«Weblogs kritisch lesen»
18.10.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Netzeitung: Wundert es Sie, dass Microsoft Weblogger zu einem Event wie der Moebius-Konferenz eingeladen hat?
Ratcliffe: Überhaupt nicht. Es ist Microsofts Job, den Markt in Richtung ihrer Produkte zu beeinflussen. Diese Blogger, die Sites unterhalten, die mit Technologie zu tun haben und häufig Werbung und kommerzielle Links für Handhelds oder Mobiltelefone enthalten, arbeiten in der selben Rolle, wie das junge Technologie-Fachtitel in den Achtzigern taten. Also ist es für Microsoft gut, früh Beziehungen zu ihnen herzustellen. Gibt es einen besseren Weg, als sie einzuladen, mit stierenden Augen auf die Andeutung reagierend, dass sie soviel Einfluss haben, dass Microsoft mit ihnen Zeit verbringen will und sie gratis nach Redmond fliegt?
Netzeitung: Haben Blogger mehr Einfluss, als sie annehmen?
Ratcliffe: Da geht es vor allem darum, die richtigen Leute zu erreichen - und nicht die meisten. Sieht Microsoft die Blogger als so einflussreich an, wie Walter Mossberg, den Technologie-Kolumnisten des «Wall Street Journal»? Noch nicht. Aber Mossberg wird für jährliche oder halbjährliche Treffen mit Bill Gates eingeladen - und dann zahlt das «Wall Street Journal» den Flug. Die Blogger waren wohl überrascht [über die Moebius-Einladung, Anm. d. Red.] und stolz auf ihre Leserschaft. Microsoft ist nicht dumm und wird ein aufstrebendes Medium ignorieren.
Netzeitung: Wie war die Reaktion auf ihre ethischen Fragen in der Weblog-Welt?
Netzeitung: Wie sehr sehen die Leser großer Weblogs diese bereits als glaubwürdige Quellen an, die mit großen Medien verglichen werden können?
Ratcliffe: Ich denke, viele Leute verwechseln die Meinungen, die sie mit dem Schreiber teilen, mit dessen Glaubwürdigkeit. Also nehmen sie die Kommentare eines konservativen «War-Bloggers» oder eines libertären «Business-Bloggers» als «die Wahrheit, endlich». Dabei sollten sie kritischer als je zuvor lesen.
Netzeitung: Welchen Trend sehen Sie?
Ratcliff: Eine fortgesetzte Entwicklung der Art und Weise, wie die Menschen kommunizieren. Blogging ist nicht das letzte neue Ding. Aber es könnte einen interessanten Platz im Kommunikationsumfeld einnehmen, einen, der sich den «Jede Person ist ein Medium»-Vorhersagen der frühen Web-Ära annähert.
Die Fragen stellte Ben Schwan.

