Dotcomtod im Umbruch
06.02.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Der inoffizielle Krisenberichterstatter der New Economy wandelt sich: Gründerin «Lanu» zieht sich zurück. «Donalphonso», einer der Hauptakteure, veröffentlicht derweil einen Roman.
Die Community erfuhr es per E-Mail: «Nach zwei spannenden Jahren», schrieb Gründerin «Lanu» am Mittwoch, «werde ich mit dem heutigen Tag das Schicksal von Dotcomtod in Eure Hände geben». Dies sei jedoch keineswegs das Ende des Krisenportals. Die redaktionelle Betreuung werde an die User übergehen, so Lanu in der Abschiedsmail. Für eine Stellungnahme war die Gründerin nicht zu erreichen.
Gründe unklarAuf der Website selbst wird der plötzlichen Rückzug der Dotcomtod-Macherin zunächst nicht gemeldet. Erst am späten Mittwochabend wird die Nachricht debattiert. Die anfangs umstrittene Website, die jede Insolvenz, jede schlechte Meldung über Unternehmen aus «Dotcom»-Szene, Medien und Werbung zynisch debattiert, gilt mittlerweile als Branchentreff. «Donalphonso», einer der Hauptautoren, bekam gar einen Buchvertrag: Sein Roman mit dem Titel «Liquide» spielt in der Münchner High-Tech- und Risikokapital-Szene und erscheint Ende Mai.
Lanu als PhantomWer Dotcomtod-Gründerin Lanu wirklich war, blieb bislang trotz weitläufiger Spekulationen auf der Site und in den Medien unklar. Accounts und Passwörter sind leicht austauschbar - und neben Lanu konnten auch andere Administratoren Beiträge auf dem Pleitenportal frei schalten. Die Vorstellung, dass es sich bei der Dotcomtod-Macherin um eine von der «New Economy» frustrierte Hausfrau handele, gefiel der Userschaft. Ihre oftmals mütterlichen Worte, wenn es um das Schlichten von Streitereien in den Foren ging, werden der Community fehlen, hieß es. Nicht nur deshalb war denn auch gestern von ernsthaft betrübten Nutzern zu hören.
Digitale TränenDem sonst aggressiven Ober-«Sentinel» Donalphonso, der höchstpersönlich die Abschieds-Pressemitteilung verfasste - ohne wirklich selbst zu wissen, was da mit Lanu passiert war - entfleuchten zum Schluss gar ein paar digitale Tränen. «Fassungslos, neben uns, aber trotzdem zusammen stehend: Die Jungs et. al.», schrieb er, bevor er zur Dotcomtod-üblichen Schelte anhob auf die «Aasgeier von Manager-Magazin, Wiwo, Handelsblatt, FTD, FAZ, SZ, Welt», denen auf der Site immer wieder vorgeworfen wird, den «New Economy»-Hype mitgeschürt zu haben und sich nun bei dem Krisenportal mit Negativmeldungen zu bedienen.