«Industry Standard» lebt als Newsletter weiter
03.04.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Die E-Mail-Publikation berichtet, was andere Medien schreiben - und vor allem wie sie das tun. Die Netzeitung sprach mit Guterman über neue Geschäftsmodelle für entlassene Journalisten, redaktionelle Qualität in Zeiten der Krise und die Zukunft von Internet-Inhalten im allgemeinen.
Jimmy Guterman:
Nach 24 Stunden hatten mehr als 8000 Leute zurückgeschrieben. Die meisten fragten, ob wir in irgendeiner Form weitermachen könnten, viele boten an, uns dafür zu bezahlen. Ich dachte also eigentlich daran, auf Wiedersehen zu sagen, fand statt dessen aber die besten Kunden für mein nächstes Projekt.
Wir machen das nun nicht, weil es so eine tolle Zeit ist, neue Firmen zu gründen. Die Lage ist in der Tat ganz schrecklich für frische Publikationen - und wir befinden uns mitten in dem Bereich, den die derzeitige Rezession am schwersten erwischt hat: Technologie und Medien. Aber wenn wir jetzt warten, finden wir's nie heraus, ob es klappen kann. Wir sind klein und unabhängig und können ziemlich schnell einen moderaten Profit erzielen.
Guterman: Die ersten Anzeichen sind gut. Wir verlangen 50 Dollar pro Jahr
und haben jetzt mehr als zehn Prozent der kostenlosen Abos, die wir in einer ersten, freien Periode des Newsletters eingesammelt hatten, in kostenpflichtige umgewandelt. Aber es ist noch ziemlich früh.
Fragen Sie mich nach 12 Monaten wieder, bevor ich zufrieden bin, dass die Angelegenheit real ist. Unsere Abonnenten sind jedenfalls eine weit verlässlichere Einkommensquelle, als Werbung. Wir haben also allen von vorne herein gesagt, dass wir ein Pay-Produkt werden.
Netzeitung: Die großen Medienkonzerne, insbesondere in den USA, entlassen immer mehr Redakteure - und denken diesmal erstaunlicherweise nicht unbedingt daran, erneut welche einzustellen, wenn die Wirtschaft wieder anzieht. Werden wir also mehr «Do-It-Yourself»-Ansätze wie den Ihren sehen?
Netzeitung: Entsteht da gerade etwas journalistisch Neues, wenn ehemalige Redakteure im Internet ihre eigene Publikation gründen?
Guterman: Wir müssen bitte erst einmal erfolgreich sein, bevor wir die Sache kategorisieren können.
Netzeitung: Sehen Sie in Ihrem Model eine Chance auch für andere Medienprofis, unabhängig zu arbeiten? Ist das irgendwann ein Angriff auf die großen Konzerne?
Guterman: Wir existieren ja nicht, weil wir unsere alte Arbeit nicht loslassen konnten. Ich kann nicht für andere Publlikationen sprechen, aber wir machen das vor allem, weil wir eine Möglichkeit sehen, ein Geschäft zu machen. So sehen das auch unsere Geldgeber.
Netzeitung: Wie arbeiten Sie redaktionell?
Guterman: Die Autoren schreiben, ich redigiere, die Schlussredaktion hilft mir dabei und dann geht der Newsletter raus. Es ist eine ziemlich
«virtuelle» Operation mit sehr geringem Overhead. Fast jeder Dollar, den wir einnehmen, erhält und verbessert die Publikation.
Netzeitung: ;Haben Sie eine Theorie, welche Art von Inhalten im Web eine Zukunft hat? Bezahlte oder kostenlose?
Guterman: Alle möglichen. Interessantes, informatives und unterhaltsames Material wird immer ein Publikum finden.
Netzeitung: Was halten Sie vom Weblog-Trend, bei dem jederman ganz einfach im Netz publizieren kann? Greifen die Ihrer Meinung nach journalistische Inhalte an?
Guterman: Nicht mehr als eine MP3-Datei einer Teenager-Garagenband ein Plattenlabel wie Vivendi Universal bedroht.
Das Interview führte Ben Schwan.

