27. Dez 2002 10:05
Der Streit ums Urheberrecht droht, die Informationsgesellschaft in Mitleidenschaft zu ziehen. Bekannte US-Rechtsgelehrte und Netzbürgerrechtler wollen gegensteuern - mit einer neuen Lizenz.
Das Projekt mit dem Namen «Creative Commons» ist ein Versuch, Rechteinhaber dank flexibler Lösungen künftig zu einem etwas freigiebigeren Verhalten zu motivieren. Es ist an der renommierten Stanford Law School angesiedelt und wird unter anderem vom bekannten «Cyberlaw»-Professor Lawrence Lessig unterstützt. Die Netzeitung sprach mit «Creative Commons»-Exekutivdirektor Glenn Otis Brown.Netzeitung: Herr Brown, was ist die Hauptmotivation hinter Ihrem Projekt?
Glenn Otis Brown: Unsere Lizenz ist nur die erste von vielen Initiative, die «Creative Commons» starten will. Unser Grundziel bleibt, die kreative Wiederverwertung jeder Art geistigen Eigentums voranzutreiben, egal ob es einen Besitzer hat oder bereits frei von Rechten ist.
Mit unserer Lizenz wollen wir es Kreativen besonders einfach machen, ihre Werke zu teilen oder anderen eine Weiternutzung zu ermöglichen - unter bestimmten Voraussetzungen. So können die Autoren und Künstler ganz präzise bestimmen, was sie weitergeben wollen - und was ihnen gehört. Gleichzeitig zeigen wir dem Rest der Welt Werke auf, die für bestimmte Tantiemen-freie Nutzungsmöglichkeiten bereitstehen.
Netzeitung: Denken Sie denn, dass sich das Urheberrecht heute in einer Schieflage befindet?
Brown: Das Copyright ist eine großartige Sache. Die Regierung gibt Autoren damit die Motivation, Neues zu schaffen, in dem sie ihnen ein eingeschränktes Monopol auf ihre Schöpfung gibt. Die Schieflage denken wir uns vor allem herbei. Die Debatte über das Urheberrecht tendiert dazu, entweder nur schwarz oder weiß zu betonen, dabei ist jedes einzelne Copyright ein Bündel vieler verschiedener Rechte - etwa dass der Verteilung, des Kopierens, des Ableitens anderer Werke und so weiter. Es hängt ganz vom Autor ab, welche dieser Rechte er durchsetzen will.Bislang gibt es nur keinen einfachen Weg, diese feinmaschigen Präferenzen vorzugeben - außer man ist eine große kommerzielle Produktionsfirma oder ein Broadcaster. Die Kultur und die Technologie des Internet ermöglicht es bereits, einen hohen Grad an Einteilungen zu erreichen. Warum also nicht auch beim Copyright? Warum nicht die Autoren sagen lassen: «Einige Rechte vorbehalten» - auf eine möglichst wendige Art und Weise?
Wenn man die Leute dazu motiviert, so zu denken und sich so zu verhalten, gibt es auch keine Schieflage beim Copyright.
Netzeitung: Was könnte Ihrer Meinung nach passieren, wenn sich nichts ändert?
Brown: Es wäre absurd, in einer vernetzten Welt mit all ihren technologischen und kulturellen Versprechen zu leben, während wir unter einer Rechtskultur des 19. Jahrhunderts arbeiten, bei der man die Rechte an jedem einzelnen Wegschritt immer wieder klären muss - quasi von Hand und beschwerlich. Die rechtlichen Reibereien aus dem kreativen Prozess zu nehmen, ist etwas, das Künstler, Konsumenten und Firmen sehen wollen. Das verringert die Kosten und wird die Anzahl der Werke, die produziert werden, erhöhen. Außerdem gibt es weniger Rechtsstreitigkeiten, die Zeit und Geld kosten. Meine Angst liegt in einem Netz, das von unnötigen Reibereien zurückgehalten wird.Netzeitung: Derzeit sieht es so aus, als würde eher die aggressive Art der Urheberrechtsverteidigung im Netz die Oberhand behalten. Kann das mit einem Projekt wie «Creative Commons» umgekehrt werden?
Brown: Wir sind nicht im Geschäft des Lobbying oder des Rechtsstreits. Wir versuchen nicht, die Gesetze zu ändern. Dafür gibt es genug andere großartige Organisationen. Statt dessen geben wir den Leuten freie Werkzeuge an die Hand, die sie nach heutigem Rechtsstand nutzen können. Wenn wir damit die Anzahl von Werken erhöhen, die im Netz auf die ein oder andere Art und Weise von den Leuten geteilt werden können, sind wir schon weit gekommen. Gleiches gilt für das Verständnis, dass das Copyright ein Bündel einzelner Rechte ist, die man unterschiedlich einsetzen kann - und daher nicht in ihrer Gesamtheit blind einfordern muss.
Netzeitung: Im Bereich des Patent-Rechtes gab es in der Vergangenheit im Zusammenhang mit dem Internet ebenfalls viele Konflikte - ein Beispiel ist das bekannte «1-Click»-Patent des Online-Händlers Amazon, mit dem ein Konkurrent ausgehebelt werden konnte. Wollen Sie ebenfalls in dieses Feld vordringen?
Brown: Bislang geht es uns um das Urheberrecht. Spätere Projekte könnten auch in die Patent-Welt gehen. Auch dort wird unser Ziel sein, die kreative Wiederbenutzung bestehender Werke samt innovativer Geschäftsmodelle voranzutreiben. Es geht um den breitflächigen Zugriff auf jede Art von geistiger Arbeit.
Die Fragen stellte Ben Schwan.