Gemischtwarenladen im Internet:
Der nette Typ von Yahoo geht
19. Nov 2008 09:56
 |  Wo geht's lang? Yahoo | Foto: AP |
|
Gründer Jerry Yang ist als Chef abgetreten. Das stürzt Yahoo noch tiefer in die Krise, macht aber die Übernahme des Webpioniers durch Microsoft wieder möglich, meint
Jakob Schlandt.
Ein «netter Typ» ist Jerry Yang. Diese Beschreibung wird sehr oft gewählt, wenn es darum geht, den Yahoo-Gründer zu charakterisieren. Für einen Wirtschaftsboss ist das kein sehr schmeichelhaftes Urteil - denn dabei schwang immer mit, dass Yang zu weich für den Spitzenposten beim Internetriesen Yahoo war.
Das hat sich nun bewahrheitet. Am Montag, nach genau 17 Monaten als Vorstandchef, gab Internet-Legende Yang seinen Rücktritt bekannt - er legt sein Amt nieder, sobald ein Nachfolger gefunden ist. Yang hatte sich als schlechter Feuerwehrmann für das seit Jahren in der Krise befindliche Yahoo erwiesen. Und kostete die Aktionäre viel Geld, indem er eine Übernahme durch Microsoft verhinderte.
Gemischtwarenladen im Netz
Der 40-jährige Yang hatte im Sommer 2007 den Vorstandsposten von Yahoo übernommen. Zwar wurde das damals von einigen als Überraschungscoup gefeiert. Yang war schließlich der charismatische Gründer von Yahoo. Das Einwandererkind aus Taiwan hatte zusammen mit seinem Kommilitonen David Filo 1994 «David and Jerry's Guide to the World Wide Web» ins Netz gestellt. Ein Jahr später riefen die beiden das Web-Verzeichnis Yahoo ins Leben, eine Art Telefonbuch fürs Internet.Schnell wurde Yahoo zum führenden Portal des rasant wachsenden Internets und Yang zu einem der bekanntesten Gesichter der Web-Gründerphase. Yahoos Zentrale mit Sitz im kalifornischen Sunnyvale warf eine Netzanwendung nach der anderen auf den Markt: Ein Mailangebot, einen Nachrichtendienst, Video- und Musikkanäle, Diskussionsforen, ein Auktionshaus, Webshops.
Google ist weit weg
Doch schon Ende der Neunziger wurden entscheidende strategische Weichenstellungen verpasst. Yahoo sah seine Aufgabe als bunter, pfiffiger Gemischtwarenladen. Diese Rolle erfüllte man gut.
Doch gleichzeitig verschlief man völlig die Revolution, die die höchst effektive Suchmaschine von Google auslöste - sie machte über ein kleines Texteingabe-Fenster das ganze Internet effektiv und schnell zugänglich. Auch in Sachen Werbung dachte Yahoo lange Zeit zu traditionell. Statt der effektiven Suchmaschinenwerbung setzte man bei Yahoo auf große, grafisch aufwändige Werbefelder.
Stichwort: Im Schatten von GoogleWeit hinten: Yahoos Anteil am US-Suchmaschinenmarkt ist inzwischen deutlich unter ein Fünftel gefallen. Weltweit ist Googles Dominanz noch ausgeprägter.Auch wenn sich die Nummer zwei und drei, Yahoo und Microsoft, zusammenschlössen, lägen sie noch weit zurück. Doch dann könnten sie ihre Kräfte konzentrieren. Besonders im Bereich Internet-Software sehen Experten Chancen. |
|
Schon um die Jahrtausendwende fing Yahoo an, Google hinterherzuhecheln. Zunächst nutzte Yahoo gegen Gebühr Googles Suchmaschine und entwickelte später eine eigene. Doch die kam nie an Google heran. Yahoo konnte über Jahre keine überzeugende Antwort liefern, wohin die Reise für den Gemischtwarenladen gehen sollte - die Marktanteile sanken stetig, und auch die Entwicklung der Sozialportale unter dem Stichwort Web 2.0 verschlief Yahoo.
«Die kritische Masse»
Viele hofften auf Besserung, als der langjährige Vorstandschef Terry Semel im Juni 2007 von Jerry Yang abgelöst wurde. Doch der reagierte einfallslos und strich erst einmal Stellen. Strategisch blieb es bei seinem wachsweichen Konzept für Yahoo: «Ein Ausgangspunkt für Millionen Websurfer», wollte Yang sein. Die Marktanteile in vielen Bereichen sanken weiter.Vor allem geriet Yang aber im Mai unter Druck, als er ein großzügiges Übernahmeangebot von Microsoft ablehnte. Deren Chef Steve Ballmer bot 33 Dollar pro Aktie - insgesamt 47,5 Milliarden Dollar. Ballmer schwebte vor, zusammen mit Yahoo die kritische Masse im Internet zu erreichen, um endlich den übermächtigen Erzrivalen Google anzugreifen.
Yang lehnte aber einen Verkauf ab und wollte 37 Dollar pro Aktie haben. Der aufsässige Großaktionär Carl Icahn rebellierte zwar und wollte Yang aus dem Amt drängen, um den Deal mit Microsoft doch noch über die Bühne zu bringen. Doch mit letzter Kraft konnte sich Yang noch einmal durchsetzen.
«Tue alles, was richtig ist»
Nun steht Yahoo vor einem Scherbenhaufen. Eine Kooperation mit Google platzte aus wettbewerbsrechtlichen Gründen. Die Wirtschaftskrise hat Yahoo hart erwischt. Der Gewinn schrumpfte im dritten Quartal um 64 Prozent, der Aktienkurs brach ein. Jeder zehnte der 15.000 Beschäftigten soll bis Jahresende gehen.
Beobachter rechnen damit, dass Microsoft noch einmal einen Übernahmeversuch startet. Zu einem Kommentar waren beide Unternehmen nicht bereit. In den US-Medien wird aber spekuliert, dass Yangs Abgang dafür endlich den Weg freimachen sollte. «Ich tue alles, was richtig ist für diese großartige Firma», schrieb der «nette Typ» im Abschiedsbrief an seine Mitarbeiter. Besonders bitter für ihn: Der Markt reagierte euphorisch. Um satte zehn Prozent schoss der Yahoo-Kurs nach oben.Übernommen mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».