Der Ein-Mann-Blogger-Journalist
23.06.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Netzeitung: Können Sie von Ihrer Arbeit leben - ein Jahr nach Start von Paidcontent.org?
Rafat Ali: Das kann ich tatsächlich ziemlich bequem. Ich verdiene jetzt in London fast doppelt wie als leitender Redakteur beim «Silicon Alley Reporter» in New York. Dort habe ich bis September letzten Jahres gearbeitet.
Netzeitung: Es gibt also tatsächlich noch einen Werbemarkt da draußen?
Netzeitung: Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Als Blogger-Journalist? Als Ein-Mann-Verlag?
Mit zwei neuen Websites [Digmi.net zum Thema digitaler Musikvertrieb und Moconews.net zum Thema Handy-Inhalte, Anm. d. Red.], die ich gerade gestartet habe, versuche ich, ein Mini-Medien-Unternehmer zu werden. Ich plane außerdem verschiedene Events und einen eigenen Preis, der «Content Commerce Awards» heißen könnte.
Netzeitung: Denken Sie, dass Ihr Modell sich auch für andere Journalisten eignet - beispielsweise diejenigen, die (in der Medienkrise) entlassen wurden?
Ali: Ja. Ich finde, man kann über eine eigene Website gut eine unabhängige Journalisten- und Unternehmer-Karriere aufbauen, aber man braucht auch dringend einen Backup-Plan. Wenn man über Berufserfahrung als Reporter und Journalist verfügt, ist das gut - oder auch wenn man sich in einer Industrie besonders gut auskennt. Kids direkt von der Journalistenschule dürften aber große Schwierigkeiten damit haben, für die ist es wahrscheinlich ganz unmöglich.
Übrigens meinten bereits einige Analysten, die Weblog-Bewegung sei nur deshalb so abgegangen, weil viele frühere Dot-Commer entlassen wurden und jetzt nichts besseres mehr zu tun hätten.
Netzeitung: Was war wichtig für Ihren Erfolg? Die Nische?
Ali: Ja, die Nische, die Nische und nochmals die Nische. Man kann keinen Erfolg erwarten, wenn man eine Website oder ein Blog startet, weil man es mag und es 1000 andere solcher Websites gibt. Man muss wissen, wie man exklusive Storys bringt, die niemand anderes hat.
Ich hatte Glück, weil ich so eine Welle erwischt habe, den Trend in Richtung bezahlte Inhalte (Paid Content) und dann mitlief. Der Trend wird – so meine Prognose - in ca. ein bis zwei Jahren zum Mainstream, deshalb mache ich jetzt auch noch andere Sites. Als guter Journalist sollte man die nächsten Trends kennen.
Netzeitung: Kann man Qualität liefern, wenn man alleine arbeitet und keine redaktionelle Unterstützung hat?
Ali: Das ist eine gute Frage. Ich hätte gerne redaktionelle Unterstützung. Doch obwohl ich Geld verdiene, reicht es noch nicht, um jemanden anzustellen. Man muss sich jederzeit sicher sein, dass man die redaktionelle Qualität halten kann. Man kann es sich nicht leisten, schlechter zu werden. Wenn man aufhört, den Leuten eigen recherchierte Nachrichten zu liefern, sind sie bald weg.
Netzeitung: Sehen Sie sich als eine Art Prototyp eines neuen journalistischen Modells, das zur Medienlandschaft signifikant beitragen kann?
Ali: Da habe ich eigentlich wenig Hoffnung. Wir Journalisten glauben immer, wir würden eine Art Geheimwissenschaft betreiben - aber das tun wir nicht. Jeder mit einem Gespür für Nachrichten, der vernünftige Features schreiben kann und Spezialwissen auf einem Gebiet hat, ist ein Journalist. Also ist das «neue Modell» in diesem Sinne nicht unbedingt journalistisch.
Ich folge eher den Pfaden derer, die keine Journalisten sind - Iwantmedia.com [ein Medien-Weblog, Anm. d. Red.], Corante.com [New-Media-Weblog-Sammlung, Anm. d. Red.] und anderen. Was das Blogging selbst anbelangt: Es hat das Potenzial, für mehr Offenheit in der Medienlandschaft zu sorgen. Das tut es bereits zum Teil und genau da will ich hin.
Die Fragen stellte Ben Schwan.
