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Schlag gegen Microsoft: 

Googles unersättlicher Datenhunger

04. Sep 2008 13:31
An Datenströmen sind viele interessiert. Foto: nz
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«Bösewichte, die ausgedient haben, können einem fast leidtun», findet «Berliner Zeitungs»-Redakteur Jakob Schlandt angesichts der Debatte um Googles Browser Chrome. «Microsoft ist so ein gestutzter Rabauke.»

Die Zeiten, da der Konzern Microsoft mit seinem Softwaremonopol als Reich des Bösen galt, sind angesichts der Rückständigkeit im Internetgeschäft fast vergessen. Der Nachfolger ist bereits gekürt: das vor gerade einmal zehn Jahren gegründete Google. Wahlspruch: Don't be evil, tue nichts Böses.

Mit dem jetzt von Google auf den Markt gebrachten Zugangsprogramm zum Internet, dem Webbrowser Chrome, füllt der Konzern eine der letzten Lücken bei seinem geschickt orchestrierten Aufstieg zur Internet-Dominanz. Manche halten Google nun für die gefährlichste Firma der Welt.

Das ist keine Panikmache, sondern eine nachvollziehbare Sorge. Denn die Position, auf die Google hinarbeitet, ist eine völlig andere als Microsofts Industrie-Monopol alter Prägung, bei dem Konkurrenzprodukte aggressiv bekämpft werden und die Verbraucher überhöhte Preise zahlen. Es geht nun um die Marktbeherrschung im Fluss der Informationen, also eine Bedrohung nicht nur der Wirtschaft, sondern auch des Politischen, des Kulturellen und des Privaten.

Fabelhafte Möglichkeiten

Googles Gründer, Larry Page und Sergey Brin, haben früher als andere verstanden, welch furchtbar fabelhafte Möglichkeiten sich aus der Kombination von Internet, schnellen Verbindungen und steigender Rechenpower ergeben. Das Erfolgsrezept von Google ist die Verknüpfung von gewaltigen Datenmengen und wurde bereits beim Urprodukt, der Suchmaschine, geschickt umgesetzt. Für den Nutzer ist sie von großer Schlichtheit, hinter den Kulissen ist sie ungemein komplex. Jede Suchanfrage wird mit der festen Internetadresse des Nutzers zusammen gespeichert und ausgewertet.

Im Google-Rechenzentrum werden die Milliarden Einzelinformationen dann verknüpft. Google lernt daraus: Zum Beispiel, ob jemand, der den Begriff «Polo» eingibt, ein Auto, schicke Hemden oder Sportnachrichten sucht. Das wird genutzt, um besonders präzise Suchtreffer zu liefern, die ein Hauptgrund für Googles globalen Marktanteil von über 70 Prozent sind.

Zielgerichtet werben

Natürlich setzt Google diese Passgenauigkeit auch ein, um zielgerichtet zu werben - darauf gründet sein kommerzieller Erfolg, der dem Unternehmen allein im zweiten Quartal dieses Jahres 5,37 Milliarden Dollar Einnahmen brachte. Das Geschäftsmodell von Google führt also zwangsläufig zu einem unersättlichen Datenhunger, und so sucht sich der Konzern laufend neue Beschaffungswege. Mit kostenlosen Programmen, die auf dem Internet basieren, dringt er derzeit weiter in den digitalen Alltag ein. Das E-Mail-Programm Gmail zum Beispiel durchsucht auch intimen Schriftverkehr nach Verwertbarem - um dann den Nutzern passgenau Reklame zu präsentieren.

Mit der gerade erfolgten Einführung eines eigenen und technisch überlegenen Zugangsprogramms zum Internet wird die Daten-Dominanz nun noch schneller ausgebaut, auch Chrome wird wertvolle Infos liefern und dazu noch besonders gut mit den anderen Google-Programmen zusammenarbeiten. Auf den Servern im kalifornischen Mountain View entsteht so eine Kartei mit zahlreichen privaten Informationen über praktisch alle Internetnutzer dieser Welt.

Beeinflussung der Datenströme

Orwellsche Fantasie ist gar nicht nötig, um bei diesem Gedanken zu frösteln. Gleichwohl sich Google bisher erfolgreich gegen die Herausgabe von Daten an US-Behörden wehrte, die Erfahrung hat gezeigt: Gibt es interessante Informationen, dann greifen Polizei und Nachrichtendienste auch irgendwann darauf zu, sei es offen oder verdeckt; so leicht wie durch Google hatten sie es jedenfalls noch nie.

Ebenso gefährlich ist die mögliche Beeinflussung der Datenströme durch Google. In Deutschland werden Pornografie und Nazi-Seiten von Google nicht angezeigt. Das ist kein Schaden. Aber Google hat auch mit der chinesischen Regierung zusammengearbeitet und Suchbegriffe wie «Menschenrechte» und «Meinungsfreiheit» blockiert. Subtiler und gleichsam erschreckend ist der Einfluss auf unser Verhalten. Irgendwann werde Google sagen können, «welcher Job der richtige für mich ist und wie ich einen freien Tag verbringen sollte», prognostizierte Google-Chef Eric Schmidt einmal. So weit ist es noch nicht. Aber schon jetzt filtert die Maschine für jeden eine Realität aus dem Netz, die eigenen Erwartungen entspricht und legt Wissensverknüpfungen vor, die kaum in Frage gestellt werden.

Bedacht werden muss bei aller Kritik allerdings, dass jedem die Ablehnung von Google-Produkten frei steht. Es wäre schon viel gewonnen, wenn die Nutzer sich die Ausspionierung durch ihr vermeintlich harmloses Internet-Helferlein bewusst machten. Laut dem Google-Kritiker Gerald Reischl gaben drei Viertel aller Nutzer der Suchmaschine an, sie wären nicht damit einverstanden, falls Google ihre Internet-Erkennungsnummer bei jeder Suche speichern und auswerten würde. Was ihnen offenbar nicht klar ist: Das macht Google schon seit jeher.

[Dieses Autorenstück übernahm die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».]

 
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