Computer- und Videospiele: Digitale Spiele, Teil 2: Reine Zeitverschwendung28. Nov 2008 16:45  |  Abtauchen in andere Welten: Digitales Spiel | Foto: dpa |
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Menschen gehen ins Kino, lesen Romane und hören Musik. Nur von Computerspielen als Kulturgut wollen sie meist nichts wissen. Dabei gibt es viele Gründe, vom Ignoranz- endlich in den Action-Modus überzugehen, meint Maik Söhler.
Was bisher geschah:
Die Spieleindustrie boomt - der ökonomischen Krise zum Trotz. Weihnachtszeit ist Spielezeit und Spielezeit bedeutet: digitale Spiele für den PC, die mobilen oder die stationären Konsolen. Von Mitte Oktober bis kurz vor Weihnachten kommen hunderte Neuerscheinungen auf den Markt. Ob Sport, Action oder Adventure, ob für den PC oder die Konsole, ob für Anfänger oder Fortgeschrittene – die Netzeitung gibt einen Überblick.
Nur wenig ärgert das Management von heute – egal, ob es die Führungsetage des Konzerns, der Chef der IT-Klitsche oder die personelle Einheit von Arbeitskraft und Controlling-Instanz, sprich Ich-AG ist – mehr als Ineffizienz, unproduktive Arbeitsphasen oder, anders gesagt, Zeitverschwendung. Nie waren Dienstpläne detailreicher, und nie zuvor haben so viele Menschen die Kalenderfunktion von Google zur Rationalisierung des eigenen Arbeitstags benutzt.Computer- und Videospiele aber sind Zeitverschwendung. Reine Zeitverschwendung. Zwar dienen auch sie, wie Literatur, Film und Musik, der individuellen Regeneration. Doch anders als dem Roman, dem Kinofilm mit Überlänge oder dem Lieblingsalbum wird dem Computerspiel kaum kulturelle Bedeutung zugestanden. Unkonzentriertes Arbeiten wegen des vorabendlichen Besuchs eines Rockkonzerts wird vom Personalchef ausnahmsweise verziehen, er war ja schließlich auch dort. Die Erwähnung einer achtstündigen Session mit dem neuen Familienspiel Little Big Planet an der Playstation 3 wird in derselben Situation nicht nur Unverständnis auslösen, sondern vermutlich eine Abmahnung zur Folge haben.
 |  Civilization Revolution | Foto: 2KGames |
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Civilization Revolution Als reine Zeitverschwendung werden Computerspiele übrigens nicht selten auch von jenen begriffen, die sich gerne mit ihnen befassen. Dem Studenten, der in den neunziger Jahren nach den mit Civilization 2 verbrachten Wochenenden immer wieder montags zum Arzt musste, um sich ein Attest für seine Professorin zu besorgen, damit er für die fällige Hausarbeit nochmals zwei Wochen Aufschub bekommt, entspricht heute der Konsolenspieler, der am Wochenende fünf verschiedene Reiche mit Civilization Revolution errichtet hat.
Doch ein ärztliches Attest am Montagmorgen bringt ihm nichts, als freier Webdesigner oder selbständiger Journalist ist er in engen Grenzen sein eigener Chef. Sich selbst bescheißen kann man aber nur selten. Er hasst sich also dafür, das Wochenende nicht anders genutzt zu haben, denn im Rückblick erscheint ihm nun die an der Konsole verbrachte als ungenutzte Zeit. Ideen für die nächste Woche wurden nicht entwickelt, Konzepte nicht im Kopf vorformuliert, Texte nicht schon stichpunktartig auf der Gehirnfestplatte abgespeichert.Dabei hat er das Beste gemacht, was in seiner Situation überhaupt denkbar ist: das Hamsterrad verlassen, sich ausgeklinkt, Gehirnsynapsen aktiviert, die für nichts anderes als Vergnügen, Vergeudung, Ineffizienz, sprich Spaß, da sind. Man kann sein Tun als unbewussten Eskapismus bezeichnen, als eine unüberlegte Flucht in Welten, die für den normalen beruflichen und privaten Alltag gänzlich unbrauchbar sind. Die Versenkung in die Sphäre des Spiels hat die überwiegend produktive Erwachsenenwelt zugunsten der überwiegend zweckfreien Kindheitswelt zumindest temporär bzw. einige Dutzend Levels lang in den Hintergrund treten lassen.
 |  Grand Theft Auto 4 | Foto: dpa |
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Grand Theft Auto IV Eskapismus ist unter denkenden Menschen verpönt, weil ihnen dazu immer nur Szenarien aus Der Herr der Ringe einfallen. Ganz falsch ist das nicht. Die Flucht des Einzelnen vor den als unangenehm bis unerträglich empfundenen Zuständen der Realwelt in Fantasy-Geflimmer samt mittelalterlichen Stände- und Verhaltensordnungen ist weit verbreitet. Und einige derer, die sich auf Feenzauber und Gnomengewalt einlassen, sind für Veränderungen der Ursachen der als unangenehm bis unerträglich empfundenen Zustände nicht selten verloren
Umso mehr gilt es, den Eskapismus nicht den Saurons und Eruditen zu überlassen. Der Flucht ins Mystische sollte man eine Flucht in bessere Welten entgegenstellen. Doch eine bessere Welt meint im Computerspielbereich oft eine schlechtere Welt. Kaum eine virtuelle Welt bildet die Schlechtigkeit der Zustände so gut ab wie Grand Theft Auto IV, das alles überragende Spiel des Jahres 2008. Diese dunkle Welt der Gangster und Banden ist voller Gewalt, Bedrohung, Depression. Wer dafür die Konsole oder den PC einschaltet, wählt den Weg in schlechte Gesellschaft.Gerade deshalb kann die Flucht in Grand Theft Auto IV lohnen – wer sich in sie hinein begibt, kommt manchmal geläutert wieder heraus und merkt, was das Leben jenseits der Spielkonsole an Schönheiten zu bieten hat und dass unser Alltag in der Regel alles andere ein Survival-of-the-Fittest-Szenario unter Waffen und am Controller der Xbox 360 ist. Für empfindliche Spieler eignet sich jedoch das im Herbst erschienene «Midnight Club Los Angeles» besser – es basiert auf wesentlichen Elementen der GTA IV-Welt und ihrer Grafik, kommt aber ohne Mord und Totschlag aus.
 |  Wii Sports: Boxen | Screenshot nz |
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Wii Fit Der dunklen Welt von Grand Theft Auto IV entgegen steht fast alles, was derzeit aus dem Hause Nintendo kommt oder für Nintendos Konsole Wii entwickelt wurde. Im Vordergund stehen Entspannung, Genuss, Spaß und das gemeinsame Erleben. Die Geräte und die Software der Wii und der Wii Fit haben das Computerspiel der engen Szene der Daddel-Nerds entrissen und in die Mitte der Gesellschaft geführt. Unter den Hardcore-Ego-Shooter-, Rennsport- und Multiplayer-Spielern als Rentner- und Kinderkonsole verschrien, verwandelt die Wii immer mehr passive in aktive Fernsehkonsumenten. Die Wii ist nichts anderes als Fernsehen zum Mitmachen.
Vor allem die Wii Fit, eine Art bespielbarer Waage, und das standardmäßig der Konsole beigelegte Wii Sports eignen sich hervorragend, um das eingangs beschriebene Zeiteffektivitätsdogma weiter voranzubringen. Denn hier wird nicht einfach im Sinne der Zeitverschwender gespielt, Training und Sport können die individuelle Leistung auch jenseits der Konsole steigern.Dem entgegen steht die Freiheit, dass Training und Sport den Vereinen und Vereinsmeiern entrissen werden und dass die mit dem Wellness- und Fitnesswahn der vergangenen Jahre einhergehende Körpernormierungstendenzen nun ins Stocken geraten: Wii Fit bietet den vom Mainstream als zu alt, zu dick, zu dünn und anderweitig als unsportlich Titulierten einen neuen, individuellen Zugang zum Sport.
 |  Spore | Foto: dpa |
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Und nun endlich: Losspielen Computerspiele können aus vielen Gründen Spaß machen. Dabei verhält es sich mit ihnen wie mit Literatur, Film und Musik. Aus der Masse an Neuerscheinungen ragt nicht nur Gutes heraus. Spiele wie Midnight Club Los Angeles, Little Big Planet oder Spore zu entdecken, ist reiner Genuss; viele andere zu spielen, lohnt kaum.Welche es sind, die dem oder der Interessierten zusagen, muss jeder sebst herausfinden. Das aber bedeutet, sich erstmal auf digitale Spiele einzulassen - das Losspielen kommt dann ganz von selbst. Und mit ihm die reine, schöne Zeitverschwendung.
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Teil 1.
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