Unsere Weblog-Kolumne:
Happy Birthday, HTML und HTTP!
13.03.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Unter dem Namen von Tim Berners-Lee stehen für gewöhnlich nur drei Worte zur Erläuterung: «Invented the Web». Keine Anmaßung, denn tatsächlich: Tim Berners-Lee hat das World Wide Web erfunden.
Was eine Leistung ist, als hätte jemand das Feuer, das Rad oder milchgebende Kühe erfunden. Und am Freitag feiert das WWW seinen 20. Geburtstag. Zwar wurde das WWW erst am 30. April 1993 zur allgemeinen Nutzung freigegeben. Aber am 13. März 1989 schrieb Tim Berners-Lee einen Projektantrag am Cern.
Mr. Gadget erklärt im Rahmen seiner sehr lesenswerten Schilderung der mittlerweile legendären Ereignisse: «Der Entwurf für das World Wide Web (WWW) enthielt drei Kernpunkte: Zum einen entwickelte Berners-Lee die 'Hypertext Markup Language' (HTML), die beschreibt, wie Seiten mit Hypertextverknüpfungen ('Links') auf unterschiedlichsten Rechnerplattformen formatiert werden. Mit dem 'Hypertext Transfer Protocol' (HTTP) definierte er die Sprache, die Computer benutzen würden, um über das Internet zu kommunizieren. Außerdem legte er mit dem 'Universal Resource Identifier' (URI) das Schema fest, nach dem Dokumentenadressen erstellt und aufgefunden werden können.»
Ebenso wichtig wie der Umstand, dass Berners-Lee das Web erfunden hat, ist der Umstand, dass Berners-Lee das Web erfunden hat. Denn Tim Berners-Lee ließ seine Ideen und technischen Umsetzungen nicht patentieren und sorgte darüber hinaus dafür, dass das World Wide Web Consortium nur patentfreie Standards verabschiedete.
Wenn Microsoft das WWW erfunden hätte ...Wenn nicht Berners-Lee das WWW erfunden hätte, sondern Sony/Microsoft/Siemens, wie hätte sich das Web dann wohl entwickelt? Hätte Sony das WWW erfunden, dann bestünde es im Wesentlichen aus einigen hundert Werbe-Homepages, hätte Microsoft das WWW erfunden, dann besäße Bill Gates das ganze Geld der Erde und der Rest der Menschheit Windows-Gutscheine, das Web sähe aus wie mit Picture-It gemalt und Online-Banking würde solange dauern wie die De-Installation von Windows Vista (die allerdings illegal wäre).
Und hätte Siemens das WWW erfunden, wäre es vor ein paar Jahren an einen südkoreanischen Hundeverfütterungs-Konzern verkauft worden, der es dann irgendwann dicht gemacht hätte.
Gene Phifer im Gartner Blog Network drückt es so aus: «Dank der Einfachheit des Web-Modells und der Allgegenwart von Webbrowsern und Internet-Zugang, haben wir einen Schatz an Informationen zur Hand. Wir können eine riesige Auswahl von Produkten und Dienstleistungen kaufen ohne unsere Sessel verlassen zu müssen. Und wir können rund um die Welt mit jedem interagieren, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Das Web hat weitreichende Auswirkungen auf unsere Gesellschaften, auf unsere Kulturen und auf unsere ökonomischen Modelle. Die Welt wäre ein anderer Ort ohne das Web. (...) Wir schulden Sir Tim Berners-Lee ein herzliches 'Hurra' für seine Vision und seine Bemühungen, diese Vision Realität werden zu lassen.»
Eine andere WeltEine andere Welt: Das ist ausnahmsweise nicht zu hoch gestapelt. Ohne das Web hätte sehr wahrscheinlich der Präsidentschaftskandidat der Republikaner, dessen Name mir gerade entfallen ist, Hillary Clinton in einem knappen Rennen geschlagen, die USA wären vielleicht schon im Krieg mit dem Iran. Und selbst mit der gegenwärtigen Krise lässt es sich besser leben als mit Sarah Palin einen Herzschlag von der Präsidentschaft entfernt.
Aber wie es mit großen Erfindungen so ist: Sie erschließen sich nicht unbedingt (milchgebende Kühe waren eine Ausnahme, aber beim Feuer haben auch alle erst gefragt: «Und?») BoingBoing schreibt: «Als Berners-Lee das Web anderen Leuten beschrieben hat ohne es ihnen zu zeigen, waren sie nicht besonders beeindruckt. Schwer zu beschreiben, was es ist. Man muss es verstehen, ehe man es verstehen kann.» Und, so BoingBoing weiter: «Heute hat er dasselbe Problem. Den Menschen fällt es schwer, sein neues Projekt, das semantische Web, zu verstehen.»
Durch dieses Netz könnte die Welt noch weiter als bisher verändert werden. Gigaom.com erklärt: «Berners-Lee möchte, dass Daten dergestalt online gestellt werden, dass sie zueinander in Beziehung gesetzt werden können, so dass man sie für multidisziplinäre Aufgaben verwenden kann. Zum Beispiel Genom-Daten und Protein-Daten, um Alzheimer zu heilen.» (Im Semanticblog kann man ein Video sehen, in dem Berners-Lee das semantische Web erklärt. Grämen Sie sich nicht, wenn Sie es nicht verstehen - siehe oben.)
Wolfram Alpha Ein wichtiger Schritt zu diesem semantischen Web soll die Suchmaschine Wolfram Alpha sein, die in der Netzwelt in der vergangenen Woche für Furore sorgte. Wer könnte berufener sein als das GoogleWatchBlog, uns zu sagen, was Wolfram Alpha können soll? «Wolfram soll Fragen nicht mit Suchergebnissen beantworten, sondern eine Antwort errechnen.»
Google-Pressesprecher Kay Oberbeck sagte dem Google-WatchBlog: «Wir begrüßen Wettbewerb, der Innovationen fördert und den Nutzern noch mehr Wahlmöglichkeiten an die Hand gibt.» Das hat Uli Hoeneß auch gesagt, als er noch dachte, Hoffenheim sei ein niedlicher Dorfverein.
Bei blogs-optimieren.de bleiben Zweifel: «In der Praxis muss sich zeigen inwieweit die Nutzer tatsächlich mit einer solchen Technik umgehen möchten. 10 Jahre Google haben an sich das Nutzungsverhalten in Richtung Keyworteingabe domestiziert, jeder der die Logs von Suchanfragen ab und an auswertet wird das bemerken: ganze Sätze oder Phrasen in grammatischen Zusammenhang sind eher selten. Logisch, denn derartige Kombinationen bringen derzeit bei den Suchmaschinen kaum Vorteile.»
Sami Yakar argumentiert dagegen wirtschaftlich: «Es wird keine Liste von Ergebnissen geliefert! Das bedeutet, dass es zu der Frage keine Links gibt und ohne Links keine Besucher von der Suchmaschine und ohne Besucher keine Einnahmen.» Er kommt zu dem Schluss: «Ich denke, dass es konkret darauf hinauslaufen wird, dass der Großteil der Webseitenbetreiber die Robots aussperren wird, damit die für reale Besucher generierten Inhalte nicht einfach in einem Antworten generierenden Datenverwurster untergehen. Und ohne diese Daten wird die Suche nicht funktionieren und deswegen wird nach einem kurzen Hype das Erwachen kommen und Wolfram Alpha scheitern.»
Auch Thomas Knüwer ist skeptisch. Und liefert einen Witz: Geht Wolfram Alpha in ein closed beta? Angesichts der Tatsache, dass selbst das narrensichere Google von vielen Menschen noch nicht richtig verstanden wurde (wer das bezweifelt, sollte einfach mal einen Blick in diesen Blogpost werfen), ist Skepsis natürlich angebracht und außerdem ist Skepsis sowieso das neue Schwarz. Man sagt, die ersten Bejubler des Rads seien unter ihm begraben worden. Aber am Ende wollte niemand mehr darauf verzichten.
Anhang
Elisabeth Rank über das Gegenteil von Déjà-Vu. +++ @HilliKnixibix: «Auf dem Postamt: Paket seit 2 Wochen unauffindbar. Beamter: 'Nein, seit 1 Woche!' - 'Seit 2 Wochen!' - 'Das kann nicht sein, da hatte ich frei.'» +++ Frank Lachmann wirft einen genauen Blick auf das Milchprodukt Nüsse und die Herkunft von Müllbeuteln. +++ Auf Netzpolitik fallen Ronald Pofalla und Dirk Niebel übereinander her. +++ SurfGuard erläutert, wie man mit Außerirdischen kommuniziert. +++ Peter Glaser und der Tod durch Technik: «In Japan wurde erstmals ein Mensch von einem Industrie-Roboter getötet; er hatte ohne Befehl plötzlich wild um sich geschlagen. 1979 kam der Arbeiter Robert Williams in einer Fabrik der Firma Ford durch einen Roboter ums Leben.» +++ @FrauScheusslich: «Bester Kommentar der letzten Nacht: Ich hab Tinitus im Auge, ich seh nur Pfeifen hier.» +++ @baranek hat die Meute in Winnenden fotografiert. +++ @udovetter kommentiert ein Bild bei Twitpic: «Der Tankstellenbesitzer wollte schon immer was mit Video machen.» +++ Felix Schwenzel wundert sich über die neue Berliner Mitte und definiert nebenbei den Unterschied zwischen Freizeit und Arbeit: «so verbringe ich im übrigen meinen feierabend am liebsten. biertrinkend in den laptop schauend. (arbeit ist, kaffee-trinkend in den laptop zu schauen.)» +++ Don Alphonso beobachtet einen Spucker. +++ @FinnVonDue: «Gerade das erste Mal eine Sharon gegessen. O-Ton Miss von Due: 'Schmeckt wie Feigen, obwohl ich gar nicht weiß wie Feigen schmecken'.» +++
Manfred hat Schwierigkeiten mit der Wumbiyaki-Behörde. +++
Batz hat eine - früher hätte man gesagt Mediensatire, heute wohl eher - Bestandsaufnahme der Medien während des Amoklaufs von Winnenden geschrieben. +++ Auf Rain Dogs wird der Autor ungewollt Zeuge von Telefonsex: «Wie bitte? Das gibt es ja nicht. Was ist das? Ich merkte aber, dass die Stimme nicht in meinem Kopf direkt war, sondern eher links. Da kam keine Stimme von rechts, sondern nur links. Ergo müsste sie ausserhalb des Kopfes sein und wenn ich mich nicht irre und ich am linken Ohr etwas höre dann ist die Quelle wohl links von mir. Bei Theo.» +++ Gast-Blogger Nils Minkmar schreibt bei Stefan Niggemeier über Boni: «Dass die Manager von heute sich die Kohle derart eichhörnchenmässig wegstecken und lieber die öffentliche Schande vorziehen, gibt einem zu denken. Geld statt Ehre wählen oft kommt das, entgegen dem Klischee, nicht vor, in der Geschichte der Menschheit.»
Für das Web editiert von Malte Welding.

