14. Mrz 2001 13:16
Jeder kann Netz-Verleger sein: Mit so genannten Weblogs lassen sich professionelle Internet-Angebote im Handumdrehen erstellen.
BERLIN. «Ich fühle mich den Opfern verbunden.» Zannah hat gerade ihre Meinung über das neuerliche Schulmassaker in San Diego ins Netz gestellt. Das selbsternannte «Digital Girl» aus Seattle führt ein «Weblog» - eine Art Tagebuch im Netz. Hier kann sie ihre Gedanken zusammenfassen, Links zu anderen Seiten sammeln und sich so darstellen, wie sie sich gerne anderen präsentieren würde.Logs für jede Zielgruppe
Weblogs liegen derzeit einmal mehr stark im Trend. Allein das Web-Verzeichnis
Yahoo verweist auf Hunderte von Seiten, die von Privatleuten, aber auch von Gruppen und semikommerziellen Anbietern betreut werden, die tagtäglich ihre Eindrücke auf diese Weise ins Netz stellen. Manche sind nützlich, viele sehr intim. Zielgruppenspezifisch sind sie alle: So haben Linux-Fans genauso ihre Weblogs, wie Anhänger von Sportarten, Humoristen oder Freunde bestimmter Musikgruppen. Die Vielfalt ist groß.Schnell und preiswert zum Netz-Verleger
Frappierend an den Angeboten ist die Einfachheit, mit der sie eingerichtet werden können: Inzwischen gibt es mindestens fünf sehr simpel zu bedienende Applikationen, die einigen größeren Internet-Redaktionssystemen das Wasser reichen können.
Sie sind gratis oder sehr preiswert verfügbar. «Blogger» und «Manila» werden via Web direkt genutzt; das Erstellen einer Zugangsberechtigung benötigt nur wenige Minuten, schon kann der frischgebackene «Weblogger» beginnen - eigene Internet-Adresse inklusive.
Gute Seiten benötigen natürlich viel Arbeit, Grundfunktionalitäten wie Suche, Archiv und Design-Vorlagen werden aber gleich mitgeliefert. «Das Veröffentlichen wird leichter», sagt Peter Praschl, Kolumnist bei der Verlagsgruppe Milchstraße und schon seit einigen Jahren mit Weblogs beschäftigt, «es wird expertenunabhängiger, sagen wir: demokratischer». Erfüllen Weblogs also das Versprechen der Waffengleichheit zwischen Nutzern und Großindustrie, die das World Wide Web den Usern einst gab?Renaissance von Chats und Boards
Nicht ganz, meint Praschl: «So leicht sind Revolutionen nicht zu haben.» Wer die Möglichkeit hat, über andere Medien für sein Internet-Angebot zu werben, bekommt oft auch die meisten Besucher. Dennoch zeigt die Erfolgsgeschichte beispielsweise des Technologie-Weblogs «Slashdot», dass zumindest die fortgeschrittenen Nutzer sehr gerne auf «handgemachte», kollaborativ erstellte Inhalte zurückgreifen. Der Journalismus hat aber noch lange nicht ausgedient: Professionelle Recherche und Schreibe kosten.
Je mehr kommerzielle Inhalte-Angebote vom «Dot-Com»-Sterben erfasst werden, um so stärker rücken die nutzergenerierten Angebote aber in den Vordergrund.
So kommen simpelste Formen der Online-Kommunikation wieder zu neuen Ehren, die so mancher im Zuge der Multimediatisierung des Netzes bereits für ausgestorben hielt: In Messageboards wird geschrieben wie nie und auch der Chat hält sich weiterhin als «Einstiegsdroge» für Netzneulinge ganz oben in den Top-Ten.
Ein ganz neues Medium?
Weblogs sind also mehr als nur ein vorübergehender Trend. Sie rücken derzeit jedoch wegen des Hypes um «Peer-to-Peer»-Modelle wie Napster verstärkt in den Vordergrund. Dort kommunizierten die Usern untereinander schließlich ebenso direkt.
Für den US-Internet-Journalisten Jon Katz, der sich selbst in die «Niederungen» der Weblog-Schreiber begibt, bleiben sie der «Piratenfunk des Internet». Aber auch der inzwischen höchst erfolgreiche TV-Sender RTL hat in Deutschland einst als «Einstrahler» aus Luxemburg angefangen.