20. Nov 2001 11:42
Suchmaschinen im Internet gibt es viele – optimal ist bislang keine. Forscher an der Uni Dortmund entwickeln jetzt eine ganz neue Such-Software. Die Netzeitung sprach mit Projektleiter Christoph Lindemann.
Netzeitung: Herr Lindemann, was ist neu an Ihrer Suchmaschine?Christoph Lindemann: Wir arbeiten an zwei Neuerungen. Erstens soll die Suchmaschine auf vielen kleineren Computern eingebaut werden, anstatt wie bisher auf einem großen. Die Rechner werden mit einem Hochleistungsnetz zusammengeschaltet und arbeiten parallel. Diese Grundidee findet man bei deutschen Internet-Suchmaschinen bislang nicht. In den USA ist sie in einfacherer Form schon von Google und Inktomi umgesetzt.
Netzeitung: Und die zweite Neuerung?
Lindemann: Zweitens arbeiten wir an einem innovativen Suchdienst, mit dem sich Communities im Netz finden lassen. Eine Suchanfrage könnte etwa lauten: «Finde alle E-Commerce-Unternehmen in Nordrhein-Westfalen, die über 100 Mitarbeiter haben.» Das Neue daran ist, dass wir nicht nur die Inhalte einer Website erfassen sondern auch die Links, die es auf ihr gibt – also ihre Verweisstruktur. Um diesen Dienst zu realisieren, arbeiten wir an ganz neuen mathematischen Algorithmen.
Netzeitung: Welche konkreten Vorteile bietet die verteilte Hardware-Struktur?
Lindemann: Das macht die Suchmaschine zunächst billiger als bisherige: Anstatt mehrerer großer und teurer Spezialrechner können viele zusammengeschaltete PCs verwendet werden. Außerdem ist die Suchmaschine mit einer solchen Struktur skalierbar. Das heißt, dass sie mit der Größe des Internets und mit der Zahl der Suchanfragen wachsen kann. Nimmt etwa die Zahl der Suchanfragen zu, kann die Zahl der Rechner im Hardware-Netz erhöht werden. Bisherige Suchmaschinen haben in beiden Aspekten deutliche Schwächen.
Netzeitung: Was bringt die Suche per Verweisstruktur?
Lindemann: Mit der Erfassung der Verweisstruktur einer Website können Suchergebnisse viel besser gewichtet werden. Eine Metapher kann das deutlich machen: Stellen Sie sich vor, man zeichnet nicht nur die Inhalte Ihrer Telefonate auf, sondern auch wer anruft. Das ist aufschlussreich über Sie selbst: Werden Sie beispielsweise vom Bundeskanzler angerufen, dann sind sie wahrscheinlich wichtig. In zwei Jahren wird es keine Suchmaschine mehr geben, die eine solche «Netzanalyse» nicht verwendet. Die meisten der heutigen Suchmaschinen sind noch nicht so weit – außer AltaVista, Google und Inktomi.
Netzeitung: Wann wird Ihre Suchmaschine veröffentlicht? Wollen Sie sie kommerziell nutzen?
Lindemann: Im nächsten Frühjahr wollen wir in Berlin eine erste Version fertig haben. Dann feilen wir nochmals an den Software-Komponenten. Am Ende des Projekts soll die Software für andere akademische Einrichtungen kostenlos als Open Source Software verfügbar sein. Ein weiteres Ziel des Projekts: Wir wollen das Fachwissen in Deutschland vertiefen, wie eine State-of-the-Art Internet-Suchmaschine funktioniert. Außerdem verfolgen wir auch ein forschungspolitisches Ziel: Unabhängigkeit von Suchmaschinen-Entwicklern in den USA ist ein strategisches Plus.
Professor Christoph Lindemann leitet seit 1998 das Fachgebiet Rechnersysteme und Leistungsbewertung am Fachbereich Informatik der Universität Dortmund. Zuvor forschte er unter anderem am IBM Almaden Research Center in San Jose (USA).
Die Fragen stellte Guido Speiser