06.03.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Erdprojektion mit Sternenhimmel auf der Cebit 09
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
IT-Messe in Hannover, hoch und runter, gebloggt und getwittert, von dort oder von zuhause aus, zustimmend, meistens aber ablehnend. Außerdem: Youtube-Musicmashup-Videos, Kuba, moderne Technik. Der Blogblick.
Ich habe kein Handy. Das heißt: Ich habe schon eins, aber ich vergesse immer, die Prepaid-Karte vorzubezahlen. Würde ich sie bezahlen, dann könnte mein Handy leidlich telefonieren, Kurzbotschaften verschicken und empfangen und mich mit einem
Luftballonskaputtschießspiel süchtig machen.
Das Luftballonspiel verfügt nämlich über Belohnungsgeräusche, von denen ich nicht genug bekommen kann. Wenn ich also über die
Blogger-Reaktionen auf die Cebit schreibe, dann ist das so, als würde Franck Ribéry den Stand des Heidegger-Diskurses unter senegalesischen Taubenzüchtern referieren.
Aber die diesjährige Cebit soll ja anders sein,
im Fokus steht die «Webciety». Im vom Berliner Web-Vordenker Sascha Lobo miterfundenen Kunstwort klingt an, dass das Netz alle Lebensbereiche erfasst und verändert. Das
Netz der Dinge, das mobile Netz, alles interessante, zukunftsweisende Themen, die deutlich vielversprechender sind als der
neueste, noch flacherere Laptop. Aber wie so oft liegt die
Tücke in der Praxis.
@sachark twittert: «Das mit dem mobilen Internet funktioniert immer dann nicht, wenn man mobil ist. #bahn #fail». Und wenn die Praxis noch ein wenig dümpelt, darf wenigstens die Theorie fliegen. «Wer nicht online vernetzt ist, kann nicht mehr kommunizieren.»
Das twittert Claudia Sommer einen Redner zitierend von der Cebit.
Die Stunde der FaselfürstenIch bin nicht ganz sicher, ob alle Menschen, von denen ich weiß, dass sie denken, sprechen, gestikulieren, schreien und jodeln können, aber nicht twittern, facebooken, xingen oder bloggen - ob die alle wissen, dass das, was sie machen, bestenfalls noch als Grunzen bezeichnet werden kann, unter Netzbürgern aber
nicht mehr als Kommunikation durchgeht.
Auf dem nach oben offenen
Bullshit-O-Meter werden bei der diesjährigen Cebit Höchstwerte erzielt. Hat jetzt, da von Zukunft
keine Rede mehr sein kann, die Stunde der Faselfürsten, Gaukler und Gelegenheitsauskenner geschlagen?
Aber nein, tatsächlich kommt jetzt die neue Bodenständigkeit. Wein im Web 2.0 ist das große Thema, Weinproben per Twitter, mit Selbstverpflegungstrinkern vor den Bildschirmen. Bei
drinktank hat man vor lauter Vorfreude auf den Cebit-Donnerstag, der eine Podiumsdiskussion mit sich brachte, bei der es unter anderem um Wein im Web 2.0 ging, eine
Liste von 70 deutschen Wein-Twitterern veröffentlicht.Weib- und
Gesangs-Twitterer-Listen sind nicht geplant, dürften sich aber größerer Aufmerksamkeit erfreuen.
«Soll noch mal einer sagen, das ist alles nur Kokolores»,
schreibt man im
wein.over.blog. Wer würde im Ernst Wein-Twittern als Kokolores bezeichnen?
Endlich wird mal weniger gekifft an den Rechnern der Republik.
Reale und virtuelle Messen Weg vom betrunkenen Surfen, hin zu den nüchternen Zahlen: «Ihren Zenit hatte die Cebit mit 6100 Ausstellern und 510.000 Besuchern in 2004. Im letzten Jahr aufgerappelt auf 495.000 Besucher im Vergleich zum Vorjahr (2007, 480.000 Besucher), verringert sich in diesem Jahr die Anzahl der Aussteller um etwa 1500 auf 4300 Aussteller.»
Der Schluss, den man auf
sltalk.de daraus zieht, ist jedoch nur interessant, wenn man mal eben vergisst, dass man ein Mensch ist - der Blogger schlägt vor, man könne ja auch einfach
eine virtuelle Messe aufziehen: «Die Wirtschaftlichkeit und das Einsparungspotential durch den Einsatz Virtueller Welten ist ohne Frage:
1. Keine hohen Kosten für die Erstellung eines Messestandes
2. Keine hohen Ausstellungskosten
3. Internationale Reichweite, 24h-Besuch möglich!
4. Geringere Personalkosten für die Standbetreuung
5. Einsparung von Reisekosten auf beiden Seiten: Besucher und Aussteller
6. Besuch eines Messestandes zu beliebigen, frei vereinbarten Zeiten möglich (mehr Flexibilität).»
Ja, man könnte sich natürlich auch einfach das Bild einer Tasse Kaffee oder eines Biers auf seinem Bildschirm angucken, statt etwas trinken zu gehen. Menschen wollen sich schließlich nicht beschnuppern, wir sind ja keine Tiere. Bei manchen Texten fragt man sich, ob sie eigentlich noch von menschlicher Intelligenz erstellt worden sind, oder ob alte Disney-World-Avatare sie schreiben.
Man ist jedenfalls froh über jeden, der abseits von reinem Blödsinn etwas Neues zu erzählen hat: Auf einen ist immer Verlass, wenn einem mal der
Sinn nach Seriösem steht: Der Handelsblatt-Blogger
Thomas Knüwer berichtet per Video von einem neuen Live-Streaming-Dienst von T-Systems Multimedia Solutions.
Die Cebit-Vergangenheit Zukunft ist ja bekanntlich für alle da, aber wie wäre es mit ein bisschen Nostalgie? «Ich möchte gerne
einen Computer haben, in den ich reinsprechen kann.» Das war der
Wunsch des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder bei seinem Cebit-Rundgang 1999.
Mr. Gadget pflegt schon seit längerem die Tradition, vor jeder Cebit Texte zu der jeweils 10 Jahre zuvor gehaltenen Messe aus dem Archiv zu suchen. Vieles klingt jetzt schon wie aus einer viel ferneren Vergangenheit, hier
ein Beispiel aus dem Jahr 1997: «Für
die im Vorjahr 1996 mit großem Rummel angekündigte DVD wurden in Hannover endlich Abspielgeräte gezeigt, die halbwegs bezahlbar waren.»
Und was ist denn nun mit den Handys? Die
Blogpiloten stellen die
Handy-Highlights der Messe vor. «Als absolute Highlights der Messe gelten die Handys von Garmin in Kooperation mit Asus. Getauft wurden sie auf die Namen Nüviphone M20 und Nüviphone G60.» Endlich: Der Umlaut ist im HighTech angekommen. Und was können die Wünderhandüs?
«Klar kann man mit dem Smartphone auch telefonieren, aber das Hauptaugenmerk hat Garmin auf die Navigation gelegt.» Ah ja, telefonieren, haha: Und was ist mit Luftballon-Spielen?
Wer es übrigens nicht nach Hannover geschafft hat, der kann sich natürlich einige
Programmhöhepunkte anschauen bei zaplive.tv.
Die
Webevangelisten haben die
Zahl der deutschen Twitterer errechnet: 27000. Würden also alle deutschen Twitterer sich im Berliner Olympiastadion einfinden, sähe es dort aus wie bei einem Heimspiel der Hertha. Gegen Wattenscheid 09.
@antischokke: «
alte männer reden über mich. bzw tun sie so, als ob nicht.» +++ Ein sehr vergnügliches Gerangel zwischen
Detlef Guertler und
Stefan Niggemeier auf
Guertlers taz-Blog Wortistik. Unter Guertlers nur mit viel Liebe zum Euphemismus noch als erratisch zu bezeichnenden Beitrag, in dem er einen
«AS Reyntjes» zu Wort kommen lässt, schreibt Niggemeier: «ich hab diesen eintrag jetzt mehrfach gelesen, bin mir aber trotzdem nicht sicher, in welcher sprache er verfasst oder aus welcher er von einem halbfertigen übersetzungsprogramm ins deutsche übertragen wurde. (vielleicht habe ich aber auch nur den witz nicht verstanden.)» Und
Guertler antwortet allen Ernstes,
der Text sei «m.E. nicht als Witz gemeint». Und dann geht es natürlich weiter. +++
@N24_de: «
Eine kurze Nicht-Nachricht vom N24-Eingang: Der Fahrer des Ministers Guttenberg hat Probleme, den großen BMW in eine Parklücke zu bringen.» +++
Felix Schwenzel über
Technik, moderne: «
mein 15 jahre altes gesellenstück sieht heute noch aus wie am ersten tag. es ist ein bisschen gealtert, aber in würde. technische lösungen, elektronik, webseiten altern nicht in würde. sie gehen einfach kaputt, funktionieren von einem tag zum anderen nicht, sind voller undurchschaubarer abhängigkeiten, müssen geupdated, gepflegt und administriert werden. ständig.» +++
@kosmar: «
brille kaputt. biete jetzt auch accessibility-tests an.» +++ «Kann man nicht»:
Holger Klein über den Unterschied zwischen Sneakers und Turnschuhen. +++
Nerdcore ist
begeistert: «Das hier ist vielleicht das beste, was man mit Youtube bislang gemacht hat: Kutiman ist ein israelischer Funk-Musiker, nimmt Videos von Musik-Instrument-Demos oder DIY-Songs und masht Samples (und natürlich die Bilder) daraus in neue, fantastische Tracks respektive Videos für sein Projekt 'ThruYou'. Nextgen
Youtube-Musicmashup-Videos, ganz ganz wunderbar!» +++
@saschalobo: «
Was fehlt: Die Funktion
'Email ungeöffnet zurückschicken' in Mailprogrammen. #wasfehlt». +++
@udovetter: «Ist
Kuba am Ende? Das wäre mal
ein Anfang.» +++
Andrea Diener bespricht das
Magazin «Blank»: «Vielleicht ist es besser, über Julia Zange zu schreiben, als sie selbst zu Wort kommen zu lassen. Sonst ist immer alles nur so 'ein bisschen' oder 'prinzipiell total'.» +++
@epihelix: «
der philosoph will wissen, weshalb er ein
telefonbuch auswendig lernen sollte. der mediziner will wissen bis wann.» +++
Die fünf Filmfreunde zeigen ein Video, in dem
Forrest Gump in einem Take erzählt wird, in einer Minute. +++
Nilz Bokelberg hat ein großartiges
Lied über die Neunziger geschrieben - viel Spaß beim Nicht-mehr-aus-dem-Ohr bekommen. +++
@bjoerngrau: «
suche schlaf, biete müdigkeit.» +++