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Virtuelles Leben im Netz

14. Nov 2003 17:06, ergänzt 16. Nov 2003 09:13
Galaktische Kriege gefällig? Kein Problem, es gibt sie kostenlos im Internet
Foto: Galaxywars
Im wahren Leben sind Zauberer, Dämonenmeister oder galaktische Warlords recht selten, im Internet nicht. Online-Rollenspiele bieten eine Welt mit vielen Möglichkeiten und hoher Suchtgefahr.

Sie nennen sich Kampfdackel, Inquisitor oder einfach Brause, und sie wollen kämpfen, schachern, verhandeln oder einfach nur spielen und für ein paar Minuten am Tag jemand anders sein. Rollenspiel heißt das Genre, mit dem sich Tausende die Zeit vertreiben, vom 14-jährigen Schüler bis zum 40-jährigen Anwalt. Dank des Internets müssen sie sich nicht einmal als Ritter verkleiden und mit selbstgehäkelten Kettenhemden durch den Wald rennen, sondern können im heimischen Wohnzimmer sitzen, während sie in Scharen Orks oder Drows oder gegnerische Raumschiffe jagen.

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Viele dieser Spiele kosten die Möchtegern-Kriegsherrn und Weltraum-Helden lediglich Online-Gebühren, das Mitmachen ist umsonst; ausgedacht, programmiert und unterhalten werden die Universen von einigen Enthusiasten, die das als Hobby betrachten. Thomas Weichert ist einer davon.

«Ziemlich aufwändig»

«Vor zwei Jahren habe ich 'Galaxywars' entdeckt, so etwas wie den Urvater dieser Spiele und irgendwann dachte ich mir, so was mach ich selber mal», sagt er. Thomas Weichert ist 18 und macht im kommenden Jahr sein Abitur, doch daneben opfert er einen großen Teil seiner Zeit «Escape to Space» (ETS). Er hat es allein entwickelt und programmiert, er betreibt den Server, auf dem es läuft und verbringt jeden Tag bis zu zwei Stunden damit, alle Fehler und Probleme zu beheben, damit seine inzwischen fast 5000 Spieler glücklich sind.

«Manche denken sicher, ich bin wahnsinnig und der Support ist wirklich ziemlich aufwändig, doch mir macht es Spaß», sagt er. Er lerne außerdem viel dabei und könne seine Kenntnisse erweitern. Da er später etwas mit Internet und Computern machen wolle, könne das kaum schaden.

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Auch über die Kosten macht er sich keine Sorgen, dank einiger Werbebanner und sehr vieler Klicks seiner Spieler kann er den Betrieb des Servers finanzieren. Seine Arbeitskraft jedoch kaum. 800 bis 1000 Arbeitsstunden stecken in dem Spiel, schätzt Weichert, einige Mitspieler danken es ihm mit kleinen Spenden, andere, in dem sie ihn bei der Betreuung der vielen Abhängigen unterstützen.

Einsam sei er dabei ebenfalls nicht. «Ich hab ja 5000 User, mit denen ich mich rumschlagen muss, und ich habe auch ziemlich gute Freunde durch ETS gefunden.» Selber zum Spielen komme er allerdings kaum noch.

Erträumte Welten, phantastische Titel

Zu sehen ist bei den meisten dieser Spiele eigentlich nichts, Bilder kosten nur teuren Speicherplatz. Die Namen und Handlungen unterscheiden sich, doch der Aufbau bei solchen «Massively Multiplayer Online Roleplaying Games» (MMORPG) ist ähnlich, immer müssen Rohstoffe gefördert, Infrastrukturen gebaut, Kriege geführt und Allianzen gebildet werden.

Die erträumten Welten drücken sich oft lediglich in den vielen Phantasie-Titeln und den manchmal geschnörkelten, manchmal rüden, oft aber einfach nur begeisterten Nachrichten aus, die untereinander ausgetauscht werden.

High-End-Version eines Rollenspiels - Star Wars Galaxies
Doch gibt es auch Spiele, die weitaus mehr Aufwand betreiben und nicht nur wenige Tausend Nutzer anziehen wollen, sondern bis zu einer Million, die außerdem auch noch bereit sind, dafür jeden Monat Geld zu bezahlen. Mit Grafik und ausgefeilten Spielwelten wolle man vor allem «Hard Core Gamer» locken, wie Chris diBona, einer der Betreiber eines solchen professionellen Portals dem Online-Nachrichtenportal «Golem.de» erzählte: «Also Menschen, die viele Stunden pro Tag investieren, um ein Online-Rollenspiel wie Everquest oder Anarchy Online zu spielen.»

Suchtgefahr

Solche High-End-Versionen kosten oft mehr als zehn Dollar Abogebühren im Monat und brauchen sehr viel Zeit, um in ihnen auch erfolgreich zu sein und «starke» Charaktere aufbauen zu können. Ein kompletter Wechsel von der reellen in die virtuelle Welt ist eher das Ziel als die Sorge der Betreiber. Spieler, die täglich acht Stunden und mehr auf den Seiten verbringen, sind keine Seltenheit.

Solche Hard Core Gamer werden sich bei Weicherts vergleichsweise kleinem ETS wohl langweilen, auch ist es wie die großen nicht darauf ausgelegt, die Nutzer über Jahre zu fesseln. Alle paar Monate wird es schlicht gelöscht und neu gestartet, weil dann zu viele zu mächtige Kriegsherren existieren, um Neulingen noch eine Chance zu lassen. Und es läuft auch nur so lange, wie Thomas Weichert Zeit dafür hat. Also vielleicht noch ein Jahr, während er Zivildienst macht. «Beim Studium werde ich mir schon überlegen, ob ich es weiterlaufen lasse», sagt er. «Sicher gibt es irgendwann Wichtigeres.»

Doch Begeisterung ist trotzdem oder gerade deswegen dabei, nicht nur bei dem Erfinder. Weichert glaubt, «dass sicherlich einige» seiner Nutzer «süchtig sind». Manche würden sich nachts sogar den Wecker stellen, nur um zum optimalen Zeitpunkt irgendeine Aktion zu starten.

 
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