Google News: «Wir machen Medien keine Konkurrenz»
10.07.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Michael Schmitt, 30, stammt aus Deutschland und hat an der TU München Informatik studiert. Er arbeitet seit drei Jahren bei Google in Palo Alto (Silicon Valley), seit anderthalb Jahren ist er technischer Leiter von Google News. Er überwacht Design und Implementierung der Plattform - nicht nur der deutschen, sondern auch aller anderen. Das Team von Google News ist klein, Journalisten werden nicht beschäftigt.
Netzeitung: War es schwierig, das englischsprachige Google News-Angebot für das deutsche Web zu adaptieren?
Michael Schmitt: Die beiden Kernstücke des Systems (das Extrahieren von Überschrift und Text einer Nachricht aus der HTML-Seite sowie die Gruppierung von Artikeln, die dasselbe Thema behandeln) wurden so sprachunabhängig wie möglich konzipiert. Daher war es relativ einfach, einen deutschsprachigen Google News-Prototypen zu erstellen.
Etwas schwieriger war die Qualität der automatischen Themenauswahl für die deutsche Startseite. Dies ist im Englischen etwas einfacher: Englischsprachige Online-Nachrichten werden in aller Welt publiziert. Daher sind viel mehr und viel größere Artikel-Gruppen (beziehungsweise Themen) vorhanden. So ist es einfacher für unsere Software zu entscheiden, welche Themen die wichtigsten sind.
Netzeitung: Ist dies die erste nicht-englische Variante, die Google von seinem Nachrichtenangebot erstellt hat?
Schmitt: Ja.
Netzeitung: Warum hat man den deutschen Markt gewählt?
Schmitt: Wir versuchen immer, unsere Dienste in so vielen Sprachen wie möglich anzubieten. Deutschland ist einer der wichtigsten Märkte fuer uns. Wir haben über 15 Millionen Benutzer in Deutschland. Ausserdem war es hilfreich, dass ich Deutscher bin. (grinst)
Netzeitung: Woran erkennt Google News, dass eine Quelle besonders wichtig ist? Wie wird eine Nachricht Aufmacher der Titelseite?
Schmitt: Wir benutzen eine Vielzahl von Faktoren, um die Relevanz von Themen und die relative Relevanz aller Artikel über ein Thema zu erkennen. Ich kann leider nicht im Detail auf diese Faktoren eingehen.
Netzeitung: Passieren bei diesem automatischen Prozess nicht auch Fehler?
Schmitt: Ab und an geht etwas schief. Während des Entwicklungsprozesses wurde manchmal nicht der richtige Titel eines Artikels gefunden oder ein Thema wurde ins falsche Ressort sortiert. Manchmal wurden auch Artikel über zwei verschiedene Themen zusammen gruppiert oder das Bild zum Thema war falsch.
Wir befinden uns im «Beta»-Stadium. Wir sind also noch immer damit beschäftigt, die Qualität und Genauigkeit unserer Algorithmen zu verfeinern, so dass Fehler immer seltener auftreten.
Netzeitung: Wie nehmen Sie Ihre Quellenauswahl vor? Gibt es Regeln?
Schmitt: Benutzer können Quellen vorschlagen, die wir noch nicht aufgenommen haben. Eine E-Mail genügt. Wir können zwar nicht garantieren, dass alle vorgeschlagenen Quellen aufgenommen werden, aber wir überprüfen alle Vorschläge, die uns zugesandt werden.
Netzeitung: Planen Sie, auch nicht-kommerzielle Angebote wie Weblogs einzubinden?
Schmitt: Ein Nachrichtenanbieter muss nicht unbedingt kommerziell sein. Ich kann momentan noch nicht sagen, ob wir jemals Blogs stärker in Google News einbinden werden.
Schmitt: Wir sind bemüht, Pressemitteilungen immer korrekt zu kennzeichnen, damit sie nicht mit Nachrichten verwechselt werden können. Wie ich schon sagte, wir sind noch im «Beta»-Stadium und intensiv damit beschäftigt, den Dienst zu verbessern. Wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, aber wir können nicht garantieren, in der Zukunft keine Fehler zu machen.
Netzeitung: Machen Sie den klassischen Medien mit dem Angebot Konkurrenz? Ändern Sie deren Bedeutung?
Schmitt: Wir machen Medien keine Konkurrenz. Wir agieren als Mittler zwischen dem Informationssuchenden und dem Informationsanbieter. Die Information selbst ist auf Google News ja nicht erhältlich, nur der Link, der zur Information führt.
Netzeitung: Wer ist Ihre Zielgruppe - die «Newsjunkies», die zu jeder Meldung möglichst viele Quellen wollen? Alle an Aktuellem Interessierte?
Schmitt: Genau. «Alle an Aktuellem Interessierte» - das ist unserer Zielgruppe. Für die gezielte Nachrichtenrecherche haben wir die Suchfunktion, für den Überblick über das aktuelle Geschehen haben wir die Startseite.
Die Fragen stellte Ben Schwan.

