07.11.2008
Herausgeber: netzeitung.de
So sehen sie aus, wenn man sie eingekleidet hat: Sackboys
Foto: Sony
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Mit «Little Big Planet» liegt nun ein Spiel für die Playstation 3 vor, das lichte und schöne Momente in düstere Herbsttage bringt. Es ist kreativ, einfach zu bedienen und unglaublich charmant, findet Maik Söhler .
Dass ausgerechnet die Playstation 3 zum besten Mittel gegen die in diesen düsteren Nebeltagen stärker werdenden Herbstdepressionen werden würde, hätte ich nicht gedacht. Viele der Videospiele, die im Jahr 2008 auf dieser Konsole bei mir zu Hause liefen, waren zwar unterhaltsam und kurzweilig, dies meist aber wegen ihres dunklen und martialischen Inhaltes.
Nun aber ist von dort aus Sackboy in mein Leben getreten, ein seltsames Wesen aus Strickwolle mit Knopfaugen und einem niemals endenden Elan. Bzw. es sind gleich mehrere Sackboys und -girls, die auch schnell ihr wollweiches und dauergrinsendes Image abgeworfen haben und in immer wieder neuen Formen, Aktionen und Outfits über den Bildschirm wuseln.
Little Big Planet ist so wie jedes andere Jump'n'run-Spiel auch. Rumlaufen, springen, hangeln, rutschen, ducken, Schwierigkeiten umgehen, Belohnungen einsammeln, sich damit besser ausstatten, neue, größere Schwierigkeiten umgehen, überspringen, unterkriechen, in neuen Levels mehr Belohnungen einsammeln usw. usf. Hallo «Donkey Kong», Hallo «Uncharted» (das übrigens das letzte richtig gute Spiel exklusiv für die PS 3 war).
Und Little Big Planet ist anders als jedes bekannte Jump'n'run-Spiel. Denn man kann fast alles selbst gestalten. Nicht nur das Aussehen der Spielfigur oder den Schwierigkeitsgrad eines Levels. Sondern das gesamte Spiel. Viele Levels sind vorgegeben, aber wer sie nicht mag, lässt sie aus und baut sich selbst neue. Wer zuviel Zeit hat, kann quasi das gesamte Spiel neu erschaffen - und zwar ohne größere Vorkenntnisse. Hallo «Boom Blox», Hallo «Spore».
Alles ist möglichWer diese Zeit nicht hat, übernimmt eben eines der vorgegebenen Levels. Sie wurden, wie man schnell sieht, liebevoll erstellt und bieten alles, was ein gutes Jump'n'run-Spiel braucht. Man kann sich alleine durchwurschteln oder zusammen mit anderen Spielern, Kinder kommen ebenso zu ihrem Recht wie Erwachsene, wer simple Action mag, ist gut bedient, ebenso, wer es gerne ein wenig komplizierter, strategischer mag.
Sind alle Level durchgespielt, besteht außerdem die Möglichkeit, über das Playstation 3-Netzwerk von anderen Spielern geschaffene Levels zu übernehmen. So kommt nie Langeweile auf, auch dann nicht, wenn man selbst unkreativ ist und sich weigert, eigene Welten zu bauen.
Auf einer anderen Ebene kann der Spieler dem Game trotzdem seinen Stempel aufdrücken - und zwar im Wortsinn: Man kann jederzeit alles bestempeln und so die Spielumgebung je nach Bedarf verändern. Via Playstation-Kamera und Bildfunktion lassen sich sogar Fotos im Spiel platzieren, auf denen zu sehen ist, wie der Spieler gerade mit dem Controller in der Hand «Little Big Planet» spielt.
SchnickschnackDas ist natürlich eine simple Spielerei, Technik-Schnickschnack, den niemand braucht. Und gerade weil das so ist, weil vieles im Spiel überflüssig ist, reiner Luxus, macht es so viel Spaß. Wer will, verliert sich in den tausenden Einzelheiten des Spiels wie man einst, als es noch neu war, seine Zeit in den Weiten des Internets verschwendet hat. Nichts muss, alles kann, und geht nicht, gibt's kaum.
So rennen wir herum, hüpfen und hangeln, sterben und werden wiedergeboren, in knallbunter Kleidung, hyperaktiv und behelmt, wir fahren Skateboard und fliegen in Ballons, erklimmen Berge und tasten uns über einsturzgefährdete Brücken, weichen Riesenstiefeln aus und werden elektrisch gegrillt - immer aber sind wir gut gelaunt und quietschfidel, selbst dann, wenn wir ein böses Gesicht ziehen (auch das lässt sich einstellen).
Diese gute Laune ist es, die das Spiel auch jenseits aller neuen Formate und Ideen so gut macht. Denn es ist sehr befreiend, sich von der durch und durch charmanten Atmosphäre anstecken zu lassen. Vergnügt erträgt man die Gesellschaft der vielen übel gelaunten Geister und anderweitig miesepetrigen Gestalten im Game besser. Geister und Gestalten, die uns irgendwann an uns selbst erinnern - grummelnd und misanthropisch wie wir in düsteren, nebligen November-, Dezember-, Januar- und Februartagen jenseits von Little Big Planet oft genug sind und noch oft genug sein werden.
Little Big Planet - Sony, November 2008, 71,95 Euro - wurde von uns auf der Playstation 3 gespielt.