Das Silicon Valley wird immer autistischer
06.05.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Forscher sind alarmiert: Die Krankheit, bei der sich Kinder völlig von der Außenwelt abkapseln, nimmt in den USA zu. Besonders betroffen: Amerikas High-Tech-Region Nummer Eins.
Das Thema ist derzeit so sehr in aller Munde, dass das renommierte Nachrichtenmagazin Time ihm eine Titelstory widmete. Über das Asperger-Syndrom, eine mildere Form des Autismus, schrieb das Magazin Wired, es handele sich dabei um eine «Geek-Krankheit» - und stellte die Frage, ob es an den dort vielverbreiteten Genen für Mathematik und Technologie liegen könnte, dass es insbesondere im Silicon Valley immer stärker auftritt.
Hochintelligent - und völlig abgeschlossenBetroffene Kinder, oft aus Familien von Ingenieuren oder Programmierern, ziehen sich in ihre eigene Welt zurück, erfinden hochkomplexe Szenarien, in denen sie zu leben versuchen. Dagegen haben sie große Probleme, die Gefühle anderer Menschen zu verstehen, richtig zu deuten und entsprechend auf sie einzugehen. Im Durchschnitt sind die von Asperger befallenen Kinder hochintelligent - das kann man messen, weil man an sie im Gegensatz zum deutlich schwieriger zu behandelnden «richtigen» Autismus kommunikativ noch herankommt.
Verdreifachung der Fälle in KalifornienDie Zahlen für Asperger sowie für Autismus sind alarmierend: Allein letztere Diagnose wurde in Kalifornien in den Neunzigerjahren dreimal so häufig gestellt. Früher galt die Krankheit als recht rar: Bei 10.000 Geburten kam sie vielleicht einmal vor. Die Forschung geht inzwischen davon aus, dass sich diese Rate verzwanzigfacht hat. Eltern bekommen davon normalerweise im Frühstadium nichts mit: Ihr Kind entwickelt sich während der ersten zwei Jahre ganz normal. Erst dann erfolgt eine Art Abwendung in die autistische Welt. Die Kinder «verschwinden» förmlich. Von da an wird eine ständige Betreuung notwendig.
Suche nach möglichen Gründen in allen BereichenGründe suchen Wissenschaftler inzwischen nicht nur im psychologischen und genetischen Bereich - auch Umweltfaktoren werden nicht mehr ausgeschlossen. So ging in Großbritannien vor kurzem die Angst um, eine Impfung für Masern könnte im Nebeneffekt auch Autismus auslösen. Verschmutzungen mit bestimmten Chemikalien, die etwa wie Quecksilber auch in der Chip-Produktion im Silicon Valley vorkommen, werden ebenfalls als mögliche Begründung untersucht.
Derzeit verfolgt die Universität von Kalifornien am Campus in Davis das statistische Material ganz genau. Für das nächste Jahr werden erhellendere Ergebnisse erwartet. Unterdessen fragt man sich bei Programmieren und Ingenieuren, wie sehr die Eigenheiten von IT-Karrieren das Auftreten von Autismus und Asperger befördern. Insbesondere in Gemeinden mit einer Häufung dieser Berufe sind die Krankheiten stärker vorhanden.