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netzeitung.deWenn Piraten das Minarett entern

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Plakate zur Schweizer Volksabstimmung (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Plakate zur Schweizer Volksabstimmung
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die Schweizer haben sich offline gegen den Neubau von Minaretten entschieden und nun wollen die deutschsprachigen Onliner nicht mal mehr die Kirche im Dorf lassen. Selbst der «Koenig» soll gestürzt werden. Der Blogblick.

In der bekanntlich grauen Theorie könnte man die Debatte um die Schweizer und ihr Minarett-Verbot ganz unreligiös führen. Wer sich noch an den Hochhausstreit in München erinnert oder sich mit dem nicht enden wollenden Konflikt um die Waldschlösschenbrücke beschäftigt, der weiß, dass beim Thema Panorama die Gefühle auch dann in Wallung geraten, wenn es nicht um Sakralbauten geht.

Darf eine gesellschaftliche Veränderung sich städtebaulich niederschlagen oder soll alles bleiben, wie es ist? Denkmalschutz oder Aufbruch in neue Zeiten? Heerscharen von Feuilletonisten haben sich schon mit diesen Fragen beschäftigt. Fügen wir jetzt noch etwas Religion und Kampf ums Abendland und schließlich eine Prise Piratenpartei hinzu, schon haben wir einen Streit beisammen, an dessen Ende kein Stein mehr auf dem anderen bleibt.

Es fängt recht harmlos an. Es gibt eine putzige Twitpoll, Sascha Lobo nähert sich dem Thema mit sanfter Ironie («Wie kurzsichtig kann man eigentlich sein? Ich frage für ein befreundetes Land») und der Twitterer der Boulevardzeitung Blick gibt einen volkstümlichen Einblick in sein Innerstes («Soeben gefühlte 3000 Kommentare zur Minarett-Abstimmung veröffentlicht. Läck mich, das bewegt das Volk»).

Volksdemokratie und Aufklärung
Der Schweizer Journalist David Bauer wird dann schon etwas sarkastisch («Und mit den Einnahmen aus den Waffenexporten bauen wir jetzt ganz, ganz viele Kirchentürme») und mag sich nicht mehr so recht zum Schweizertum bekennen («David, you're Swiss, right? - No, today I'm from Basel»). Johannes Stahl ist sogar bereit, zum Äußersten zu gehen: «Ich wollte ein #Fondue mit Käse aus der #Schweiz machen aber das hat sich seit gestern wohl erstmal erledigt. #Käseboykott».

Gegen die allgemeine Empörung bei Twitter stemmt sich Frederic Schneider von der Jungen Union: «man kann - ungeachtet, was jetzt entschieden wurde - nicht mehr Volksdemokratie einfordern und nun verteufeln.» Auf dem Blog wayne.interessierts.eu macht man seinem Namen alle Ehre: «Ein Minarett würde mich vermutlich nicht stören, selbst wenn man draußen dann diese Rufe hört – ich habe ohnehin meistens den MP3-Player an, wenn ich unterwegs bin.»

100wortereporter wird einsteinisch: «Wer sind diese Schweizer eigentlich, die wir immer für neutral und tolerant hielten? Oder sollte die Frage nicht eher heißen: Wann sind die Schweizer? Hat ihre sprichwörtliche Langsamkeit sie so ausgebremst, dass sie das Zeitalter der Aufklärung noch nicht erreicht haben?» So weit, so gut. Ein wenig Stichelei, ein wenig Junge Union, die die Schönheit der Volksabstimmung entdeckt, man kennt das ja.

Allmacht und Privatheit
Aber dann wurde in einem kleinen, sonst wenig beachteten Blog jenseits des Mainstreams eine Bombe gezündet. Aaron Koenig schrieb dort: «Es ging bei der Schweizer Volksabstimmung natürlich auch nicht wirklich um Bauwerke, die sind lediglich Symbole. In der Mehrheitsentscheidung der Schweizer drückt sich vielmehr ein Unbehagen gegen eine politische Bewegung mit Allmachtsanspruch aus, die die Gleichberechtigung der Geschlechter, die pluralistische Gesellschaft und die Demokratie explizit ablehnt.»

Der Islam - eine politische Bewegung mit Allmachtsanspruch? Die Religion Franck Ribérys und Mesut Özils, De La Souls und Q-Tips - die will sich Lebensraum im Westen schaffen? Weisheiten dieser Art liest man in dieser Dekade zuhauf in Blogs, die man nicht liest. Dieser Blogger allerdings gehört nicht zu der Truppe um Politically Incorrect, dieser Blogger sitzt im Bundesvorstand der Piratenpartei.

Nun steht in Koenigs Blog zwar deutlich geschrieben, dass die Artikel nur die persönliche Meinung des Autors wiedergeben und keine offiziellen Statements der Piratenpartei sind, aber das ist nun einmal der Unterschied zwischen einem Amt und einem Job bei McDonald's; man ist auch um Mitternacht keine Privatperson. Koenig kann in dieser Angelegenheit ja mal den Papst fragen, wie dessen private Meinung zur jungfräulichen Geburt lautet.

«Königsmörder» und «Zukunft Europa»
Entsprechend fielen die Reaktionen aus. Auf Orkpiraten will man Aaron Koenig nicht mehr wählen. «Das mag ich nicht mehr mit 'naiv', 'unglücklich zitiert', oder sonstwas entschuldigen, das ist dumm bis gefährlich, und näher an der Volksverhetzung denn an einem politischen Kommentar.»

Jens Scholz fordert mehr Prävention: «Könnt ihr bitte endlich mal damit anfangen, eure Rechtsextremen einfach mal direkt rauszuschmeißen und nicht immer erst mal in irgendwelche Ämter zu wählen bevor ihr es tut? Sehr verbunden.»
@UnderJollyRoger mag es gar nicht glauben: «Kann mir bitte einer verraten, welches Pferd Herrn Aaron Koenig hier nun wieder gebissen hat?» Und @webrebell fordert den Tyrannensturz. Natürlich bildlich gesprochen. «Ich bin für 'Koenigsmord'. Wer noch?»

Pantoffelpunk hat sich die Zitate- und Materialsammlung, die König verlinkt, genauer angeschaut. «Zukunft Europa wird betrieben vom Bundesverband der Bürgerbewegungen zur Bewahrung von Demokratie, Heimat und Menschenrechten e.V und wer auch nur ein bisschen politische Sensibilität mitbringt, muss doch eigentlich schon über den Namen stolpern und im Zweifel schaut man sich die Linkempfehlungen der Urheber an, wo sich dann auch wie erwartet so illustre Zeitgenossen wie Gudrun Eussner, Gegenstimme, kewil, natürlich Herres PI-News und sogar die Grüne Pest wiederfinden. Danke Aaron Stefan, für diesen erhellenden Link zu Deiner Wissenssammlung – keine weiteren Fragen.»

Islamismus auf «Bild-Niveau»
Im Forum der Piratenpartei wird ebenfalls diskutiert, ob Koenig noch tragbar sei. «Meiner Meinung nach sollte Aaron Koenig zurücktreten. Ein Parteiausschlussverfahren halte ich ebenfalls für auf jeden Fall angebracht. Wenn die Piratenpartei wirklich ideologiefrei sein will, darf sie solche dunkelbraunen Äußerungen ihres Vorstands nicht tolerieren.» Ein anderer User widerspricht: «Ich sehe da aber Nichts 'untragbares' geschrieben. Einmal das die Schweiz per Volksentscheid sich gegen die Menschenrechtsverachtung des Islamismus ausspricht. Warum wohl ist die Tuerkei noch nicht in der EU? Weil Frauen unterdrueckt werden, Ehrenmord und all der Scheiss. Sollte das wirklich der ausschlaggebene Grund der Schweiz sein und nicht einfach nur, weil das Gebaeude da nicht hin passt, kann ich das nachvollziehen.«

Rotstehtunsgut sieht die Piraten mit Leuten wie Koenig auf dem Weg «nach rechtsaußen, dort, wo 'pi-news.net' reiche Beute für 'politisch inkorrekte' Freibeuter bereit hält. Liebe Piraten, kommt (zurück) in die SPD – da werdet ihr gebraucht. In einer Partei ohne Werte ist Euer Einsatz vergebens.» Auch der Pirat Wolfgang Dudda ist dieser Meinung und fordert Folgen: «Das ist nicht einmal mehr BILD-Niveau. Das ist konsequent ausländerfeindlich und religiös diskriminierend. Was muss eigentlich noch alles passieren, bis der Herr endlich die Konsequenzen zieht oder andere sie für ihn ziehen, um der Piratenpartei weiteren Schaden zu ersparen? Dieses Mal kommt er damit nicht durch und auch nicht davon!»

Libertarier und Amerikaner
Koenigs politische Selbsteinschätzung jedoch ist - seinem öffentlichen Profil zufolge - die eines gemäßigt linken Libertariers. Aus dieser Ecke des politischen Spektrums scheint auch die Zustimmung in den Kommentaren zu Königs Artikel zu kommen. «Ich bin auch gegen den Neubau von Minaretten hier in Deutschland - genauso wie ich gegen einen massenhaften Neubau von anderen großen Kirchen oder Glaubenssymbolen bin. Der Kölner Dom ist auch ein Machtsymbol einer Kirche, aber da er einen gewissen ästhetischen Wert hat und zu unserer (unaufgeklärten) Vergangenheit gehört, ist er heute schützenswert. Ich sehe nicht, das solche Prunkbauten zur persönlichen Religionsausübung heute noch nötig wären. Und ich möchte sie erstrecht nicht von einer Religion, die immer anstrebt, eine Staatsreligion zu sein.»

Auch in den USA möchte eine lauter werdende Minderheit linker Atheisten der Religion nicht mehr die Freiheit zubilligen, die ihr von der Verfassung zugestanden wird. Dieses Video, in dem ein muslimischer Gelehrter erklärt, warum keine Kirchen in einem muslimischen Land gebaut werden dürfen, wurde auf dem für amerikanische Verhältnisse außerordentlich linken und antireligiösen Social-Bookmark-Dienst Reddit verlinkt.

Auch dort gab es viele Reaktionen, die in der Ausrichtung der Haltung Koenigs nicht unähnlich waren, allerdings ohne die plumpe Verallgemeinerung.

Das Ausschlafen des Andersdenkenden
Dieser kurze Ausflug in die USA war nötig, um einen Tweet wie diesen von @BlackBuccaneer zu verstehen. «Auch wenn meine linke Seele aufschreit, ist Aaron Koenigs Blogeintrag zumindest überdenkenswert.» Auch dieser Beitrag auf curublog kommt nicht aus einer rechten Ecke: «Nichts für Ungut, aber nicht das Verbot des Baus irgendwelcher sakraler Gebäude wirft irgendwen hinter das Niveau der Aufklärung zurück, sondern überhaupt erst der Wunsch, diese zu bauen. Egal, ob es ein Minarett oder ein Kirchturm ist

Der Autor erklärt sich in einem Kommentar weiter: «Ein zentraler Punkt der Aufklärung ist aus meiner Sicht das Überwinden oder zumindest der Versuch der Überwindung von kirchlichen Dogmen.» Da ist zwar etwas dran, stimmt dann aber eben doch nicht. Ein ebenso zentraler Punkt der Aufklärung war die Freiheit des Andersdenkenden. Und wenn jemandem danach ist, Türmchen zu bauen, dann sagt die Aufklärung: «Mach dein Türmchen, aber sei bitte nicht so laut, vor allem nicht morgens, ich hatte eine lange Nacht.»

Es bleibt das ewige Dilemma der Piraten: Sie wollen sich politisch nicht verorten, aber der Wähler wüsste langsam gerne einmal, wen er da bekommt für sein Kreuzchen. Und auch den Mitgliedern vergeht die Freude am politischen Versteckspiel. «Am Anfang war es noch lustig, dieses 'Nicht links, nicht rechts'-Gemache», schreibt blueelectric. «Es mag ja auch sein, dass im Zeitalter der sich auflösenden politischen Lager meine Sehnsucht, mich irgendwo zwischen links und der politischen Mitte einsortieren zu können, hoffnungslos veraltet ist. Aber - unter uns gesagt: soo wichtig sind mir Datenschutz, freier Zugang zum Wissen der Welt und eine Reform des Urheberrechts auch wieder nicht, dass ich mich deshalb im Schallkegel schon reichlich unreflektierter, fast schon unpolitischer öffentlicher Äußerungen aufhielte.»

Politik ohne Richtung
Heute, da jeder Fußballverein und wahrscheinlich sogar Hertha BSC Berlin über eine Philosophie verfügt, da möchte die Piratenpartei postideologisch sein.

Politik ohne Richtung, das ist auf Dauer wie Denken ohne Hirn. Erst fühlt man sich noch seltsam befreit und dann bekommt man auf einmal gesagt, dass man nur noch Unsinn redet und es ruft auch keiner mehr an oder macht bei Petitionen mit. Wenn es erst einmal soweit ist, nutzt es auch nichts mehr, dass man nachschiebt, man sei in Wahrheit ja ein Linker, der manchmal rechts abbiegt.

Aaron Koenig ist da schon einen Schritt weiter. In mehreren Folgebeiträgen versuchte er seinen ersten Beitrag zum Thema zu rechtfertigen. Mittlerweile ist bei ihm die Rede von einer «Skepsis, ob eine Religion, die sich selbst 'Unterwerfung' nennt, mit den Werten der Aufklärung kompatibel ist. In einer aufgeklärten Gesellschaft muss jede Religion und jede Weltanschauung einer solchen kritischen Prüfung standhalten, damit es so etwas wie Hexenverbrennungen und Kreuzzüge nie wieder gibt.» In den achtziger Jahren nannte man das Verschlimmbesserung.

Anhang

Lachgas wirkt. +++ «Eine mögliche These wäre, dass insbesondere Männer erfolgreicher bei dieser Sorte Aufmerksamkeitsgenerierung sind, oder schlicht stärker daran interessiert. Oder zufällig diejenigen Menschen, die sich prioritär mit Themen wie Netz, Medien, Web2.0, Internet & Politik, Technik, Zensur, Bürgerrechten beschäftigen. Die wiederum zufällig in großer Mehrheit Männer sind.» +++ «Der beste Weg, sich mitten in der Nacht die Zeit beim Stillen zu vertreiben, ist das schummerige Licht des Fernsehers in aller gebotenen Stille auf sich einwirken zu lassen. Schummerig ist wichtig, actiongeladene Filme gehen nicht, am besten sind Talkshows mit möglichst wenig Schnitten oder Perspektivwechseln, die kein störendes Flackern erzeugen.» +++ «Gepudert und im kalten Rampenlicht in den Schein gerückt, sollen Brüste ein Talent ersetzen, das gerade von Mittelmaß auf einem Tiefpunkt angekommen ist und nun wie von Hand eines Zauberbras in eine schönere Form gegossen werden soll.» +++ «Evolution, Baby. Der Weg. Der Weg, den man auch gehen kann, ist nicht der Weg der Internetsektierer. Niemand sagt uns, dass das Allesjetztsofortundüberall das ist, was die Leute wollen, und ob es die Leute überhaupt gibt. Aber um das zu verstehen, muss man vielleicht mehr als nur eine Welt kennen.»