Kein «Arsch» bei Ebay
20. Jun 2002 12:11, ergänzt 20:16
Um das Versteigern von Nazi-Memorabilia und Porno-Artikeln zu verhindern, setzt Ebay Deutschland so genannte Wortfilter ein. Die Technik führt zu merkwürdigen Seiteneffekten.
«0 Artikel gefunden.» Das Suchergebnis bei Deutschlands größter Online-Auktion wirkt ziemlich mager für ein Angebot, bei dem tagtäglich Tausende von Versteigerungen über die Website gehen. Und auch der gesuchte Gegenstand sollte hier, wo doch so vieles vom ganz Normalen bis zum völlig Kuriosen auktioniert wird, vorhanden sein. Der Nutzer hatte schlicht nach «Haarschmuck» gesucht. Des Rätsels Lösung: Ebay Deutschland setzt auf einen so genannten Wortfilter. Und der mag an dem an sich harmlosen Begriff nicht, dass darin das Teilwort «Arsch» vorkommt.
Merkwürdigkeiten bei der Ebay-Suche
Herausgefunden hat diese und andere Merkwürdigkeiten bei der Ebay-Suche der Kölner Internet-Benutzer und Auktions-Fan Axel Gronen, der auf seiner Homepage noch eine ganze Reihe anderer Beispiele für die technologischen Verwirrtheit des Systems zusammengetragen hat. So mag Ebay, warum auch immer, keine «Arien». «Wahrscheinlich wollten die »Arier« herausfiltern, haben sich aber irgendwie geirrt», meinte Gronen im Gespräch mit der Netzeitung und verwies folgerichtig darauf, dass man über die Ebay-Suche weder Fanartikel aus dem «Marienhof» noch Gegenstände mit «Bulgarien» in ihrer Beschreibung erhält. Und «Marschmusik» gäbe es sowieso nicht. Ebenfalls nicht auffindbar ist - allgemein eher verständlich - alles, was mit «Hitler» zu tun haben könnte, auch wenn es ein Buch zum Thema Widerstand wäre: Der Filter schlägt zu.
Gesperrte Auktionen trotzdem auffindbar
Das Irritierende an alledem: Auch wenn eine Versteigerung über die Ebay-Suche nicht aufzufinden ist, heißt das noch lange nicht, dass es sie nicht gibt. Man muss nur wissen, wie man suchen muss. Offenbar setzt Ebay ein spezielles System ein, um die Herkunft der Benutzer zu ermitteln - wie das zu umgehen ist, soll in der Netzszene ein offenes Geheimnis sein.Amerikaner, die über Ebay.com auch das Angebot aus Deutschland durchsuchen können, bekommen den «Marsch» nämlich beispielsweise angezeigt. Laut Gronen gab es zum gestrigen Zeitpunkt allein 431 Auktionen mit diesem Suchbegriff.
Benutzern, die gefilterte Begriffe in ihren Auktionen benutzen, würde bislang - wenn diese legal seien - laut seiner Erfahrung die Einstellgebühr zurückerstattet, weil sie ja nicht gefunden werden könnten: «Das ist billiger, als das Gesamtproblem zu lösen.»
«Sex» und «Porno» bleiben erlaubt
Der Wortfilter bei Ebay zeigte im Test noch weitere Kapriolen: «Jude» ist ebenso ein Unwort («0 Artikel gefunden für Judentum») wie «Schwanz» («0 Artikel gefunden für Schwanzlurch»). Gronen fand ebenfalls heraus, dass bei der Implentierung eines Filters für das Wort «Führer» (einzeln stehend, «Opernführer» werden nach wie vor gefunden) offenbar ein technischer Fehler passierte: Seither werden Worte, die ein «ü» an der zweiten Stelle besitzen, nicht mehr gefunden («0 Artikel für Bücher»).«Sex» oder «Porno» sind dagegen erlaubt, genauso wie das Wort «Springmesser», obwohl selbige als Waffe in Deutschland gar nicht angeboten werden dürfte. Die einzige Möglichkeit, das Problem mit den potenziell illegalen Auktionen zu lösen, wäre wohl, wenn Ebay jede einzelne Versteigerung überprüfte, bevor diese freigeschaltet wird. Doch das kostet offenbar mehr Mühe, als die nun eingesetzte Technik. Am Abend hieß es von Ebay gegenüber der Netzeitung, dass man «die Filter mit gutem Grund» einsetze. Es gehe «nicht zuletzt auch um rechtliche Hintergründe».
Für das Web ediert von Ben Schwan