netzeitung.deEU-Software-Patente: «Alles unter der Sonne»

 Herausgeber: netzeitung.de

Das EU-Parlament entscheidet am heutigen Mittwoch über die Einführung von Software-Patenten. Die Netzeitung sprach mit dem Informatiker Robert Gehring über Hintergründe der umstrittenen Richtlinie.

Robert Gehring arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin im Fachgebiet Informatik und Gesellschaft. Seine Forschungsschwerpunkte sind geistiges Eigentum, IT-Sicherheit und Open Source. Er ist einer der Gründer der Berliner Initiative «Rettet die Privatkopie» und beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Thema Software-Patente.

Netzeitung: Herr Gehring, rechnen Sie damit, dass die EU-Software-Patent-Regelung am Mittwoch vom EU-Parlament verabschiedet wird? Wann wird sie dann in Kraft treten?

Robert Gehring: Das so genannte Co-Dezisionsverfahren, in dem auf EU-Ebene gegenwärtig verhandelt wird, kann sich erfahrungsgemäß recht langwierig gestalten. Insofern ist augenblicklich nicht absehbar, wann - und in welcher endgültigen Form - die erwartete Richtlinie zu Software in Kraft treten wird.

Netzeitung: Warum ist die Einführung nach Meinung des Gesetzgebers überhaupt notwendig?

Gehring: Auf nationaler Ebene werden Software-Patente bisher sehr unterschiedlich erteilt. Auch legen die Gerichte in Streitfällen jeweils sehr verschiedene Maßstäbe an Gültigkeit und Reichweite von Software-Patenten an. Die EU-Kommission erkennt darin ein Hindernis für den EU-weiten Handel mit geistigem Eigentum und ist nach eigener Aussage bestrebt, mit der Richtlinie eine Harmonisierung herbeizuführen.

Kleine Softwarefirmen werden benachteiligt
Netzeitung: Was sind die Hauptkritikpunkte?

Gehring: Es gibt eine Vielzahl von Kritikpunkten. Aus meiner Sicht als Wissenschaftler ist zu bemängeln, dass es keine empirischen Belege für positive volkswirtschaftliche Effekte von Software-Patenten gibt. Auch geht der Kommissionsvorschlag fast ausschließlich auf die Bedürfnisse großer Konzerne mit starker IT-Abteilung ein. Kleine und mittlere Unternehmen, Entwickler von Open Source und freier Software und Wissenschaftler an Universitäten können ihre Interessen im Richtlinienentwurf dagegen nicht reflektiert finden.

Netzeitung: Rechnen Sie damit, dass der Wettbewerb tatsächlich eingeschränkt wird? Drohen «unsinnige» Patente?

Gehring: An «unsinnigen» Patenten, wie Sie es nennen, gibt es sicherlich auch heute schon keinen Mangel. Und dass staatlich sanktionierte Monopole - wie es Patente nun einmal sind - den Wettbewerb einschränken, werden selbst die Befürworter von Software-Patenten nicht ernstlich abstreiten. Ob dem ein angemessener Wohlfahrtsgewinn gegenübersteht, ist in meinen Augen mehr als zweifelhaft.

Bisher erfolgreiche Proteste
Netzeitung: Wieso fühlt sich die Open-Source-Szene mit Linux und Co. so stark betroffen?

Gehring: Das Patentrecht verlangt nach Geheimhaltung bis zur Patentanmeldung. In einem offenen Produktentwicklungsprozess gibt es derlei Geheimhaltung nicht. Open Source-Entwickler können daher keine Patente erwerben, um sie gegebenenfalls zum Tausch gegen andere, benötigte Technologiepatente einzutauschen, oder sich gegen Patentverletzungsklagen zur Wehr zu setzen. Dadurch sind sie angreifbarer als beispielsweise Firmen wie IBM, Sun oder Microsoft, die über ein großes Patentportfolio verfügen.

Netzeitung: Wie erfolgreich waren die Demonstrationen und Aktionen der Bewegung bislang?

Gehring: Erstaunlich erfolgreich, glaubt man den optimistischen Meldungen der letzten Tage. Die von US-Unternehmen unterstützten Hardliner mussten zumindest teilweise von ihren Positionen abrücken und europäische Interessen sind wieder Gegenstand der Diskussion. Das ist mehr, als vor ein paar Monaten noch zu erhoffen war.

Netzeitung: Sind in Amerika nicht bereits ähnliche Regelungen in Kraft?

Gehring: Allerdings. Auf Grund von diversen Gerichtsurteilen ist in den USA praktisch «alles von Menschenhand geschaffene unter der Sonne» (so der U.S. Supreme Court in einem Urteil von 1980) patentierbar, insofern es ein greifbares, nützliches Resultat zur Folge hat. Software jedweder Art ist damit ebenso abgedeckt, wie Geschäftsmethoden. Beide sind in den USA sehr weitgehend patentierbar.

Die Fragen stellte Ben Schwan.


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