17. Okt 2002 12:26
Wie sehr müssen sich Netztagebuch-Autoren an journalistische Standards halten? In Amerika ist eine Debatte ausgebrochen. Der Anlass: Microsoft zahlte Bloggern einen Konferenzaufenthalt.
«Es war nicht ganz der Dresdner Feuersturm, den ich erwartet hätte», schreibt Mitch Ratcliffe, Internet-Veteran, ehemaliger Journalist und heute Technologie-Berater, der die Diskussion mit einer Veröffentlichung in seinem Weblog lostrat. Immerhin hat sein Posting intern bei den ganz Großen der US-Blogger-Szene Bewegung erzeugt.Doc Searls, Netztagebuch-Mann der ersten Stunde, sah sich gar genötigt, ein «Blogo Culpa» zu verfassen, in dem er sich bei seinen Lesern dafür entschuldigte, ihnen nicht gesagt zu haben, auch als Sprecher bei dem Event bezahlt worden zu sein.
Nick Denton, Autor von «Gizmodo», einem Weblog zum Thema High-Tech-Spielzeug, hatte im Gegensatz zu Searls online eine strengere Politik der Offenlegung betrieben: «Es klingt zwar bizarr, aber Microsoft hält genug von Weblogs, dass sie für meinen Flug und mein Hotel aufkommen. Keine Angst, ich erzähle euch immer noch, ob die neuen Gadgets der Firma gut oder schlecht sind.»
Weblog-Expertin Rebecca Blood, die kürzlich ein Handbuch zu dem Phänomen verfasst hat, widmete in ihrem Werk der «Ethik des Bloggens» gleich mehrere Seiten. In sechs Unterpunkten zeichnet sie einen Verhaltenskodex auf, der sich kaum noch von dem professioneller Publikationen unterscheidet. Ergänzt ist er jedoch um spezifische Techniken des Internet, beispielsweise, dass online verfügbares Material zu einem Weblog-Eintrag zu verlinken sei - anstatt es womöglich zu unterdrücken: «Die Leser verdienen alle Fakten», schreibt Blood. Die ersten Fälle, in denen Blogger mit dem Presserecht konfrontiert werden, dürften auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Vielleicht veranstaltet die Rechtsfakultät der Yale-Universität deshalb am 22. November eine Konferenz, die Journalismus, Jura und Blogging zusammenbringt.