23.10.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Wikipedia zwischen Relevanz und Firlefanz
Eine Löschdebatte unter Bloggern und Twitterern droht die deutschsprachige Wikipedia zu beschädigen. Im Zentrum steht die Frage: Wer oder was ist eigentlich relevant? Außerdem: Windows 7. Der Blogblick.
Der Verein
Missbrauchsopfer gegen Internetsperren (Mogis) genießt in der Blogosphäre hohes Ansehen. Wer hätte dem Kampf gegen die Netzsperren mehr moralische Glaubwürdigkeit verleihen können als eine Opfervereinigung?
Für die deutsche Wikipedia allerdings ist Mogis nicht relevant genug. Der entsprechende Artikel wurde gelöscht. Mogis-Gründer
Christian Bahls hatte den Eintrag selbst angelegt, wofür er sich im
Rahmen der Löschdiskussion entschuldigte. Das aber war nicht der Grund für die Löschung, der Schriftsteller
Thomas Glavinic etwa hat seinen Eintrag ebenfalls selber angelegt, worüber er auch
geschrieben hat und was in der Wikipedia
mit dem für deutsche Beamten typischen Humor Erwähnung findet. (Gleichwohl
warnt die Wikipedia ausdrücklich vor Eigendarstellung.)
Der eigentliche Grund war die (vermeintlich) mangelnde Relevanz des Vereins. Zudem ließen einige Wikipedianer durchblicken, sie hielten Mogis für einen
Ein-Mann-Verein, da ausschließlich Bahls in der Öffentlichkeit für den Verein spreche. Tatsächlich, so der Wikipedianer
Minderbinder, sei der Verein nichts als eine Homepage.
Eidesstattliche Versicherung Der Wikipedia-Nutzer
Studmult schreibt: «Der Verein erwähnt (...) mit keinem Wort, wie man Mitglied werden kann. Eingetragen ist er auch noch nicht, weder im Vereinsregister noch beim Bundestag (...) die schiere Existenz des Vereins ist also durch nichts belegbar. Gut möglich, dass das also nur ein
Vehikel des Vorsitzenden ist, seinen eigenen Aussagen mehr Wirkung zu schenken.»
Bahls kontert daraufhin mit einer Versicherung an Eides statt: «Hiermit versichere ich, Christian Bahls, an Eides statt, dass der Verein Mogis existiert und ein
Ideal-Verein nach deutschem Recht ist. Insbesondere ist Mogis auf Dauer angelegt und hat (sogar mehr als) die für einen Verein notwendige Anzahl von Mitgliedern.»
Der Beitrag von
Chris auf fixmbr mag als Beleg für den eingangs erwähnten hervorragenden Ruf von Mogis dienen, gleich wie viele Mitglieder er nun hat. Chris
führt aus, dass der Verein «zu den wenigen unabhängigen Gruppen (gehörte), die klar Stellung bezogen haben. Mogis gehört keiner Partei an, wird nicht von konservativen Kreisen ausgehalten, sie sind schlicht und ergreifend unabhängig und haben in den Medien mehrfach Erwähnung gefunden. Wenn bei Mogis keine Relevanz vorhanden sein soll, dann ist die
Wikipedia eben so wenig relevant.»
Inklusionisten und ExklusionistenWir wären nicht in Deutschland, wäre aus dem konkreten Fall Mogis nicht sogleich eine
Grundsatzdebatte geworden, in der sich Inklusionisten und Exklusionisten waffenstarrend gegenüber stehen. Moment: Wer?
Ein
Inklusionist, so
ist es nachzulesen in einer «Kopie des ehemaligen deutschsprachigen Artikels Inklusionismus, der gelöscht wurde», was tatsächlich sehr komisch ist, ein Inklusionist also ist «ein Wikipedianer, der Artikel lieber behält und ausbaut als löscht. Er strebt die Vollständigkeit der Wikipedia an und möchte entsprechend dem ursprünglichen Ziel der ersten Enzyklopädisten alles Wissen der Welt in der Wikipedia versammelt wissen. Inklusionisten sind nicht besorgt über die Relevanz eines Artikels, es interessiert sie nur, ob er wahr und richtig ist.»
Exklusionisten
dagegen vertreten «die Meinung, dass es für eine
seriöse Enzyklopädie notwendig ist, triviale und unpassende Artikel zu löschen, um eine hohe Qualität halten zu können.»
«99% aller Deutschen sind irrelevant»Der Autor von
aggregat7 ist ein Inklusionist. Er
legt einige der Relevanzkriterien dar und kommt zu dem Schluss: «Wie man an dem kurzen Exkurs sehen kann, sind die Kriterien an vielen Stellen
willkürlich gesetzt und realitätsfern, etwa die Schwellenwerte für die Relevanz von Unternehmen. Und dass Krankenkassen relevanter als Krankenhäuser und Berufsfeuerwehren relevanter als freiwillige Feuerwehren sein sollen, ist einfach nur pervers und menschenverachtend.»
Pervers und menschenverachtend gegenüber allen Krankenhäusern und freiwilligen Feuerwehren. Der Titel der Klageschrift lautet übrigens «99% aller Deutschen sind irrelevant», was in einer Zeit, in der die Kanzlerin eine gesündere Spritze bekommen soll als der Rest der Bevölkerung, natürlich ein Skandal ist. Oder?
«Natürlich sind die allermeisten Menschen für Wikipedia irrelevant»,
antwortet Torsten Kleinz. «Wie kann man sich über Datenlücken bei StudiVZ aufregen, wenn man parallel in der Wikipedia eine Personendatei aufmacht, von der nicht mal Wolfgang Schäuble zu träumen wagt? Ich persönlich bin ganz froh keinen Wikipedia-Artikel über mich zu haben, den ich
ständig nach Vandalismen untersuchen müsste und in dem plötzlich ein Abschnitt 'Kritik' auftaucht, in dem ein Worst-Of der auffindbaren Äußerungen über mich gesammelt werden.»
Christiane Christiansdottir, HausfrauWären alle Deutschen wikipediatauglich, dann könnte das so aussehen: «Christiane Christiansdottir, Hausfrau, zeitlebens Single, geboren am 10.10.1946 in Schwalm an der Wupper, absolvierte nach dem Realschulabschluss eine Lehre zur Wurst- und Fleischwarenverkäuferin, arbeitete jedoch nie in ihrem Lehrberuf und führte stattdessen eine mittelmäßig gehende Frittenbude (ohne Wurstverkauf) in Bremen.
Kritik: Viele (Wer? Zitat! Quelle?) sagen, das Frittenfett sei höchstens monatlich gewechselt worden. Christiansdottir lebt heute einsam und allein und übergewichtig (war ihr bester Kunde) in Bremerhaven.»
Für Kleinz sind Relevanzkriterien daher dringend notwendig. «Qualität, Genauigkeit, Privatsphäre und Relevanz sind eng miteinander verwoben. In meinen Augen kann niemand, der sich ernsthaft das System Wikipedia vor Augen führt, an der Notwendigkeit von Relevanzkriterien zweifeln – ohne sie wäre Wikipedia längst in Falschbehauptungen, Eigen-PR und Verleumdungen versunken.»
Aber halten wir uns nicht mit Sachlichkeiten auf, das Internet ist schließlich dazu da, aneinander vorbei zu reden und den Widerpart als Nazi zu bezeichnen. «Zensur!», rufen die Illusionisten, «Basta!», halten die Exmatrikulierten dagegen.
Gremium gesucht Einen Vorschlag zur Güte hat man bei
Sozialtheoristen.
Man könne doch ein
bürokratisches Monstrum schaffen. «Warum findet sich kein wikipediaexternes Gremium, dem strittige Artikel, bspw. alle zwei Monate vorgelegt werden?» Der praktische Nutzen willkürlicher Löscharbeiten wird dabei von allen Streitparteien übersehen.
«Habt ihr Geschichte gelernt?»,
fragt in einem Comic bei
ahoipolloi ein Schüler seine Klassenkameraden. «Ey, mach dir keine Sorgen, ey», antwortet einer der Mitschüler. «Mein großer Bruder hat alle Wikipedia-Artikel gelöscht.» Die am selben Tag wie Mogis zur Löschung vorgeschlagenen
superschweren Elemente Ununennium, Unbinilium, Unbibium, Unbipentium, Untrinilium undsoweiter haben allesamt ihre Löschanträge überlebt. Obwohl es sie noch gar nicht gibt, da sie erst durch Kernfusion synthetisiert werden müssten, was jedoch noch nicht geschehen ist.
Bahls hätte also gar keine Versicherung an Eides statt vorlegen müssen. Existenz ist keine Voraussetzung für einen Artikel. Aber immerhin haben die superschweren Elemente ihre Einträge nicht selber angelegt. Hoffnung gibt es allerdings auch noch für Mogis. Der Wikipedianer
PDD verweist auf einen
Weg durch die Hintertür. Momentan sei Mogis zwar nicht relevant, «da kein Mensch den Verein kennt, aber wenn Fefe und die anderen Wikipediaausdrucker noch ein paar Wochen so weiter tweeten und bloggen, schaffts das Vereinchen vielleicht über die Relevanzhürde.»
Family Guy
hat Werbung für Windows 7 gemacht und sogar die japanischen Zweigstellen von Burger King
kooperieren mit Microsoft. Etwa, weil beide Software herstellen? Oder benutzt Burger King Mikrowellen? Bei so viel Unterstützung konnte ja nichts mehr schief gehen und so sind die Reaktionen im Allgemeinen freundlich. In einer ganz und gar unrepräsentativen
Twitterumfrage zeigen sich nur die Mac- und Linux-Nutzer unbeeindruckt, die Windowsfraktion will beinahe geschlossen umsatteln. Auf Dauer rechnet es sich eben, wenn die ganze Welt dein Betriebssystem hasst. Bietest du ein neues an, sind alle ganz glücklich. Tutsplus zählt gleich 12 Gründe auf, warum man upgraden sollte, die seltsamerweise unerwähnten Gründe 13 bis 35 sind: Weil es
nicht Vista ist. Damit Microsoft nicht alle Aufmerksamkeit bekommt, bietet Google jetzt auch
Tweets in der Suche an.