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Lupe Die Generation Upload unter Waffen

Eine Werbekampagne von Vodafone hat erst für reichlich Ärger unter Bloggern gesorgt und dann auch noch fast zur Spaltung der Szene geführt. Außerdem: Twitterrangliste, Amazon, Sommerloch. Der Blogblick.

Vodafone hat eine angeblich 200 Millionen Euro teure Imagekampagne gestartet, in deren Mittelpunkt die so bezeichnete Generation Upload steht. Knapp zwei Wochen nach Start der Kampagne finden sich bei Google unter dem Suchbegriff Vodafone zunehmend wenig imageträchtige Artikel, eine der Bloggerinnen, die bei dem zur Kampagne gehörenden Fernsehspot mitgewirkt hatte, hat ihren Rückzug aus dem Web 2.0 verkündet, ein anderer will seine Gage dem Chaos Computer Club spenden und Vodafone heißt im Netz jetzt Vodafail. Was ist passiert?

Um zu verstehen, was zwischen Vodafone und dem einflussreicheren Teil der deutschen Blogosphäre schiefgelaufen ist, muss man diesen Artikel von Jörg Tauss, dem zur Piratenpartei gewechselten Bundestagsabgeordneten (ehemals SPD) kennen.
Es geht um das Zugangserschwerungsgesetz.

Möhrenessen ist auch Mord
Auf Initiative von Familienministerin Ursula von der Leyen wurden die deutschen Zugangsprovider mit mehr als 10000 Kunden verpflichtet, den Zugriff auf in einer nicht einsehbaren Sperrliste indizierten Schriften auf ein vom BKA gestaltetes «Stopp-Schild« umzuleiten und dem BKA eine anonymisierte Zugriffsstatistik zu übermitteln. Schon im Vorfeld hatte dieser Plan zu in seltener Eintracht vorgetragenen Protesten der deutschen Blogger geführt und der Ministerin den Nom de Guerre Zensursula eingebracht, Vodafone spielte Tauss zufolge «bei von der Leyen den devoten Vorreiter, was dann zu deren Drohung führte, die anderen »nicht kooperativen Provider« öffentlich an den Pranger zu stellen.»

Wenn nun Vodafone ausgerechnet die schärfsten Kritiker der Netzsperren zu ihrer Zielgruppe macht, dann ist das so, als würde die deutsche Fleischerinnung einen Werbespot mit fröhlich Schweinshaxe mampfenden Vorzeige-Veganern drehen, um die Generation «Möhrenessen ist auch Mord« zu Fleischfreunden zu machen.

Verdauungsendprodukt des männlichen Rindes
Ein Post der Bloggerin Ute Hamelmann (die unter dem Künstlernamen Schnutinger Cartoons zeichnet) im Blog von Vodafone führte nun zur nächsten Eskalationsstufe.

In den Kommentaren reichten die Reaktion von «Würg, is mir schlecht» bis zu «Bullshit!» und für das Verdauungsendprodukt des männlichen Rindes hielt auch Felix Schwenzel Hamelmanns Text: «Was für ein PR-Bullshit, an dem aber auch fast gar nix zu stimmen scheint.»

In den Kommentaren zu Schwenzels Artikel tauchte der Link auf einen von Hamelmann verfassten Text, in dem sie sich von dem Werbedreh distanzierte, auf. Hamelmann hatte den Beitrag allerdings unterdessen gelöscht, weshalb er nur noch im Cache von Google zu finden ist. Sofort kam der Verdacht auf, Hamelmann habe den Beitrag auf Druck von Vodafone zurückgezogen, was sie bestritt. Allerdings wurde ihr nicht geglaubt.

Daraufhin verkündete Hamelmann ihren Rückzug aus dem Web2.0.
«Das alles ist schon extrem krude! Die Werbung ist das eine, aber wenn mir persönlich nicht mehr geglaubt wird, dann geht nichts mehr, dann bleibt nur eins: Der Rückzug

Erst die Frau erschießen
Martina Kausch erinnert die Affäre Schnutinger an eine GSG9-Taktik: «Wenn die Bedroher aus einer Frau und mehreren Männern bestehen, gibt es einen Befehl, zuerst die Frau zu erschießen. Und zwar, um den Beschützerinstinkt der Männer gegenüber der Frau zu zerstören. (...) In dem Augenblick, wenn der Finalschuss bei der Frau erfolgreich war, ist die Moral der Männer zerstört.» Kausch schließt daraus: «Sie (Hamelmann) wurde 'abgeschossen', um sich dann im nächsten Schritt den weiteren Personen zuzuwenden. Und wer die nächsten Kandidaten sein werden, scheint auch jetzt schon festzustehen.»

Don Dahlmann hält die Art des Umgangs mit Schnutinger für ein Zeichen schlechter Erziehung:
«Es ist der Stil, der eine Kritik auszeichnet. Und im Moment zeigt die Blog- und Twitterszene sehr wenigdavon.»

Die Unabhängigkeit der Blogger
Don Alphonso allerdings erinnert Don Dahlmann an ein paar Dinge, die dieser zu erwähnen vergessen hat: «Über Adnation läuft bei ihm Vodafone-Werbung, über Adnation läuft bei Blogwerk, wo er arbeitet, Vodafone-Werbung, wenn die Vodafone-Kampagne scheitert, scheitert auch Nico Lumma, und der ist auch bei Adnation dabei, und für den für Adnation relevanten Bereich Social Media bei Scholz & Friends zuständig. Wenn die Kampagne scheitert, kann sich Adnation die Behauptung, die meinungsführenden Blogs zu haben, in die Haare schmieren, und damit einpacken.»

Wie ist es also mit der Unabhängigkeit der Blogger, die Vodafone-Werbung geschaltet haben?

Stefan Niggemeier antwortet auf die Frage eines Lesers, warum bei ihm im Blog Vodafone-Werbung laufe: «Weil ich glaube, dass meine Leser klug genug sind, zwischen redaktionellen Inhalten und Werbung zu unterscheiden. Vielleicht haben Sie mitbekommen, dass eines meiner Dauerthemen die Forderung nach einer Trennung der beiden ist. Warum es meiner Glaubwürdigkeit schaden soll, dass ich diese Trennung auch in meinem Blog praktiziere, erschließt sich mir nicht.»

Und auch Johnny Haeusler, Adnation-Gründer und somit gemeinsam mit Sascha Lobo (der auch in dem Fernsehspot mitgewirkt hat und Vodafone berät) zuständig für die Vodafone-Werbung auf den bei Adnation beteiligten Blogs, gibt sich unabhängig: «Ich muss mit der politischen Haltung von hier werbenden Unternehmen nicht übereinstimmen, und so ändern auch Vodafone-Banner auf Spreeblick nichts an meiner Einstellung zu den Netzsperren.»

Vergleich ist unzulässig
Sein Leser Marcel widerspricht ihm allerdings deutlich: «Der Vergleich zwischen Zeitungen und anderen Medienerzeugnissen und Blogs ist hier nicht zulässig im Sinne der Professionalität etc, da Blogs von den Meinungen und Persönlichkeiten der Macher abhängig sind. Deswegen kann man es sich eigentlich nicht erlauben, in dieser Art und Weise hin und her zu wackeln ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren.»

René von Nerdcore, der ebenfalls auf Spreeblick schreibt, twittert unterdessen ganz unverdrossen: «Das HTC Magic ist übrigens super.» Nun ist davon auszugehen, dass René der Meinung ist, dass er – nur weil bei ihm Werbung von Vodafone läuft – nicht daran gehindert werden dürfe, ein Vodafone-Handy zu preisen. Bei Fernsehgrößen, die in den Verdacht der Schleichwerbung gerieten, hieß es stets, es gelte, schon den Anschein zu verhindern. Sind Blogger also extrem unabhängig oder einfach nur extrem schmerzbefreit?

Wie man sich von dem Ruch der Käuflichkeit befreit, hat Kosmar vorgemacht. Dieser war auch in dem Spot zu sehen und spendet nun sein Darstellerhonorar dem Chaos Computer Club. Und auch zu einem anderen Thema äußert er sich: «Die entgegenkommende Haltung von Vodafone zu den Netzsperren-Verträgen mit der Bundesregierung und dem Zugangserschwerungsgesetz finde ich, diplomatisch gesagt, nicht gut.»

Zum Schluss wollen wir uns einer Forderung von @Schundroman anschließen: «Das Internet darf kein schnutingerfreier Raum sein!»

Anhang
Dasnuf verabschiedet sich auch vom Bloggen. Aber nur für begrenzte Zeit und aus ganz anderen Gründen. +++
Liz zieht es an das Meer.
Maximilian Buddenbohm war schon da. +++
Benjamin Birkenhake über den Online-Buchhändler Amazon, der aufgrund von Lizenzproblemen nachträglich 1984 von den Kindles seiner Nutzer entfernt hat. Ausgerechnet 1984. +++
A propos 1984: Jens Weinreich widmet sich der Geschichte eines sagenhaften Speerwurfes. «Für 1984 notierten die Dopingärzte und Wissenschaftler für Uwe Hohn den Konsum von 1135 mg Oral-Turinabol.» +++
Andrea Diener baggert im Sommerloch. +++
Der Trend geht zum Dreiklang. Lukas schaut sich Bürgermeisterkandidaten an und macht eine erstaunliche Entdeckung.
+++ Und endlich gibt es mal wieder eine neue Methode, die Twitterrangliste zu messen.

Für das Web editiert von Malte Welding. Netzeitung auf Twitter.