18. Okt 2002 09:41
Mitch Ratcliffe, Blogger und High-Tech-Berater, hat eine Ethikdebatte zum Thema Weblogs losgetreten. Das neue Medium brauche Regeln, sagt er im Interview mit der Netzeitung.
Ich denke nicht, dass sie das müssen - und habe auch nie gesagt, dass sie das sollen. Was ich aber glaube, ist, dass sich die Blogger selbst ethische Fragen stellen müssen, genauso wie das andere Leute tun, die Menschen durch ihre Texte beeinflussen können. Der Fakt ist, dass manches Weblog zu einer Art Geschäft geworden ist. Was daraus wird, muss man sehen - aber es braucht keine Definitionen, um sich Fragen der Ethik zu stellen. Wir müssen nicht blind in die Zukunft laufen.Netzeitung: Wundert es Sie, dass Microsoft Weblogger zu einem Event wie der Moebius-Konferenz eingeladen hat?
Ratcliffe: Überhaupt nicht. Es ist Microsofts Job, den Markt in Richtung ihrer Produkte zu beeinflussen. Diese Blogger, die Sites unterhalten, die mit Technologie zu tun haben und häufig Werbung und kommerzielle Links für Handhelds oder Mobiltelefone enthalten, arbeiten in der selben Rolle, wie das junge Technologie-Fachtitel in den Achtzigern taten. Also ist es für Microsoft gut, früh Beziehungen zu ihnen herzustellen. Gibt es einen besseren Weg, als sie einzuladen, mit stierenden Augen auf die Andeutung reagierend, dass sie soviel Einfluss haben, dass Microsoft mit ihnen Zeit verbringen will und sie gratis nach Redmond fliegt?
Netzeitung: Haben Blogger mehr Einfluss, als sie annehmen?
Ratcliffe: Da geht es vor allem darum, die richtigen Leute zu erreichen - und nicht die meisten. Sieht Microsoft die Blogger als so einflussreich an, wie Walter Mossberg, den Technologie-Kolumnisten des «Wall Street Journal»? Noch nicht. Aber Mossberg wird für jährliche oder halbjährliche Treffen mit Bill Gates eingeladen - und dann zahlt das «Wall Street Journal» den Flug. Die Blogger waren wohl überrascht [über die Moebius-Einladung, Anm. d. Red.] und stolz auf ihre Leserschaft. Microsoft ist nicht dumm und wird ein aufstrebendes Medium ignorieren.
Netzeitung: Wie war die Reaktion auf ihre ethischen Fragen in der Weblog-Welt?
Ratcliffe: Viele Leute haben die Idee diskutiert. Doc Searls schrieb einen «Mea Culpa»-Artikel, den ich sehr gedankenvoll und diskussionsfördernd fand - von jemandem, der zu den Pionieren im Weblog-Bereich zählt. Ich bekam auch viele defensive Mails von Bloggern, die zur Moebius-Konferenz gingen und einige sehr vernünftige Antworten von ihnen. Mein Posting wurde von vielen Leuten als ein Edikt von oben fehlinterpretiert. Ich sitze nicht gerade hoch in der Welt.Netzeitung: Wie sehr sehen die Leser großer Weblogs diese bereits als glaubwürdige Quellen an, die mit großen Medien verglichen werden können?
Ratcliffe: Ich denke, viele Leute verwechseln die Meinungen, die sie mit dem Schreiber teilen, mit dessen Glaubwürdigkeit. Also nehmen sie die Kommentare eines konservativen «War-Bloggers» oder eines libertären «Business-Bloggers» als «die Wahrheit, endlich». Dabei sollten sie kritischer als je zuvor lesen.
Netzeitung: Welchen Trend sehen Sie?
Ratcliff: Eine fortgesetzte Entwicklung der Art und Weise, wie die Menschen kommunizieren. Blogging ist nicht das letzte neue Ding. Aber es könnte einen interessanten Platz im Kommunikationsumfeld einnehmen, einen, der sich den «Jede Person ist ein Medium»-Vorhersagen der frühen Web-Ära annähert.
Die Fragen stellte Ben Schwan.