01.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Nichts zu klagen: Youtube am Bildschirm
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Früher haben sie geklagt, heute schalten sie Werbung: Zahlreiche Medienkonzerne haben ihre Strategie gegenüber Youtube geändert. «Berliner Zeitungs»-Redakteur Daniel Baumann hat sich das mal genauer angesehen.
Kein Jubel, keine Verblüffung. Nur Stille. Das Netz schweigt. Und wäre die Internetgemeinde nicht für ihre endlose Gesprächigkeit bekannt, dann müsste man glauben, ihr wären tatsächlich die Worte weggeblieben.
So bleibt die Revolution eine stille, die sich derzeit auf der Internetplattform Youtube abspielt, dem maßgeblichen Ort für den Austausch von Videos und Filmen aller Art. Die Unterhaltungsindustrie wird außerhalb ihrer Kernkompetenz kreativ: im Umgang mit Copyright-Verstößen. Sie versucht daraus gerade ein Geschäftsmodell zu formen, das nicht auf horrend teuren Abmahnungen fußt.
«Fans unserer Filme»Konzerne wie der Musikproduzent Universal Music, die Filmfirma Lionsgate und der Computerspielehersteller Electronic Arts haben ihre Bemühungen eingestellt, Youtube zur Entfernung von illegal verbreiteten Filmen, Musikvideos oder Fernsehsendungen zu zwingen. Stattdessen verkaufen sie nun im Umfeld dieser Videos Werbung.
Vor wenigen Wochen ist sogar der amerikanische Fernsehsender CBS in diese Gruppe aufgerückt. Das ist umso bemerkenswerter, als dass dessen Konzernmutter Viacom derzeit noch eine Copyright-Klage gegen Youtube-Besitzer Google betreibt: Es wird über die Summe von einer Milliarde Euro gestritten. Abwartend zeigen sich dagegen noch Time Warner und News Corp., die das System aber testen, sowie NBC Universal und Disney.
Seit die Musikindustrie das emsige, aber illegale Treiben auf der Musiktauschbörse Napster per Gerichtsentscheid beendete, war die juristische Verfolgung von Nutzern, die geschütztes Musik- und Videomaterial im Internet verbreiteten, das Mittel der Wahl und das Zeichen der Verzweiflung. Die Musikindustrie und mit immer dicker werdenden Bandbreiten auch die Filmindustrie verstanden die Philosophie des Netzes schlicht nicht. Sie versuchten dem schrankenlosen Tausch von urheberrechtlich geschützten Inhalten in einem grenzenlosen Netz Barrieren zu setzen. Das ist nun zum ersten Mal anders.
Sinneswandel in der Industrie«Wir wollen nicht stillschweigend akzeptieren, dass Leute unsere Rechte missbrauchen», sagte jüngst stellvertretend für die Unternehmen Lionsgate-Chef Curt Mavris. Er brachte den Sinneswandel in der Industrie zum Ausdruck, der erheblich auf die Vorstellungen der Internetcommunity im Umgang mit dem Urheberrecht zugeht: «Aber wir mögen auch die Idee nicht, dass wir Fans davon abhalten, unsere Inhalte zu nutzen. Meistens sind die Leute, die Videos uploaden, Fans unserer Filme. Sie versuchen nicht böse Piraten zu sein, und sie versuchen auch nicht Geld mit unseren Filmen einzunehmen.»
Stattdessen will das nun die Unterhaltungsindustrie selber machen. Mit Google gibt es eine Vereinbarung, dass die Konzerne Werbung für Videos verkaufen können, in denen von ihr rechtlich geschütztes Material verwendet wird. Statt einer Abmahnung erhalten Nutzer nun eine E-Mail, in der ihnen mitgeteilt wird, dass die Verwendung des geschützten Materials erlaubt wurde, Besucher künftig aber Werbung sehen werden, die Einnahmen daraus teilen sich die Medienkonzerne und Youtube-Besitzer Google.
Laszives RäkelnIm Falle des neuen Musikvideos zum Song Disturbia der Sängerin Rihanna, in dem sich die karibische Schönheit lasziv durch 4:21 Minuten Popmusik räkelt, schaltet Google passend Anzeigen: einen SMS-Chat mit «Sexy Frauen» und einen Klingelton-Anbieter mit «10.000 Klingeltönen & 1,7 Millionen Songs». Unter der Anzeige steht klein, dass Inhalte des Videos in Teilen der Universal Music Group gehörten.
Möglich macht es die von Google im vergangenen Herbst eingeführte Technologie Video ID. Darin können Videohersteller ihr Material einspeisen und mit den Youtube-Inhalten abgleichen lassen. Bei Copyright-Verstößen können sie entscheiden, ob das Video entfernt wird oder ob sie Werbung schalten wollen, ob sie es «zu Geld machen», wie es auf Youtube heißt.
Dass die Konzerne sich für die zweite Variante entschieden, kam auch für Google überraschend. Nach Angaben von Youtube wird inzwischen bei 90 Prozent der mit Hilfe von Video-ID entdeckten Copyright-Verstöße Werbung geschaltet, nur in zehn Prozent der Fälle werden die Inhalte entfernt. Allerdings ist derzeit erst auf drei Prozent der Youtube-Seiten entsprechende Werbung zu finden.
[Diesen Autorentext übernahm die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung». Daniel Baumann ist Wirtschaftsredakteur.]