab einen Punkteabzug bei der Vergabe. Die Debian-Variante bot natürlich ein Maximum an Herstellerunabhängigkeit.
Es ging aber auch um andere Dinge: Wir wollten einen Basis-Client entwickeln, den wir auch andere Kommunen zur Verfügung stellen können. Wir wollten einen schlanken Büro-Desktop, und wir wollten, dass das System langfristig auch von unseren eigenen Mitarbeitern weiterentwickelt werden kann.
Netzeitung: Wo gibt es noch Probleme?
Hoegner: Zum Beispiel ist die Anbindung an unsere verschiedenen Server nicht ganz einfach. Aber wir bekamen oft Anfragen: Ist es denn überhaupt möglich, alle Büroarbeitsplätze umzustellen? Aber wir können alle Office-Dokumente problemlos migrieren.
Netzeitung: Tatsächlich ist ja jeder heute gewohnt, mit Windows zu arbeiten. Müssen sich nicht alle Angestellten völlig umgewöhnen?
Hoegner: Es kommt darauf an, wie man den Basis-Client gestaltet. Wir haben die Gewohnheiten unserer Mitarbeiter studiert - die Computer sollen nach der Umrüstung ähnlich aussehen und funktionieren. Wie bisher.
Netzeitung: Wie hoch ist der Schulungsaufwand?
Hoegner: Die meisten Mitarbeiter, die nur Textverarbeitung und Tabellenkalkulationen benutzen, werden kaum Probleme haben. Wir rechnen mit etwa eineinhalb bis drei Tagen Schulung. Die Spezialisten brauchen natürlich intensivere Schulung. In einigen Bereichen der Stadtverwaltung wird aber zum Beispiel schon Open Office verwendet, um den Umstieg für die Mitarbeiter zu erleichtern.
Netzeitung: Gibt es nicht Probleme, Computer mit speziellerer Software auf Linux umstellen?
Hoegner: Es wird Spezialbereiche geben, die nicht umgestellt werden können. Probleme gibt es etwa mit 2D/3D-Software. Da sind wir schon an Firmen herangetreten, um sie dazu zu bewegen, auch für Linux zu programmieren. Einige haben Angst, die Unterstützung von Microsoft zu verlieren.
Nicht alle stellen um
Netzeitung: Wird die Stadt langfristig auch ihre Tochterfirmen und Schulen auf Linux umstellen?Hoegner: Die Schulen wollen auf Microsoft nicht verzichten. Allein deshalb, weil man nicht verantworten kann, Schüler davon fernzuhalten. Alle Arbeitgeber verlangen schließlich den Umgang mit Microsoft-Produkten. Zudem: Es gibt noch kaum Lernsoftware für Linux.
Die städtischen Gesellschaften warten erst einmal ab. Ich habe zwar immer wieder Anfragen, aber die wollen auch erst mal sehen, wie gut bei uns der Umstieg klappt.
Warten auf Brüssel
Netzeitung: Welche Rolle spielt eigentlich für das Münchner Projekt die bevorstehende Entscheidung der EU, Software-Patente einzuführen?Hoegner: Darauf warten wir natürlich. Es wäre verheerend für uns, wenn möglicherweise millionenschwere Schadenersatzforderung auf uns zukämen. Eine Auswirkung ist zum Beispiel, dass wir die Firmen verpflichten mussten, uns nötigenfalls Ausweichlösungen anzubieten, die patentrechtlich unproblematisch sind.
Die Open-Source-Gemeinde ist sich der Problematik seit längerem bewusst. Es herrscht aber seit längerem eine große Rechtsunsicherheit.
Netzeitung: München wartet also auf die Entscheidung in Brüssel?
Hoegner: Ja, auf jeden Fall. Und die Stimmung hat sich zu Gunsten unserer Sichtweise etwas geändert. In Berlin wird inzwischen auch gesehen, dass zu umfangreiche Patentmöglichkeiten kleine Unternehmen vom Markt verdrängen. Ich hoffe ja auch, dass unsere Bundesminister aufhören, in der EU weiter eine so passive Haltung einzunehmen. Es gab immerhin über alle Fraktionen hinweg im Bundestag eine eindeutige Festlegung gegen eine weitreichende Patentrichtlinie.
Die Frage ist jetzt, ob sich das EU-Parlament gegen den Ministerrat durchsetzen kann. München wird sich auch zusammen mit Wien und Paris dafür einsetzen, dass die Software-Patente auf das Nötigste beschränkt werden. Wir haben da ein großes Eigeninteresse.
Das Interview führte Peter Schink.