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«CNN der Weblogs wird es nie geben»

18. Feb 2003 09:39
Cory Doctrow
Googles Übernahme von «Blogger» ist bestimmendes Thema in der Weblog-Community. Die Netzeitung sprach mit Netzaktivist Cory Doctorow über die Auswirkungen.

Thema: Blogger-Übernahme
Cory Doctorow, Science-Fiction-Autor und Aktivist bei der US-Netzbürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation, gehört zu den Pionieren der Weblog-Szene. Sein Blog Boingboing.net ist eines der meistgelesenen IT-Weblogs.

Netzeitung: Herr Doctorow, was war Ihre erste Reaktion, als Sie vom Google-Blogger-Deal hörten?

Cory Doctorow: Ich war begeistert, denn ich kenne die Leute, die hinter Blogger stecken. Ich weiß, unter welchen Bedingungen Pyra Labs das Weblog-System bisher am Leben hielt. Der Aufkauf ist fantastisch für sie, nun haben sie keine finanziellen Probleme mehr. Ich finde auch, dass Google unfassbar clever ist, sich die Blogger-Kompetenz einzukaufen.

Netzeitung: Warum halten Sie Google für clever?

Doctorow: Es ist einfach sinnvoll. Das, was Google derzeit maschinell mit seiner «Page Rank»-Technologie macht, tun die Blogger als Personen: Sie organisieren komplexe Informationen und verlinken die Seiten, die derzeit spannend sind. Wenn die Betreiber von Google klug sind, nutzen sie diese Metadaten, um ihre Suche zu verbessern. Das ist das Kerngeschäft von Google. Dank Blogger stehen ihnen eine Million kostenlose Rechercheure zur Verfügung, die untereinander in Verbindung stehen.

Netzeitung: Hat Google eine Verbesserung seiner Technologie nötig?

Doctorow: Die Konkurrenz holt auf. Der Blogger-Aufkauf könnte sich als Wettbewerbsvorteil erweisen und die Produktivität enorm steigern.

Netzeitung: Was, denken Sie, hat Google mit Blogger vor?

Mehr in der Netzeitung:
Doctorow: Das ist noch nicht abzusehen. Ich denke, sie werden ganz langsam anfangen, die Technologie zu nutzen, die sie eingekauft haben. In solchen Dingen war die Firma immer gut. Ich verspreche mir vor allem, dass die Gesamtfunktionalität von Google verbessert wird.

Netzeitung: Sehen Sie eine Art Ausverkauf der Weblog-Szene?

Doctorow: Nein. Wir alle verstehen, warum Evan Williams (Pyra-Labs-Gründer) verkauft hat und wie sehr er kämpfen musste. Ich freue mich für ihn. Angst hat die Weblog-Welt höchstens davor, dass die Blogger-Netztagebücher nun von Google bei Suchabfragen bevorzugt werden und die technischen Features, die die Szene derzeit zusammenhalten (etwa Link-Programme wie «Trackback» oder der Weblog-Index Weblogs.com), nicht mehr unterstützt werden. Aber Google war bislang immer sehr integrativ - diesen Fehler werden sie nicht machen. Blogger muss in der Familie der Weblogs bleiben.

Netzeitung: Werden Weblogs nun zum Mainstream, wie viele US-Medien spekulierten?

Mehr im Internet:
Doctorow: Ob Blogs nun massentauglich werden oder nicht interessiert mich eigentlich wenig, denn das Medium ist längst Mainstream. Viele Multiplikatoren, vom Journalisten bis zum Media-Einkäufer, lesen die Netztagebücher, um sich über Trends zu informieren. Ich glaube eher, dass das, was wir Mainstream nennen, viel stärker fragmentiert ist, als wir meinen. Eine Art «CNN der Weblogs» wird es daher nie geben.

Die Fragen stellte Ben Schwan.

 
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