08. Aug 2008 15:36
Seit dem Unicef-Skandal sind Spender in Deutschland verunsichert. Alternative Projekte im Netz setzen auf Tranparenz. Die «Entwicklungspolitik 2.0» steckt hierzulande aber noch in den Anfängen.
Das Südküsten-Hospiz in Südafrikas Provinz KwaZulu-Natal betreut Todkranke, viele davon haben Aids. Oft hungern zu Hause ihre Kinder. Normalerweise bliebe das Schicksal dieser Familien weitgehend unbemerkt. Das Hospiz aber hat einen Hilferuf im Internet gestartet - bei betterplace.org, einer Internetplattform, die Helfer und Bedürftige vernetzen will. 13 «User» gaben darauf Geld für Lebensmittelpakete. Für direkte Hilfe per Mausklick gibt es im Netz zunehmend Möglichkeiten. Das kommt gerade bei Jüngeren gut an. Die in Berlin ansässige Stiftung Betterplace listet im Netz 250 Projekte aus mehr als 60 Ländern auf, teils von sehr kleinen, teils von großen Hilfsorganisationen wie Care und der Kindernothilfe. Es geht um Soforthilfe für Birma, Büchereien für Nepal oder das Schulgeld für Kinder aus Kamerun. Akribisch wird aufgelistet, was gebraucht wird und über das Voranschreiten des Projekts berichtet. Nutzer können einzelnen Vorhaben ihr Vertrauen aussprechen und sie empfehlen oder direkt Kontakt zu Projektbetreibern aufnehmen.
Ein «sich selbst regulierendes Bewertungssystem» nennen das die Macher der Seite. So sollen auch kleinere Initiativen bessere Chancen haben, auf dem Markt zu bestehen. Der 28-jährige Betterplace-Geschäftsführer Till Behnke will eine «Unterstützung von Mensch zu Mensch». Dabei setzt er auf größere Verantwortlichkeit durch den direkten Austausch mit den Spendern: Die Plattform solle einen «Marktplatz für Transparenz» schaffen, der Organisationen geradezu dränge, ihre Kosten und Ausgaben genau offen zu legen, sagt Behnke. Nach dem Unicef-Spendenskandal spricht das viele an. Die Plattformen kommen dem Bedürfnis der Spender entgegen, die Wirkung ihres gespendeten Geldes verfolgen zu können. Noch mehr «Mitmach-Internet» gibt es etwa bei der neuen Plattform elargio.de, wo Nutzer neben Spenden auch Aktionen für den guten Zweck einstellen können.
International ist die «Entwicklungspolitik 2.0» schon weiter. Mehr als 300.000 Nutzer hat die Plattform kiva.org, auf der Nutzer Mikrokredite an Menschen in Entwicklungsländern vergeben können - an Bäcker in Afghanistan oder Friseurinnen in Nigeria. Auch hier werden sie über Fortschritte auf dem Laufenden gehalten - und erhalten ihr Geld am Ende zurück, jedenfalls in 98 Prozent aller Fälle, wie die gemeinnützige Organisation versichert. Fast 37 Millionen Dollar wurden so schon vergeben. Ein ähnliches Prinzip verfolgt das vom Internet-Auktionshaus Ebay unterstützte microplace.com, das auch Zinsen zurückzahlt.
Astrid Marxen, bei Care für das Fundraising zuständig, sieht diese Hilfe über das Netz zwiespältig. Positive Erfahrungen hat ihre Organisation mit Nothilfeprojekten gemacht, die bei betterplace.org um Spenden werben. Auch sei Care froh, auf diese Weise eine jüngere Zielgruppe erschließen zu können. Aber: An der vermeintlichen Transparenz solcher Angebote zweifelt Marxen. «Der User ist kein Fachmann, nur aufgrund der Darstellung von Projekten im Internet kann er die Umsetzung nicht beurteilen.» Gute Fotos, emotionale Appelle und begeisterte Mit-Spender könnten trügen. Viele Hilfsprojekte liefen zudem über wesentlich längere Zeiträume, Erfolge zeigten sich nur schrittweise: «Entwicklungshilfe ist keine 'Daily Soap', über die man ständig berichten kann», sagt Marxen. (Ann Kathrin Sost, epd)