19.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Und so sieht er aus: Xing-Profil von Jens Teschke Screenshot: nz
Screenshot: nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der Datenskandal zeigt, wie skrupellos einzelne Firmen Webdaten der Bürger zu betrügerischen Zwecken verwenden. Und er zeigt, wie leichtsinnig wir User unsere Daten preisgeben. Eine Einzelfallrecherche von Maik Söhler .
Kein Tag vergeht, an dem sich der Datenskandal in Deutschland nicht ausweitet. Das Internet ist voller Datensätze, die sich so manches Unternehmen ohne Wissen der Beteiligten aneignet und anschließend zum Verkauf zum Beispiel an Call-Center anbietet.
Fast jeder, der sich gelegentlich oder öfter im Internet bewegt, hinterlässt dort seine Spuren. Das sind in der Regel Daten, unter ihnen auch viele persönliche: aus Profilen in sozialen Netzwerken, aus Branchen- und Firmenverzeichnissen, aus Foren und Weblogs oder Einträge, die User sonstwo beim Surfen in den Weiten des WWW hinterlassen haben.
Einer dieser User heißt Jens Teschke. Er arbeitet als stellvertretender Chefredakteur der Netzeitung und hat sich auf Anfrage zur Verfügung gestellt. Von sich selbst sagt er, er sei ein unbescholtener Bürger, der im Netz weder besonders riskant noch übervorsichtig mit seinen Daten umgehe. Damit ist er die ideale Person, der wir nun im Netz hinterherschnüffeln, um herauszufinden, welche Daten dort über ihn verfügbar sind.
Einfache RechercheWir verwenden dabei nur kostenlose und mit keinem oder nur minimalem Aufwand (einfache Registrierung) zu benutzende Dienste. Kostenpflichtige Datenbanken, sogenannte Scoring-Firmen, die Schufa oder Creditreform bleiben unbeachtet. Gesucht wird also allein in allgemeinen und speziellen Internet-Suchmaschinen.
Und noch eines muss vorausgeschickt werden. Wir wissen schon etwas über Herrn Teschke, nämlich, dass er bei der Netzeitung arbeitet und in Berlin lebt. Somit können wir alle mit dem Namen verbundenen Treffer, die auf Wohn- und Arbeitsorte außerhalb Berlins hinweisen, unbeachtet lassen. Das ist nicht ganz unwichtig, da eine Schnellrecherche bestätigt, dass mindestens drei verschiedene Jens Teschkes im Web autobahnbreite Datenspuren hinterlassen haben.
Jens Teschke gegoogeltWas fast jeder zuerst macht, soll auch hier geschehen: Jens Teschke wird erstmal ordentlich durchgegoogelt. Treffer Eins: Ein offizieller Eintrag auf einer Netzeitungs-Mitarbeiter-Seite, datiert vom 7. und 8. November 2000, also völlig veraltet. Sein Spezialgebiet stimmt längst nicht mehr, ebenso die angegebenen Telefonnummern, die E-Mail-Adresse dagegen ist immer noch gültig, das Foto zeigt an, wie schnell die Zeit vergeht.
Und: Hier steht auch, wann er Geburtstag hat, welche Sprachen er spricht und welche Berufsstationen er schon hinter sich hat. Ein Datensatzkäufer, der ihn gezielt mit Werbung beliefern möchte, notiert hier als Stichpunkte: USA, Reise, Hörfunk, Journalismus.
Die aktuellen dienstlichen Telefonnummern liefert uns der dritte Google-Treffer, ein Datenbankeintrag beim Mediendienst «Kress». Über den personalisierten Nachrichtendienst Wikio erfahren wir anschließend, worüber Herr Teschke schreibt. Der Datensatzkäufer schreibt fleißig mit: Musik, Obama und oh, ein Hinweis auf das Xing-Profil des stellvertetenden Chefredakteurs.
Profile in sozialen NetzwerkenIm Businessnetzwerk Xing hat sich Herr Teschke selbst ein umfangreiches Profil erstellt. Wir sehen nun ein weiteres Bild von ihm, erfahren, dass er auch Chefredakteur Audio-News/Teletext ist und zum Beispiel «Hörfunk-begeisterte Menschen» sucht. Der Datensammler kommt mit seinen Notizen kaum noch hinterher: Online-Journalismus, Mobile Content, Podcasts, Literatur, Konzerte, Politik da kann man doch bald mal richtig viel Werbung schicken.
Und zwar nicht irgendeine. Unter Organisationen hat Herr Teschke auf Xing die Konrad-Adenauer-Stiftung und den Journalistenverband DJV angegeben. Adenauer-Stiftung, grübelt der Datensammler und sucht seine Datenbank schon mal nach eher konservativen politischen Parteien, Organisationen und Personen ab, die Herrn Teschke demnächst vielleicht mal kontaktieren werden.
Google und mehrBei Google folgen nun die endlosen Trefferseiten, die man bekommt, wenn man einen Journalisten sucht. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass er überwiegend zu den Themen Audio, Film, Musik, USA und Online schreibt. So führt das nicht weiter. Mal sehen, ob Google mit genaueren Suchanfragen weitere persönliche Daten ausspuckt. Aber weder der genaue Wohnort noch seine persönliche E-Mail-Adresse oder die Bankverbindung lassen sich ohne Weiteres herausfinden.
Unbekannt ist Jens Teschke bei Amazon, Ebay, Wikipedia, Youtube, Twitter und Freebase; Anfragen bei Yahoo, Microsoft Live Search und in den Blogsuchmaschinen von Technorati, Google, Seekport, Icerocket und Blogdigger führen dazu, dass Interessierte einzelne Bereiche genauer eingrenzen können. Herr Teschke schreibt nicht nur allgemein über Musik, sondern gerne über Jazz und Soul; Werber mit Schwerpunkt Politik und Gesellschaft fügen die Stichworte Bundeswehr, Integration und deutsch-amerikanische Freundschaft hinzu.
Spezielle SucheAll das gibt schon ein gutes Profil für Werber ab. Es ist aber noch gar nichts im Vergleich zu dem, was Personensuchmaschinen ausspucken. 123people.de etwa zeigt zwei Porträtfotos, die Wohnadresse und die private Telefonnummer an. Hinzu kommt eine «Begriffswolke», über die sich jeder Datensammler freuen dürfte.
Yasni.de hat noch mehr zu bieten: Zum Glück verweisen die Einträge auf den Portalen Firmenwissen und StayFriends aber auf einen anderen Jens Teschke. Aber sein (schlecht gepflegtes) Facebook-Profil finden wir hier und damit endlich auch seine private E-Mail-Adresse. Nun steht einem gezielten Beschuss mit Werbung nichts mehr im Wege. Aber wenigstens sind seine Bankdaten sicher zumindest solange niemand ein wenig Geld für kostenpflichtige Recherchedienste investiert.
Wir haben nur wenige der zahlreichen Suchmaschinen genutzt und auch nicht sonderlich viel Zeit in die Suche investiert. Die Ergebnisse können sich trotzdem sehen lassen und machen deutlich, dass Sparsamkeit nicht nur offline weiterhelfen kann.