Die Revolution ist ein Ladenhüter
15.08.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Der Segway-Roller: Keiner will ihn haben Segway.com
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Sein Erfinder nannte ihn eine «Mobilitäts-Revolution» und Web-Größen wie Jeff Bezos machten vor lauter Begeisterung Gratis-Werbung. Geholfen hat es dem «Segway Human Transporter» wenig.
Wann immer eine Firma auf dem US-Pleitenportal Fuckedcompany.com (FC) gelistet ist, geht es meistens bald Berg ab. Das ist seit dem Sommer 2000 so, als Webmaster Phil «Pud» Kaplan sein Angebot startete - und diesen Monat hat es nun auch Segway erwischt. Angeblich, stand da bereits am 7. August, habe die Firma «aufgrund des totalen Fehlens von Verkäufen» bis zu 90 Prozent ihrer Mitarbeiter entlassen. Doch bisher blieb es nur bei diesem FC-Gerücht. Seriöse Medien wollten ihm nicht folgen.
Viel Hype um einen RollerSegway, gegründet von der amerikanischen Erfinderlegende Dean Kamen, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschheit mit zweirädrigen Elektrorollern zu versorgen, die aufgrund einer ausgeklügelten Technik komplizierteste Manöver vollführen können. Das Internet war voll mit Informationen, als die Technik nach langer und geheimnisvoller Wartezeit endlich bekanntgegeben wurde, Fan-Sites sprossen hervor - und Kamen erschien in sämtlichen wichtigen US-Magazinen. Daneben unterstützten ihn Web-Legenden wie Jeff Bezos in seiner Annahme, er habe mit dem so genannten «Human Transporter» eine «Mobilitäts-Revolution» losgetreten. Stückpreis: 10 000 Dollar.
Hartes ZulassungsverfahrenEgal, wie es um Segways wirtschaftliche Lage tatsächlich aussieht - die Firma hielt sich mit Stellungnahmen bisher zurück -, sie hat derzeit ein ganz anderes Problem. Bislang ist das «Fahrzeug», das laut «San Jose Mercury News» einem «Rasenmäher auf Steroiden» gleicht, nämlich nicht einmal für die Bürgersteige zugelassen, auf denen es einmal verkehren soll. (Eine eingebaute Technik soll potenzielle Zusammenstöße abfedern.) Derzeit läuft in Kalifornien ein Zulassungsverfahren, einen insgesamt fünfjährigen Testbetrieb zu erlauben. Das Problem: Das Fahrzeug fährt ziemlich schnell - fast 20 km/h, um genau zu sein. Vertreter von Senioren und Behinderten fürchten, der High-Tech-Roller könnte zur echten Gefahr werden. Kamen bestreitet.
US-Post liefert auf Segways ausDer populäre Erfinder beruft sich dabei auch auf andere von ihm entwickelte Produkte - beispielsweise einen Rollstuhl, der Treppen steigen kann. Die Stadt Sacramento, in der der Probebetrieb laufen soll, dürfe sich dem Fortschritt nicht verstellen: «Wir sorgen für sauberere Luft und weniger Staus.» Zumindest die US-Post scheint Interesse an dem überdimensionierten Roller zu haben: Laut Segway hat sie im Juni 40 Exemplare gekauft, um diese an mehreren Standorten bei ihren Briefträgern zu testen. Die Beamten müssen während der Fahrt Helme tragen - kein gutes Zeichen für den Einsatz des «Human Transporters» auf den Bürgersteigen.