02.12.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Google will an die Börse. Insider beschreiben das Unternehmen allerdings als ziemlich chaotisch.
Der nächste große Entwicklungsschritt in der gerade einmal fünfjährigen Geschichte der Suchmaschine Google steht bevor: Der in seinem Segment marktführende Web-Anbieter plant, obwohl er es selbst (noch) nicht so recht zugeben will, für das Frühjahr 2004 seinen Börsengang (IPO). Der soll mal eben 20 Milliarden Dollar in die Kassen spülen, wenn alles gut geht.
Schnell ganz großDavor stand ein gigantisches Wachstum: Innerhalb der letzten achtzehn Monate vervierfachte sich die Belegschaft auf über 1300 Mitarbeiter, während die Umsätze, sofern man dies ohne veröffentlichte Fundamentaldaten abschätzen kann, sich wohl auf 900 Millionen Dollar im Jahr versechsfacht haben - bei geschätzten Gewinnen in Höhe von 350 Millionen Dollar.
Damit bewegt man sich in einer Liga mit Veteranen-High-Tech-Hiflyern wie Apple, bei denen allerdings noch richtige Hardware zusammengeschraubt wird, während Google vor allem eine Dienstleistungs- und Werbeverkaufsfirma darstellt. Sie zeigt (oder will zeigen), dass Internet-Geschäftsmodelle rasant wachstumsstark und dabei valide sein können.
WachstumsschmerzenDennoch ist offenbar nicht alles Gold, was bei Google glänzt: Wie das renommierte US-Wirtschaftsblatt «Fortune» schreibt, erweist sich die Firma beim näheren Hinsehen als «talentiertes Unternehmen, das vor Schwierigkeiten steht». Laut «Fortune» leidet die Suchmaschine an klassischen Problemen in der Pubertät eines kommenden Großunternehmens: Während die Spitze aufgrund der angeblichen Unverwundbarkeit sichtbar arroganter geworden sei, führe die Unzahl neuer Mitarbeiter zu organisatorischen Problemen. Die Gier nach Aktienoptionen gehe um und Google verändere sich zur Zeit auf für die Mitarbeiter merkwürdige Weise. Und: Die Wachstumsschmerzen kämen zur Unzeit.
Vor allem aber herrsche das kreative Chaos: So berichtet ein Kunde, dass zu einem meeting die Leute in der Regel zwanzig Minuten zu spät kämen, weshalb Externe ihre Präsentationen wiederholen müssen. Andere Mitarbeiter gehen zehn Minuten vor dem Ende, während des meetings spielen die meisten Teilnehmer mit ihren Blackberries oder anderes mobilen Geräten herum.
Disziplin gehöre, so die Gründer, nicht zu den obersten Tugenden. Kreativität sei wichtiger. Für den Börsengang muss der CFO Eric Schmidt nun dafür sorgen, dass ein Grundverständnis für die strengen Regeln der SEC einkehrt - eine Anforderung, die viele für einen existenziellen Kulturschock für Google halten.
Interne Schwierigkeiten?So ist die aktuell hervorragende Position im Markt wohl nicht zu halten, wenn Großkonzerne wie Microsoft oder etabliertere Online-Marken wie Yahoo mit Macht in Googles Nischen drängen. Und intern knirscht es, weil nicht klar ist, ob CEO Eric Schmidt oder die Gründer Larry Page und Sergey Brin das Unternehmen führen. Basiert ein möglicher Milliarden-Börsengang Googles daher nur auf einer verspäteten Dot-Com-Blase, bei der intern ähnlich verrückte Hype-Mechanismen ablaufen, wie wir sie aus den Jahren 1999 und 2000 kennen? Wenigstens macht die Firma gute Gewinne. Ginge das Experiment Google schief, würde die ganze Netz-Branche zurückgeworfen, schließlich steht die große Suchmaschine für den Erfolg, den man online haben kann - aller «New Economy»-Krisen zum Trotz.