18.05.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Startseite von Wolfram Alpha Screenshot: nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die neue Such- und Antwortmaschine Wolfram Alpha ist online. Blogger und Twitterer wissen nicht, ob sie lachen oder weinen sollen. Der Blogblick (nun nicht immer nur freitags und auch sonst ein bisschen erneuert).
Wenn man bei Google «Madonna» und «Britney Spears» eingibt, erhält man ganz oben, dort wo eine Vorschau auf die Bildersuche zu sehen ist, die
berühmte MTV-Award-Knutschszene. Gibt man die Namen bei
Wolfram Alpha ein, erfährt man, dass Britney Spears eine Popsängerin ist und Madonna eine Sängerin/Songwriterin, sowie Geburtsdatum und Geburtsort der beiden. Und eine Zeitleiste, bei der man erkennen kann, wie lange Madonna schon (teilweise unbekleidet) auf dem Planeten wandelte, ehe Spears geboren wurde.
Ich könnte an dieser Stelle den Blogblick über
Wolfram Alpha abbrechen. Ein Google-Killer? Mit Zeitleisten anstelle der entblößten Kaiserschnittnarbe von Britney Spears? Mit Berufsbezeichnungen anstelle verknoteter Sängerinnenzungen? Klar: Auf dem Planeten Nerd vielleicht, die Bevölkerung des Planeten Erde ist fleischorientierter.
Der Leser
Patrick kommentiert in Thomas Knüwers Blog
Indiskretion Ehrensache: «Selbstverständlich ist das eher
ein Wissenschaftstool und kein 'Paris Hilton naked Pics'-Helfer. Angesichts dessen, wie (wenig) weit Google mit seinem
semantischen Verständnis bislang ist, sind die Ergebnisse von Alpha bereits erstaunlich.»
Knüwer selbst hatte bei einem Test zunächst beim Ego-Wolframen keinen Erfolg (die Maschine antwortete wie ein
Roboter aus einem antiken Science Fiction-Fim: «Interpretiere Knuewer als Knudsen») und kommt zu dem Ergebnis: «Für weite Teile der Netz-Nutzer wird Alpha auf absehbare Zeit hin keinen Nutzen erbringen.»
Die eine richtige Antwort Marcel Weiss macht allerdings
darauf aufmerksam, dass Knüwers Vorgehensweise fragwürdig ist: «Wikipedia wird nicht dadurch wertloser, weil sie beispielsweise keine Knüwer-Seite hat. Das Gleiche gilt für Wolfram Alpha.» Darüber hinaus deutet Weiss jedoch auf ein
tiefergehendes Problem hin, das der bloggende Philosoph
David Weinberger entdeckt hat. Während Google und Wikipedia darauf abzielten, das (durch die Suchanfrage begonnene) Gespräch fortzuführen, einen weiteren Dialog geradezu provozierten, beendet Wolfram Alpha das Gespräch autoritär durch den Anspruch, die eine, richtige Antwort zu haben. Weiss ergänzt, dass dieser Anspruch im Internetzeitalter nicht mehr funktioniere. Einer der vielen Gründe für den Erfolg der Wikipedia sei eben, «dass Wikipedia nicht vorgibt, alles zu wissen und dass die jeweilige Themenseite aus in Stein gemeißelten Fakten besteht.»
Netzphilosophisch fragwürdig ist Wolfram Alpha also auch noch.
Auf eine erfreuliche Fähigkeit Wolfram Alphas
weist jedoch Knüwers Leser
Matt Winkelmann hin: «Ich musste letztens die
Temperaturen in verschiedenen südamerikanischen Städten an einem gewissen, länger vergangenen Datum finden. Hat etwas drei Stunden gedauert. Mit Wolfram Alpha klappt es tatsächlich in wenigen Sekunden.»
«WolframAlpha isn't sure what to do with your input» Wenn Wolfram Alpha schon für den Durchschnittssuchanfrageneingeber und den diskursorientierten Philosophen nichts zu bieten hat, dann also für Wissenschaftler? Der Astronom
Florian Freistetter ist allerdings auch wenig begeistert.
Fünf von zehn Punkten würde er Wolfram Alpha
momentan geben. «Das Hertzsprung-Russell-Diagramm ist eines der wichtigsten Werkzeuge der Astronomie. Wolfram Alpha hat davon leider noch nichts gehört. Eine Suche nach 'Supernova' bringt jede Menge Infos zu einem Kinofilm aber nichts astronomisches.»
Freistetters Scienceblogs-Kollege
Thilo Kuessner, Mathematik-Dozent an der Universität Münster,
gibt sogar nur
drei von zehn Punkten. «Selbst Begriffe des normalen Schulstoffs der Mittelstufe werden nicht erklärt. Überflüssig zu erwähnen, dass man natürlich auch zu Begriffen aus dem Uni-Kanon oder gar zu aktuellen Forschungsthemen keine Erklärungen bekommt.»
Ist das, was
Skeptiker befürchtet hatten, eingetreten? «WolframAlpha isn't sure what to do with your input». Na, das hätte ich mir ja denken können. Wohlmeinende Stimmen gibt es aber natürlich auch:
Timo Heuers erster Eindruck ist «richtig gut» und
Eric Schonfeld von
Techcrunch ist zwar nicht «super-impressed», aber
immerhin «impressed». Wolfram Alpha sei sicherlich nicht
das nächste Cuil, die vor einem Jahr mit viel Getöse gestartete
Suchmaschine, von der nach dem Start nie wieder ein Mensch gehört hat, sondern durchaus vielversprechend.
«Hello, human» Und auch die
Suche nach Wolfram Alpha-Easter Eggs ist zur Zeit ein großer Spaß unter Bloggern und Twitterern. Bei
Mashable.com finden sich Verweise auf Monty Python-Filme, Dialoge wie aus einem Kubrick-Film (Eingabe «Hello», Antwort «Hello, human») und sogar die Antwort auf die Frage «Wo bin ich?» kann Wolfram Alpha
beantworten. Bei religiösen Fragen mag Wolfram Alpha sich noch
nicht festlegen, auf die Frage nach der
Geschichte des Menschen weiß es allerdings eine klare Antwort. Weitere Zeugnisse des Wolfram-Versagens finden sich in den
Kommentaren bei
Jason Calacanis.
@wizard2607: «
Lieblingsantwort von #WolframAlpha 'what is twitter': ' series of chirps».
Es bleibt abzuwarten, ob Wolfram Alpha dauerhaft mehr als Nerd-Humor zu bieten hat. Ein Google-Killer ist offensichtlich nicht entstanden. Aber für diese Erkenntnis hätte man nur nach «Madonna» und «Britney Spears» suchen müssen.
Auch hier was Neues, ein Blogger-Kurzinterview.
René Walter betreibt
Nerdcore, bloggt auf
Spreeblick und bei den
5 Filmfreunden. Er sollte also wissen, was derzeit in den deutschsprachigen Blogs los ist.
Kannst du beim Bloggen irgendwelche größeren Trends ausmachen?
René Walter: Ich beobachte einen Rückgang des Befindlichkeitsbloggings, gut so. Die Befindlichkeiten finden auf Twitter statt («Mir ist heute so dingsbums» lässt sich gut wegtwittern). Im Wahljahr ist die Blogosphäre außerdem sehr politisiert, weil auch zunehmend Netzpolitik in den Mainstreammedien stattfindet. Nach ein paar Jahren, in denen sich die Blogosphäre ein wenig gespalten hat, sehe ich grade wieder ein verstärktes «Wir»-Gefühl.
Hast du zuletzt noch irgendwelche neuen, spannenden deutschsprachigen Blogs entdeckt?
Walter: Das sind jetzt natürlich Blogs, die mehr oder weniger «meine Themen» bedienen, also Design und WTF und sowas, hier auf die schnelle drei Tipps:
xfuckerx,
feingut,
iheartpluto.
Und wie geht's weiter? Mit dem Bloggen an sich und mit Nerdcore?
Walter: Bloggen wird sich auch in Deutschland etablieren, wenn wir den Amis immer zwei, drei Jahre hinterherhängen, dann dürfte es ungefähr jetzt dazu kommen. Blogs und klassische Medien werden nicht mehr konkurrieren, sondern sich ergänzen (wie sie es schon immer getan haben, man korrigiert sich gegenseitig und greift gegenseitig Themen auf). Und für Nerdcore treffe ich keine Vorhersagen, das Blog schwankt thematisch genauso wie ich, niemand postet Star Wars-Content auf ewig, vielleicht reise ich demnächst nach Asien, dann steht das genauso auf NC, wie jetzt untote japanische Mädchen im Vader-Kostüm, die Rumba tanzen.