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netzeitung.de«Spore»: Endlich mal einfach sein dürfen

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Der große Fortschritt: Szene aus 'Spore' (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Der große Fortschritt: Szene aus 'Spore'
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Das lange erwartete Computer-Game «Spore» steht endlich in den Regalen - und schon geht das Gemecker los. Kreationisten wittern Gotteslästerung, Spieler stören sich am Kopierschutz, nur Maik Söhler ist fast rundum zufrieden.

Kritik kann überraschen. Dass ausgerechnet Spieler sich über «Spore» aufregen würden, weil Hersteller EA das neue Game mit einem recht strikten Kopierschutz versehen hat, konnte vorher niemand ahnen. Und Kritik kann vorhersehbar sein. Just an dem Tag, als Will Wrights seit Jahren angekündigtes Evolutionsspiel «Spore» in die Läden kam, gingen die gottesfürchtigen Gegner des Spieles online.

Seither ist das Internet, das zum Glück vieles gewohnt ist und noch weitaus üblere Webpages in sich trägt, um die Seite «Anti Spore» reicher. Hier wollen sogenannte Kreationisten - Verfechter des alleine selig machenden Glaubens, nur Gott habe die Welt und das Leben geschaffen – den Widerstand gegen andersartige Interpretationen der Welt- und Lebensläufte bündeln.

Zweifellos handelt es sich bei «Spore» um solch eine andere Interpretation. Kein Gott weit und breit, außer dem Spieler selbst. Denn er ist es, der im Spiel ein Lebewesen erschafft. Zuerst als Einzeller, der sich in der Ursuppe gegen allerlei wimmelige und zum Teil deutlich größere Konkurrenz behaupten muss. Der ihnen also das Essen – wahlweise fleischlich oder vegetarisch - vor den seltsamsten Mündern wegschnappt und ihrer Rache nur mit hektischsten Bewegungen der Maus oder der Pfeiltasten auf der PC-Tastatur entkommen kann.

Freundlich oder feindlich?
Schon in der Ursuppe stellt sich also die Frage, die den weiteren Verlauf des Spieles prägen wird: Wie halten wir es mit der Umwelt, dem Nächsten, dem Nachbarn? Laden wir ihn freundlich auf einen Happen ein oder stechen wir ihn mit dem Rückenstachel, wenn er unserem Essen zu nahe kommt? Später, an Land, wird dieser Frage große Bedeutung zukommen.

Aber bleiben wir noch kurz im Tümpel, der aus unserem Einzeller ein mehrzelliges, sich stets fortentwickelndes Wesen macht. Ganz reizend sind die Lockrufe, mit denen man einen Partner sucht, findet und auch in Zukunft immer wieder finden wird. In «Spore» fallen Liebe und Sex zusammen, und zwar auf eine derart reizende, charmante, simple Art, dass man sie gerne im echten Leben übernehmen würde. Allein, singend werben müsste man dafür schon können.

An Land
Schon unter Wasser statten wir unser Geschöpf nach und nach mit lebensnotwendigen Bestandteilen wie Fortbewegungsmitteln und nicht unbedingt lebensnotwendigen wie Schmuck oder Stacheln aus. An Land jedenfalls kann man sich bald kaum noch vor lauter neuen Körperergänzungen retten. Ohne Augen und Ohren wird man wohl nicht weit kommen, Beine und Arme wollen wohlbedacht ausgewählt werden – solche Entscheidungen können schließlich richtungsweisend sein.

Es darf gesungen und bezaubert werden, um andere Spezies zu beeindrucken und damit ihren Genpool dem eigenen hinzuzufügen. Es darf geschlichen, gerempelt, gejagt und (tot)gebissen werden, um Fleisch und Belohnungspunkte zu bekommen. Fleisch, das man braucht, um bei Kräften zu bleiben; Belohnungspunkte, die man braucht, um sich weiterentwickeln zu können. Die eigene Brut wird indes größer, genauso wie das Hirn, von dem man erst jetzt erfährt, dass man überhaupt eins hat.

Das Gehirn wächst
Mit dem Wachstum des Hirns einher geht die Entwicklung zu fortgeschrittenen Zivilisationen. Nester werden verlegt, neue Freunde und Feinde gewonnen, Gliedmaßen verfeinert, Evolutionsrelikte abgeworfen, dann sogar Hütten, Dörfer, Städte gebaut, Werkzeuge und Waffen entwickelt und längst muss man andere Wesen nicht mehr nur lieblich ansingen oder böse totbeißen, um mit ihnen zu interagieren.

Das ist einerseits prima, denn Zivilisation bedeutet Entfaltung, Kultur, Kommunikation, Abwechslung. Und andererseits ärgerlich. Denn die Chance, einmal so richtig instinkthaft und hirnlos durchs Leben zu gehen, wird einem bekanntlich nicht so häufig geboten.

Hier geht es zum zweiten Teil des Artikels.

«Spore - September 2008, Electonic Arts, rund 43 Euro - wurde von uns am PC gespielt. Es ist auch für den Mac und das iPhone erhältlich.