Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Google mit den eigenen Waffen schlagen

15. Jul 2003 11:39
Die Suchmaschine Google interessiert nicht, was auf einer Seite steht, sondern nur, was andere darüber denken. Google-Bomber versuchen, diese seltsame Wahrnehmung per Ironie wieder auf die Füße zu stellen.

Google ist einzigartig, unter anderem deshalb, weil die Suchmaschine Internet-Seiten findet, die gar nicht gesucht wurden. Seit ihrem Start gibt es immer wieder erfolgreiche Versuche, die Platzierung der Ergebnisse zu manipulieren – der Sport heißt Google-Bombing.

Mehr in der Netzeitung:
Ziel ist es, eine Internet-Seite auf Platz eins der Such-Ergebnisse erscheinen zu lassen, wenn nach bestimmten Phrasen gesucht wird. Ende 1999 gelang es zum Beispiel, auf die «Frage» 'more evil than satan himself' die «Antwort» 'Microsoft' zu erzeugen. Im gleichen Jahr bekam der Suchende unter dem Stichwort 'this company sucks' zeitweise als erstes Ergebnis den Link zur Website des Disney-Konzerns und als drittes den zu Microsoft.

Hacker ohne Talent

Als Klassiker und erste Google-Bomb gilt der «talentless hack» von Weblogger Adam Mathes. Der wollte einen Freund ärgern und bat jeden, der mitmachen wollte, einen bestimmten Link auf seiner Homepage zu platzieren. Den hier: Andy <a href=«http://www.ohmessylife.com»>«talentless hack»</a> Pressman.

Mehr im Internet: Google-Bomben
Der HTML-Code erzeugt einen Textlink zur Website von Mathes Freund Andy Pressmann – der Link versteckt sich hinter dem Text 'talentless hack', und diese Phrase speichert Google. Denn die Maschine interessiert sich nicht dafür, wie ein Link heißt, oder ob ein Suchwort überhaupt auf der gesuchten Seite steht, sondern nur dafür, wie oft der Link auf anderen Seiten steht. Innerhalb eines Jahres hatte Mathes es geschafft, unter der Phrase 'talentless hack' erschien an Platz eins die Site seines Freundes Pressmann.

Doch explodieren solche «Bomben» schnell und sind nach einer Weile wieder verschwunden, da die Suchmaschine ziemlich häufig überprüft, ob die Referenzseiten den Link noch anzeigen. Daher findet Google heute unter dem talentlosen Hacker an erster Stelle die Seite von Mathes, der er das Bombing anzettelte. Ein Klassiker eben.

Nicht nur für solche Scherze, auch für politische Meinungsäußerungen taugt Google. US-Präsident George Bush zum Beispiel belegte im Januar 2001 den ersten Platz bei der Suche nach «dump motherfucker».

Hintergrund: Ostereier
Und dann gibt es noch versteckte Scherze der Google-Macher. Einige, so scheint es, haben Humor. Die Links www.google.com/microsoft und /mac erzeugen nette kleine Bilder und führen zu eigenen Suchplattformen. Und wer möchte, kann auch mit einer klingonischen Suchmaske arbeiten.
Die Suche nach französischen Kriegserfolgen (french military victories) führt zurzeit zu einer Seite, die nahe legt, dass die Franzosen noch nie einen Krieg gewonnen haben, und dass besser nach verlorenen Schlachten (military defeats) gesucht werden sollte. Die werden dann auch ausführlich aufgeführt.

Google als Massenvernichtungs-Waffe

Während des Irak-Krieges zündete der Pharmazeut und Uni-Dozent Anthony Cox dann sogar eine Massenvernichtungswaffe. Die Phrase «weapons of mass destruction» führt direkt zu einer Internet-Seite, auf der Cox die vergebliche Suche nach solchen Waffen in Irak verulkt. Dabei, so erzählte Cox vor wenigen Tagen dem britischen «Guardian», habe er gar nicht gewusst, was er da tat.

«Im Februar las ich online einen Artikel im Guardian über die Probleme von Hans Blix mit der Kooperation der Iraker. Kurz darauf wurde ich mit einer der allgegenwärtigen 404-Fehlerseiten konfrontiert. Mit dieser glücklichen Inspiration im Kopf und mit Hilfe eines Text-Editors und eines Grafik-Pakets bastelte ich eine Ulk-404-Fehlerseite.» Da Freunde diese lobten, habe er sie bei einer Newsgroup platziert und innerhalb weniger Tage explodierten die Zugriffe. Seit Monaten schon ist sie bei Google auf Platz eins und legt die Schlussfolgerung nahe, dass selbst Google keine Massenvernichtungs-Waffen finden kann.

Mehr im Internet: Texte übers Bomben
Weblogs haben die Zündschnüre solcher Bomben erheblich verkürzt – auf ihnen stehen unzählige Links ohne eigentliche Inhalte, und es ist ihr Hauptzweck, Seiten miteinander zu verknüpfen. Weblog-Pionier Dave Winer hat mit dem Chef der Online-Abteilung der «New York Times», Martin Nisenholtz, gewettet, dass er es schafft, bis 2007 die renommierte Zeitung an Platz eins abzulösen, wenn man bei Google nach ihr sucht. Er hat gute Chancen.

Google als Wahrnehmungsfilter

Zwar braucht es im Zweifel Hunderte von aktuellen und gut verlinkten Weblogs, um ein Suchergebnis bei Google zu beeinflussen, doch wie diese Bomben zeigen, ist es möglich. Und jede dieser Ideen ist ein Beleg für das Problem, welches schon Andy Mathes mit seinem Hack zeigen wollte: Google stellt die normale menschliche Wahrnehmung auf den Kopf. «In einer bizarren surrealen Verbiegung der Macht der Wahrnehmung im Netz wird das, was man über eine Seite sagt, genauso wichtig, wie das, was eigentlich auf ihr steht. Die Seite muss also das sein, was andere Leute sagen, was sie ist.»

Mehr im Internet: Sekten-Krieg
Dieses seltsame Prinzip hat beispielsweise zu einem verbissenen Kampf von Scientology und Scientology-Gegnern im Netz geführt. Die Sekte bemüht sich seit einiger Zeit intensiv, an erster Stelle unter dem Stichwort 'Scientology' bei Google gefunden zu werden. Ähnliches versuchten Kritiker und hatten es durch massive Verlinkung bereits geschafft, mit einer ihrer Seiten (Operation Clambake) unter dem gleichen Stichwort bis auf Platz vier oder fünf vorzustoßen.

Scientology forderte Google unter Berufung auf den amerikanischen Digital Millenium Copyright Act im Jahr 2002 auf, die Kritiker-Seiten nicht mehr aufzulisten. Die Begründung lautete, sie würden Urheberrechte verletzen. Google tat es, doch es nützte nichts. Zurzeit ist die Operation Clambake sogar auf Platz zwei. Die verzerrte Wahrnehmung des Google-Prinzips wurde durch das Prisma des Internets wieder gerade gebogen.

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Zum Tarifrechner
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Immobiliensuche
Immobilien
immonet
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.