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Wikipedia-Autor im Porträt: 

Der Junge hinter «Jcornelius»

06. Okt 2008 11:22
Eine der Autorenseiten von 'Jcornelius'
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Die Online-Enzyklopädie Wikipedia wird von tausenden Autoren geschrieben. Jaan-Cornelius Kibelka ist einer von ihnen – rund 150 Einträge hat er verfasst. Marin Majica stellt den jungen Berliner vor.

Freunde sagen manchmal, Jaan-Cornelius Kibelka sei «metrophil». Der 18 Jahre alte Schüler lacht, als er das auf seinem Bett sitzend erzählt, er mag offenbar, dass dieses Wort so schräg klingt. Wie eine merkwürdige Krankheit, die man nachschlagen muss. Dabei schreibt Cornelius nur gerne über U-Bahnen und U-Bahnhöfe Artikel für das Internet-Lexikon Wikipedia. Ein Hobby, das Cornelius zu einem der aktivsten Wikipedia-Autoren in Deutschland gemacht hat.

An den Einträgen des Online-Nachschlagewerks kann jeder mitschreiben - eine revolutionäre Idee, für die Wikipedia-Gründer Jimmy Wales erst am Freitag in Berlin die Auszeichnung «Quadriga» verliehen wurde. Der Preis war jedoch nicht Wales allein gewidmet, sondern all den Menschen, die überall auf der Welt in ihrer Freizeit ihr Wissen weitergeben. Menschen wie Jaan-Cornelius Kibelka.

Rund 150 Einträge in der deutschen Wikipedia stammen von dem Berliner Schüler, der in Treptow lebt und auf das Heinrich-Schliemann-Gymnasium in Prenzlauer Berg geht. Auf Wikipedia trägt er den Autorennamen «Jcornelius». Bis vor Kurzem gehörte er sogar zum inneren Kreis der etwa 250 Administratoren der deutschen Seite, die weitreichende Befugnisse haben und andere Nutzer auch sperren dürfen. Ein Privileg, das Cornelius kürzlich zurückgegeben hat - wegen der Schule. Er macht im kommenden Jahr Abitur.

Von Litauen zur U-Bahn

Sein erster Artikel, der ist von 2004. Cornelius muss lachen. «Der war über litauische Dörfer auf der Kurischen Nehrung», erzählt der Wikipedianer. In Litauen hat er vier Jahre lang mit seiner Mutter gelebt, und über die Dörfer gab es noch keinen Eintrag. Seitdem hat Cornelius auch über portugiesische Minister geschrieben, er war ein Jahr zum Schüleraustausch in Portugal, und anderes. Aber sein Lieblingsthema sind weiterhin U-Bahnen.

Wer Cornelius' Nutzerprofil auf Wikipedia aufruft, findet ein Plakat aus der Metro Nowosibirsk mit einem winkenden Zug. Über seinem Bett hängt eine Europakarte, in seinem Bücherregal steht ein Meter Bücher nur über U-Bahnen. Er war auch schon vier Tage in Budapest, um sich über die dortigen Bahnen zu informieren. Sein Lieblingsbahnhof in Berlin? «Spittelmarkt, darüber habe ich auch geschrieben, ist sogar lesenswert.»

Gut, lesenswert, exzellent

Was klingt wie ein Eigenlob, ist nur ein Beispiel für die manchmal recht eigenwillige Sprache, die Wikipedianer untereinander benutzen. «Lesenswert» ist eine Auszeichnung, die Wikipedia-Nutzer an gute Artikel vergeben. Noch besser ist «exzellent», dann sagt man: «Das habe ich exzellent geschrieben.» Gut ist ein Wikipedia-Eintrag, wenn alle relevanten Informationen zum Thema drinstehen, belegt sind, das Layout stimmt und der Autor noch einige illustrierende Bilder ohne Urheberrecht im Internet gefunden hat.

Die Kriterien sind streng, nicht umsonst gilt die deutsche Variante des Online-Lexikons nicht nur als zweitgrößte nach der englischen, sondern auch als die akkurateste. Warum das so ist? «Deutsche Kultur? Deutsche Pingeligkeit? Ich weiß auch nicht», sagt Cornelius dazu. Zwei bis drei Stunden am Tag schreibt er an eigenen Artikeln, redigiert oder kommentiert die Einträge anderer Wikipedianer. Viele von denen trifft Cornelius - ganz gegen das Klischee der PC-Stubenhocker - regelmäßig bei Stammtischen. Oder bei Wikipedia-Partys der Berliner Abteilung, die häufiger in Cornelius' Garten stattfinden.

Eintrag an die Mutter verschenkt

Ganz falsch sei aber das Vorurteil, dass die Internet-Enzyklopädisten etwas merkwürdig sind, dann doch nicht, bestätigt Cornelius. Er kennt zum Beispiel eine Deutschlehrerin, die auf Wikipedia über berühmt gewordene Tiere schreibt. Er selbst hat seiner Mutter zu ihrer Habilitation in osteuropäischer Geschichte einen Wikipedia-Eintrag geschenkt, was wohl nicht allzu viele 18-Jährige tun.

Und die Termine für den Stammtisch der Berliner Wikipedianer gehorchen folgendem System: In ungeraden Monaten treffen sich die Wikipedianer am dritten Sonntag in der C-Base in Mitte, in geraden Monaten am 3. Freitag in den Räumen eines Internet-Vereins in Moabit.

«Schwedisch? Arabisch? Was Lustiges»

Allerdings hat Cornelius auch andere Hobbys. Er fotografiert, liest, veranstaltet Spielabende und lernt gerne Fremdsprachen. Englisch Französisch, Portugiesisch, Latein, Litauisch, Spanisch kann er schon. Über die nächste Sprache denkt er noch nach. «Schwedisch? Arabisch? Was Lustiges», sagt Cornelius.

Einen Wikipedia-Eintrag über ihn selbst gibt es übrigens noch nicht. «Ich bin nicht relevant», sagt Cornelius. Weil er kein Amt ausübt, noch kein Buch veröffentlicht hat und auch nicht ständig in den Medien auftaucht, entspricht er nicht den Richtlinien für Relevanz. Und da sind Wikipedianer streng.

Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung».

 
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