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Blogger-Hype in den USA

29. Sep 2004 09:10, ergänzt 13:27
In den USA sorgen Weblogs mit ihren Enthüllungen für Aufsehen, zuletzt in Sachen gefälschte Bush-Memos. Doch gibt es inzwischen auch Kritik am Blogger-Hype.

«Hands down» gilt unter Wahlkämpfern als die ideale defensive Taktik: Hände im Schoß lassen und den Mund halten, bis der politische Gegner an seinen eigenen Argumenten erstickt. Meistens läuft das freilich anders, und in letzter Sekunde ist hektische Betriebsamkeit erforderlich - so wie im Fall der Vorwürfe gegen den demokratischen Kandidaten für die US-Präsidentschaft, John Kerry, er habe sein militärisches Heldentum übertrieben dargestellt.

Präsident George W. Bush hatte offenbar mehr Glück. Gleich nachdem in der CBS-Nachrichtensendung «60 Minutes» über Memos berichtet worden war, in denen seine Diensthaltung während seiner Zeit als Flieger bei der texanischen Nationalgarde in Frage gestellt wird und die nahe legen, dass die Bewertungen seiner Leistungen unter hochrangigem Einfluss geschönt («überzuckert») worden seien, wurden Zweifel an der Echtheit der Dokumente laut.

Erste Zweifel

Diese Zweifel sind angeblich zuerst in Blogs im Internet aufgetaucht, wie alsbald gemeldet wurde. Seither gibt es einen Blogger-Hype. In aller Welt hieß es, die Netztagebücher veränderten die politische Welt, es werde nicht mehr lange dauern, bis der Trend aus den USA auf andere Erdteile übergreife.

Skandale, an deren Aufdeckung die US-amerikanische Weblog-Szene beteiligt war, gab es schon öfter - so prominent wie diesmal wurde zuletzt der «Drudge Report» als Enthüller der Lewinsky-Affäre herausgestellt. Sogar in die Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins «Time» schafften sie es diesmal.

Nach der Enthüllung der Bush-Memos bei CBS haben nachweislich allerdings nicht Blogger für letzte Klarheit gesorgt, sondern der Konkurrenzsender ABC, die «Washington Post» und andere etablierte Medien. Sie beschafften sich Kopien und legten sie Experten zur Prüfung vor. Fazit: Fälschungswahrscheinlichkeit hoch.

Das Weiße Haus hatte zuvor zu den Papieren nur mitgeteilt, sie erweiterten nicht den Informationsstand über Bushs Dienst bei der Garde, der ihn vor dem Einsatz in Vietnam bewahrte: «Hands-down»-Taktik, nicht einmal ein Dementi.

Verdächtig erschien den Prüfern vor allem die Verwendung von Proportionalschrift, wie sie 1972/73, als die Memos geschrieben worden sein sollen, nur für eine Schreibmaschine von IBM verfügbar war, die damals jedoch kaum bei der Nationalgarde benutzt wurde. Dort waren Schreibmaschinen mit nichtproportionaler Schrift üblich, bei der ein «i» genau so viel Breite einnimmt wie ein «m». Überdies wurde die Schrifttype «Times Roman» verwendet - wie die Proportionalschrift sehr unüblich bei Schreibmaschinen in den 1970ern, aber sehr gebräuchlich bei Computern mit Schreibprogramm, wie es sie damals noch nicht gab.

Plumpe Fälschung

Mehr in der Netzeitung:
Wie sich herausstellte, hatte der Sender nicht auf die Warnungen von Dokumentenexperten gehört, die er selbst eigens hinzu gezogen hatte. Damit war das von CBS herausgebrachte PDF-Dokument der Memos ein gefundenes Fressen vor allem für die große Community der konservativen US-Blogger - sie zerlegten es eloquent.

Allerdings, darauf weisen Bloghype-Kritiker inzwischen hin, hätten die rechten Blogger auch jedes andere Dokument auseinandergenommen, das der Bush-kritische CBS-Anchorman Dan Rather vorgelegt hätte. Dass der Anstoß für die Berichte der Konkurrenz von «60 Minutes» tatsächlich aus den Blogs kam, ist letztlich nur eine weitere gute Story, und zwar eine zur verschärften Abwertung der ohnehin schlechten handwerklichen Leistung von CBS, deren Bestätigung schwer fällt.

Als der Blogger-Hype in Sachen Bush-Memos begann, war live zu verfolgen, wie die Blogszene sich parallel zu den lobenden Berichten selbst auf die Schultern klopfte. Noch kurz zuvor in einer auf «Arts and Letters Daily» verlinkten Polemik als «übernächtigte Experten für alles» verhöhnt, die niemals aus Primärquellen schöpften und gewissermaßen «stille Post» mit sensiblen Wahrheiten spielten, waren sie plötzlich zur Primärquelle für eben solche Wahrheiten geadelt worden. Kritiker des Hypes halten es jedoch für nicht verifizierbar, dass die Bush-Memos in Blogs enttarnt wurden.

Der erste Eintrag zum Thema soll wenige Stunden nach der Sendung von «60 Minutes» von einem anonymen Absender in einem rechten Blog erschienen sein. Mit allem Drum und Dran - falsche Typografie, falsche Drucktechnik ... Zur gleichen Zeit jedoch hatte sich die Konkurrenz von «60 Minutes» bereits Kopien der Memos beschafft. Auch das Weiße Haus selbst soll sie bereitwillig herausgegeben haben. Am nächsten Tag schon erschienen Artikel mit den Stimmen seriöser Experten. Zum Vergleich: Als eine rechte Kampagne Bushs Herausforderer Kerry als Kriegshelden diskreditieren wollte, reagierten auch die demokratischen Blogger zuerst. Es waren aber wiederum seriöse Medien gewesen, die «Washington Post» und die «Chicago Tribune», die nicht nur eine Meinung dazu hatten, sondern auch harte News auf Basis von Zeitzeugenberichten und Dokumenten.

Publizistische Macht

Mehr im Internet:
Medienkritik ist schon deshalb das Hauptgeschäft vieler Blogs, weil sie von Medienprofis gemacht werden. Wovon hauptberufliche Blogger leben und nach welchen Kriterien sie ihre Nachrichten auswählen, ist allerdings oft zweifelhaft - im Gegensatz zur politischen Tendenz einer großen Zeitung, geben Kritiker zu bedenken. Dennoch haben sie eine wachsende publizistische und auch politische Macht, weil sich im Internet interessante Nachrichten, ob wahr oder nicht, ohne Datenverlust durch Verlinken und Kopieren rasend schnell verbreiten. Die Kunst ist, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Mehr in der Netzeitung:
Erinnert sich noch jemand an den «Tourist Guy»? Den Typen, der auf dem World Trade Center in dem Moment geknipst wurde, als das erste Flugzeug am 11. September 2001 kurz vor dem Einschlag war? Eine Fotomontage, in Blogs verbreitet, wie die vielen Verschwörungstheorien und vermeintlich «guten Fragen» und finsteren Theorien zum Ablauf der Terroranschläge, die sich mittlerweile auch in Buchform finden und mächtig Auflage machen.

Das Standardbeispiel für die angebliche Macht der Unbekannten und Einflusslosen im Internet ist immer wieder der «Drudge Report», der die Lewinsky-Affäre enthüllte und damit erstmals die Aufmerksamkeit auf das Internet als mächtiges «freies» Medium, «Gegenöffentlichkeit» und Forum «außerparlamentarischer Opposition» lenkte.

Doppelbödige Geschichte

Die Drudge-Enthüllungen über Präsident Bill Clinton kamen seinerzeit jedoch laut einer Vielzahl kritischer Berichte nicht von Unbekannten und Einflusslosen, sondern aus der Sphäre rechter republikanischer Kreise, die außerordentlich gut mit Sonderermittler Starr und anderen vernetzt waren. Der konservative Klatsch-Journalist Matt Drudge ließ sich von ihnen nur zu gern mit Informationen versorgen.

Das heißt nicht, dass die Informationen des «Drudge Report» falsch waren. Es heißt aber, dass sich die Geschichte der Bush-Memos auch ganz anders erzählen lässt - was wiederum in gegnerischen Blogs und auch in einigen Medienberichten geschehen ist: Dass Fälschung und Aufdeckung aus der gleichen Quelle kommen könnten, und zwar einer konservativen, die ein Interesse daran hat, alle die vielfältigen, berechtigten Zweifel an Bushs Militärdienst durch eine grobe Falschmeldung und deren inszenierte «Aufdeckung» zu entwerten. Diese durch nichts bestätigten Spekulationen stellen die «Hands-down»-Taktik des Weißen Hauses und das augenscheinliche Glück Bushs in ein anderes Licht.

Ohne selbst in diesem Sinne zu spekulieren, ließ «60 Minutes» die Sekretärin des inzwischen gestorbenen Offiziers zu Wort kommen, dessen Unterschrift die Memos tragen: Sie sagte, sie seien zwar gefälscht, aber inhaltlich entsprächen sie genau dem, was ihr Chef seinerzeit gemeint habe.

Aufruf zum Widerspruch

In Europa ist der Trend zu hoch aufmerksamen politischen Watchblogs noch nicht angekommen, der in den USA auch durch Eigen-Blogs von Wahlkämpfern (zuletzt der prominenteste: Howard Dean) gefördert wird, die geradezu zu Widerspruch und «Gegenöffentlichkeit» aufrufen.

In Deutschland gibt es allerdings bereits Watchblogs wie «Bildblog.de», in denen geprüft wird, was Medien an Informationen anbieten. «Bildblog» ist ein Profi-Weblog, was gewisse Standards nahelegt. Immer mehr Menschen verfügen durch das Internet über ähnlich umfassende Rechercheinstrumente wie Journalisten, doch auch jene Journalisten, die Blogs mehr und mehr Bedeutung beimessen, kommen nicht umhin, Informationen aus Blogs zu prüfen und zu verifizieren, bevor sie sie kolportieren. Und die Bloghype-Kritiker sind sich sicher, dass die «60 Minutes»-Memos ohnedies angezweifelt worden wären. (nz)

 
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