Handy-Boom bedroht Telefonzellen
18. Apr 2001 10:41
 | Die Telefonzelle: Modell gelb und Modell grau-magenta. | Foto: web |
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Seitdem fast jeder ein Handy hat, sind öffentliche Telefonzellen vom Aussterben bedroht. Den Telefongroschen braucht man nur noch, wenn der Akku mal leer ist.
HAMBURG. Sie waren mal gelb und rochen fast immer nach kaltem Rauch. Nun verlieren sie an Bedeutung, denn im Zeitalter des Handys ist die Telefonzelle out. Gäbe es eine Liste der vom Aussterben bedrohten Alltagsgebräuche - das Telefonieren in der Zelle stünde wohl ganz oben. Da schwingt selbst bei nüchternen Experten ein bisschen Wehmut mit. «Man muss sich von lieb gewordenen Dingen lösen, wenn die Entwicklung weiter gegangen ist», sagt Manfred Herresthal, Vorsitzender des Deutschen Verbands für Post und Telekommunikation in Offenbach. «Es gibt keinen Bedarf mehr.»
Braucht man eine, findet man keine
Rund 100 Jahre nach dem ersten öffentlichen «Fernsprech-Automaten» in Berlin hat das «große Zellensterben» eingesetzt, wie die Wochenzeitung «Die Zeit» bemerkte. «Die Telefonzelle ist ein sterbender Raum. Ein Opfer der mobilen Gesellschaft», schrieb die «Welt». Der große Vorteil des Handys ist fast zu banal, um ihn überhaupt zu nennen: Man hat es überall dabei. Für Telefonzellen gilt hingegen scheinbar Murphys Gesetz. Braucht man eine, findet man keine oder die falsche - ein Münz- oder Karten-Gerät, je nachdem, was man gerade nicht dabei hat.
«Ruf doch mal an»-Nostalgie
Ein Stück Kulturgeschichte verschwindet. Wer erinnert sich nicht an den wolkenförmigen Aufkleber mit der Aufforderung «Ruf doch mal an»? Unruhig Wartende vor der Zelle (Wer traut sich ans Glas zu klopfen?), das zerfetzte Telefonbuch, der versonnene Blick beim Telefonieren, die hektische Suche nach Münzen - das ist der Stoff, aus dem kollektive Erinnerungen sind. Ganz abgesehen davon, dass Telefonzellen einer der Dauerbrenner waren, wenn es in Frauenzeitschriften um ungewöhnliche Orte für Sex oder in Krimi-Serien um einen Platz für ungestörte Erpressergespräche ging.
Telefongroschen braucht keiner mehr
Telefonieren in der Zelle haben die meisten Deutschen als Kind gelernt wie Radfahren oder dass man von Fremden keine Süßigkeiten annimmt. Mittlerweile hat jedoch rund jeder zweite Jugendliche ein Handy, manche sind so geübt, dass sie SMS tippen können, ohne das Handy aus der Hosentasche zu nehmen. Das Schlange-Stehen vorm Telefon während der Klassenfahrt («Ich muss Schluss machen, das Geld ist alle») dürfte wie die «Telefongroschen» bald zur Vergangenheit gehören. Auch die meisten älteren Menschen hätten sich mittlerweile daran gewöhnt, dass es Handys gibt, bestätigt Manfred Herresthal vom Deutschen Verband für Post und Telekommunikation.
Weniger Telefonhäuschen
Durch den Nachholbedarf in der Ex-DDR stieg die Zahl der Zellen Mitte der 90er Jahre von rund 120.000 auf 165.000, derzeit sind es noch 135.000 Telefonhäuschen. In den letzten zwei, drei Jahren sei die Zahl konstant geblieben, betont ein Telekom-Sprecher. «Die werden auf jeden Fall weniger», sagt hingegen Herresthal. «Das ist gar kein Frage.»
Wer braucht die öffentliche Telefonzelle noch? An Flughäfen und Bahnhöfen und auf Messegeländen werden sie wohl nicht verschwinden. Rentabel sind nach den Worten der Experten auch Geräte, an denen Touristen und Reisende mit der Kreditkarte zahlen und etwa schnell ihre Abholzeiten durchgeben können - wenn zum Beispiel gerade der Handy-Akku leer ist.
Zukunftszelle: Surfstation auf Säulen
Und so wird es für die «öffentliche Telefonie», wie es im Fachdeutsch heißt, neue Wege geben. Die Telekom setzt in Zukunft auf schlanke Edelstahlsäulen, die alle Zahlungsarten akzeptiert («All-Payment-Funktion»), und das «TeleKiosk», mit dem man im Internet surfen und E-Mails lesen kann. Da dürfte die gute alte Telefonzelle ausgedient haben - zumal man mit ihr oft nicht einmal telefonieren konnte, wenn der Groschen mal wieder durchfiel. (dpa)