Chinas Web-Zensur in Echtzeit
03. Sep 2002 10:00
Dass das Internet nur zensiert zu den chinesischen Bürgern kommt, ist weitläufig bekannt. Welche Angebote tatsächlich gefiltert werden, untersucht nun eine neue Harvard-Studie.
Google geht nicht mehr. Die weltweit inzwischen wichtigste Suchmaschine ist in China momentan nicht zu erreichen - zumindest von Peking aus. Dort steht der Rechner, der für das renommierte «Berkman Center for Internet and Society» an der Harvard-Jura-Fakultät derzeit überprüft, welche Websites zu einem gegebenen Zeitpunkt in dem asiatischen Land zensiert werden: Sofort und in Echtzeit.
Testrechner steht in Peking
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Mitmachen darf dabei das gesamte Netz: Auf einer speziellen Seite können beliebige Adressen eingegeben werden. Nach maximal 120 Sekunden Wartezeit spuckt das System dann das Ergebnis aus: «accessible» (aufrufbar) oder «inaccessible» (kein Zugriff möglich). Zwar kann es auch einmal zu technischen Störungen kommen und der Aufruf deshalb fehlschlagen; zumeist aber bedeutet «inaccessible» tatsächlich eine Zensur. Auch deshalb, weil China inzwischen hervorragend an das Datennetz angebunden ist.
Filter sorgen für Netzzensur
Die Zensur erfolgt in China mit so genannten Filtern. Da die Regierung die großen Netzknoten ins Ausland kontrolliert, ist es ihr möglich, dort bestimmte Adressen einfach sperren zu lassen, die inländisch als unerwünscht gelten. Zwar hat diese «virtuelle große Mauer», wie Fachleute sie gerne bezeichnen, auch einige Lücken, die man mit technischen Tricks ausnutzen kann. Doch für den normalen chinesischen Internet-User bleibt das Web ein zensiertes Medium. Gesperrt sind etwa westliche Nachrichtenangebote wie das der «BBC» oder die Sites diverser prominenter Zeitungen aus den USA. Wie selbstverständlich sind außerdem Angebote aus regierungskritischen Kreisen, Tibet-Informationen oder Websites von in China verbotenen Sekten «tot».
Licht ins Dunkel bringen
Für die beiden Harvard-Wissenschaftler Benjamin Edelman und Jonathan Zittrain, die hinter dem China-Projekt stehen, ist dies bereits die zweite Studie zum Komplex der Internet-Zensur in undemokratischen Ländern. Zuvor hatten sie sich mit der Netzfilterung in Saudi-Arabien beschäftigt und über 2000 unzugängliche Angebote dokumentiert.
Das Perfide an der Web-Zensur: Niemand weiß wirklich, was genau gesperrt wird. Regierungen legen ihre Listen genauso wenig offen, wie Anbieter von Jugendschutz-Programmen, die den Nachwuchs vor Pornos im Netz bewahren sollen. Mit Hilfe der für das ganze Web zugänglichen Echtzeitüberprüfung will man den Erkenntnisprozess über die Dimension der chineschen Web-Zensur nun beschleunigen. Die User sollen ein Gefühl dafür bekommen, was den Chinesen fehlt. Edelman und Zittrain wollen anschließend eine Liste mit den gesperrten Sites veröffentlichen.
Für das Web ediert von Ben Schwan