netzeitung.deBahn mahnt Web-Kunstprojekt ab

 Herausgeber: netzeitung.de

Der Streit um Links im Web wird diffuser. Ein preisgekröntes Web-Kunstprojekt bekam nun eine Abmahnung der Deutschen Bahn, weil es angeblich einen Sabotage-Leitfaden verlinkte.

Den Link zum «kleinen Leitfaden zur Behinderung von Bahntransporten aller Art», ein Pamphlet aus der linken Szene, dass sich mit der Sabotage von Castor-Transporten beschäftigt, hatte die Bahn-Rechtsabteilung selbst generiert: Das preisgekrönte Web-Kunstprojekt mit dem Namen «Assoziations-Blaster» erlaubt es dem Benutzer, jede Form von Seite auszuwählen, die anschließend von einer speziellen Software verfremdet wird.

10.000 Euro Strafe soll dem Angebot nun drohen, falls es den «illegalen Link» nochmals zulasse. Alvar Freude, Betreiber des «Assoziations-Blasters», antwortete der Netzeitung auf Fragen per E-Mail.

Netzeitung: Herr Freude, warum hat die Bahn Sie konkret abgemahnt?

Alvar Freude: Die Deutsche Bahn AG ist der Ansicht, dass wir bei unserem Online-Projekt Assoziations-Blaster einen Link auf eine Webseite gesetzt hätten, auf der ein Leitfaden steht, wie man Bahn-Anlagen so manipulieren kann, dass der Bahnverkehr gestört wird.

Nur haben wir diesen Link nicht gesetzt. Der Bahn-Mitarbeiter hat die entsprechende Adresse selbst in den Web-Blaster eingegeben, der eine Verknüpfung fremder Webseiten mit dem Assoziations-Blaster erlaubt. Auf der so manipulierten Seite erscheint dann ein Link zur angegebenen Originalseite mit dem Hinweis «Abschalten».

Netzeitung: Wie haben Sie auf die Abmahnung reagiert?

Freude: Wir mussten den Wunsch der Bahn, den von ihr selbst erstellten Link zu entfernen, abweisen, da wir diesen wie gesagt gar nicht gesetzt haben! Da diese Forderung offensichtlich auch für alle inhaltsgleichen Seiten gilt, der Leitfaden aber an vielen Stellen im Netz verfügbar ist, ist es uns schlicht unmöglich, der Forderung nachzukommen.

Netzeitung: Versteht die Bahn die Web-Technik nicht?

Freude: Das dortige Wissen dürfte sich nur minimal vom Durchschnittswissen in anderen Firmen unterscheiden. (grinst) In diesem Fall dürfte vor allem schlampig gearbeitet worden sein. Die Beschreibungen beim Web-Blaster sind eindeutig, und mit ein bisschen Ausprobieren wird der Zusammenhang schnell klar. Die zuständigen Mitarbeiter von der Bahn sind aber anscheinend von den bösen Inhalten so geblendet, dass der Verstand nur noch eingeschränkt funktioniert. Aber auch das ist nichts besonderes, ähnliches kennen wir ja von Düsseldorfs Regierungspräsident Jürgen Büssow. [Hat in NRW ein umstrittenes Web-Zensur-Projekt gestartet, Anm. d. Red.]

Netzeitung: Gab es bereits Reaktionen auf Ihre Entgegnung?

Freude: Nein, trotz der Bitte um umgehende Klärung und Antwort haben wir bisher noch nichts von der Bahn gehört.

Netzeitung: Hat die Abmahnung Ihrer Meinung nach mit Ihren Anti-Web-Zensur-Aktivitäten zu tun?

Freude: Das ist schwer zu sagen. Mir ist es bisher ein Rätsel, wie die Bahn auf die Idee kam, die Adresse des Leitfadens in den Web-Blaster einzugeben und uns dafür die Schuld zu geben. Es ist möglich, dass uns jemand angeschwärzt hat - dies muss aber schon länger her sein, da Zugriffe der Bahn auf die entsprechenden Seiten bereits im vergangenen Juli erfolgten.

Die Fragen stellte Ben Schwan.