E-Government: Kampf gegen den digitalen Flickenteppich
26. Jan 2005 13:55
Für zahlreiche Behördengänge von Firmen bieten deusche Behörden mittlerweile Online-Dienste an. Unternehmer und Experten sehen aber noch großen Bedarf an Verbesserungen.
Von Klemens VogelWer schon einmal eine elektronische Steuererklärung abgegeben hat, kennt ein zentrales Dilemma von E-Government: Die Behörde bietet ein interaktives Formular mit Erklärhilfen – allerdings muss man die Software herunterladen und einen Beleg per Post senden. Oft verhindern rechtliche Schranken komplett online-basierte Verwaltungsakte. Die digitale Signatur per Smart-Card ist weniger populär als erhofft. Bei Bürgerangeboten gebe es daher eine gewisse Enttäuschung, meint Dirk Stocksmeier, E-Government-Sprecher der Brancheninitiative «We make IT». En vogue ist hingegen «E-Government to Business». Behördliche Internet-Dienste für Unternehmen werden derzeit zügig ausgebaut.
Dementsprechend stand der Verbandstag der BundOnline-Initiative vergangenen Montag ganz im Zeichen von «E-Government to Business». «Viele E-Government-Projekte wurden ja gerade deshalb genehmigt, weil sie einen konkreten Nutzen für die Wirtschaft haben», sagte Bundesinnenminister Otto Schily vor den Verbandsvertretern. An der von Bundeskanzler Schröder im Jahr 2000 gestarteten Modernisierungsinitiative beteiligen sich mehr als 100 Behörden. Bereits 340 Online-Angebote für Bürger und Unternehmen sind umgesetzt. Schily sprach von der größten europäischen E-Government-Initiative und verwies auf die internationale ProfNet-Studie, die 2004 deutsche Regierungswebsites auf Spitzenplätzen sah.Pflichtstatistiken übermitteln, Zollformalitäten abwickeln oder Patente anmelden – all das ist für Unternehmen elektronisch möglich. Das Online-Portfolio des Bundes ist nach Geschäftsgängen strukturiert: Bei der Akquisition hilft die e-Vergabe-Plattform des BMI, für den Export informiert das Außenhandelsportal ixPOS über Märkte anderer Länder. Zur Hälfte transaktionsbasiert, zur Hälfte informationsbasiert seien die Dienstleistungen, sagte BundOnline Projektleiter Andreas Reiser. Eine aktuelle Web-Umfrage zeige, dass E-Government tatsächlich Kosten- und Zeitersparnis bei Unternehmen bringe. Allerdings sehen 90 Prozent insgesamt Verbesserungsbedarf. Besonders gewünscht: Online-Dienste im Agrarbereich.
Enorme Medienbrüche
Die größte Gefahr ist derzeit eine Fragmentierung der E-Government-Landschaft: Wenn viele Ämter parallel ähnliche, aber inkompatible Lösungen erarbeiten, entsteht ein virtuelles Behördendickicht. Wie homogene Angebote künftig aussehen können, zeigt VEMAGS, ein Managementsystem für Schwertransporte. Bundesweit sollen damit ab 2006 Transportanträge online bearbeitet werden. Anhörungsbehörden, Kommunen, Polizei, Baulastträger und Spediteure können dann mit spezifischen Zugriffsrechten die Fälle bearbeiten. «Insgesamt haben wir rund 1000 Verfahrensbeteiligte», sagt Marcus Sütterlin, einer der beiden Projektleiter.Wer also künftig eine Lokomotive auf einem Tieflader transportieren möchte, muss nicht mehr verschiedenste Behörden anfaxen. Das alte Verfahren weise «enorme Medienbrüche» auf, klagt Sütterlin: Faxe würden regelmäßig abgetippt, nur um an untergeordnete Behörden weitergefaxt zu werden. Keiner überblicke den aktuellen Stand eines Vorgangs. VEMAGS managt künftig den Antrag in einem zentralen Datenpool. Das Vorzeigeprojekt von «Deutschland-Online», der Initiative für integriertes E-Government auf allen Verwaltungsebenen, soll Kommunikationskosten, Fehlerquote und Antragsliegezeiten drastisch senken.
Viele Gewinner
Dass E-Government bedeutet, eBusiness für die Verwaltung zu nutzen, wie Dirk Stocksmeier von «We make IT» meint, zeigt der Webshop des Bundesamts für Materialforschung (BAM) im Fall von Referenzmaterialien: Wollte ein Ingenieur früher eine bestimmte Kupferlegierung beim BAM bestellen, ging das nur über Kataloge und Schriftverkehr. Im Online-Shop kann er nun die Materialprobe suchen, bestellen und per Kreditkarte zahlen. Nur mit Smart-Card und digitaler Signatur funktioniert hingegen CITES-online vom Bundesamt für Naturschutz. Hier können Ein- und Ausfuhrgenehmigungen für geschützte Tierarten beantragt werden. In der besseren Kontrollierbarkeit der Artenschutzbestimmungen sowie der schnellen Abwicklung sieht die Behörde die Vorteile des Verfahrens. Ob E-Government-Dienstleistungen tatsächlich jene «Win-Win»-Situation bringen, die sich Innenminister Schily wünscht, hängt auch davon ab, in wie weit die Geschäftsgänge nicht auf Dauer dual – per Papier und per Elektronik – angeboten werden müssen. Beim eher exklusiven BAM-Dienst für Referenzmaterialien werden die monatlich 80 bis 100 Bestellungen fast komplett über das Netz abgewickelt. Beim statistischen Bundesamt gibt es allein zum EU-Intrahandel 9 Millionen Meldungen im Monat. 3 Millionen Belege kommen noch per Papier, rund 40 Prozent der meldepflichtigen Unternehmen nutzen die Online-Meldung.
Standortfaktor E-Government
Expandiert das E-Government-Programm des öffentlichen Sektors, profitiert in jedem Fall eine dritte Gruppe: Die Anbieter von IT-Dienstleistungen. Dass E-Government to Business gerade als Standortfaktor entdeckt wird, wie Dirk Stocksmeier von «We make IT» sagt, könnte sich gerade für den Standort Berlin-Brandenburg auszahlen - hier konzentrieren sich viele Firmen. «Aber der IT-Standort Berlin wird noch nicht ausreichend wahrgenommen, obwohl er einer der wichtigsten in Deutschland, in Europa ist», meint Stocksmeier. Die Branchen-Initiative «We make IT» will das ändern. Für die E-Government-Sparte soll eine gemeinsame Website, der regionale Wettbewerb «Best Practice E-Government aus Berlin und Brandenburg» sowie die Kongressmesse ITprofits im April mehr Aufmerksamkeit erzeugen.
Die Daten sollen laufen
Auch die Großen im E-Government-Geschäft rücken zusammen. Unternehmen wie IBM, Microsoft und Oracle beschlossen im Dezember, die Interoperabilität ihrer Software unter dem Dach des Fraunhofer Instituts für offene Systeme gemeinsam zu testen. Denn Ämter und Behörden wollen ihr bewährtes IT-Inventar modular aufstocken, daher müssen die Systeme verschiedener Anbieter harmonisiert werden. Der Kampf gegen den digitalen Flickenteppich hat doppelt begonnen: Verschiedene Verwaltungsebenen als auch unterschiedliche IT-Anwendungen sollen künftig in einander greifen. Damit Otto Schilys Forderung kein Wunschtraum bleibt: «Die Daten sollen laufen, nicht die Bürgerinnen und Bürger.»