Kontakte in sozialen Netzwerken:
Wer solche Freunde hat …
09. Jul 2008 08:01
 |  Jemand zuhause? Facebook am Bildschirm | Foto: AP |
|
… braucht jenseits der virtuellen Welt auch noch welche, meint
Frank Heinz Diebel. In London hat er erlebt, dass viele junge Briten online mehr Freunde haben als offline.
Millionen von Menschen treffen sich bereits auf Facebook, Myspace und StudiVZ.de und immer noch werden es mehr, vor allem bei den unter 25-Jährigen. Aber sind die unbegrenzten virtuellen Weiten den jungen Leuten inzwischen wichtiger als die Wirklichkeit?
Zumindest in Großbritannien scheint es so. Nach einer Umfrage der britischen Website Wigadoo.com verbringen Briten im Alter von 20 bis 30 Jahre mehr Zeit mit Freunden im Internet als von Angesicht zu Angesicht. Im Schnitt hält sich die junge Generation elf Stunden wöchentlich in digitalen Netzwerken wie Facebook und Myspace auf, verbringt aber nur zehn Stunden tatsächlich mit Freunden.Die Gründe dafür sind vielfältig: Ein Viertel der befragten Frauen gab an, es bei Verabredungen nie allen Recht machen zu können. Ein Viertel der Männer war schlichtweg zu faul, um sich mit Kumpels zu treffen. Der mit 37 Prozent weitaus größte Anteil der jungen Briten schreckte vor Verabredungen zurück, weil der andere kurzfristig absagen könnte, oder weil Freunde sich vielleicht nicht festlegen wollen.
Freunde oder Bekannte?
Ist nun das eingetreten wovor uns die Kritiker des Internets immer gewarnt haben? Wird die nächste Generation tagsüber in einem der Nachfolger von Second Life arbeiten und sich abends auf Poppen.de zum Cybersex treffen? Die britische Tageszeitung «Daily Mail» warnte ihre Leser bereits davor, dass die «meisten Freunde auf Facebook falsche Freunde» seien.Dr. Will Reader von der britischen Sheffield Hallam Universität befragte 200 Mitglieder des Freunde-Netzwerkes nach ihren Gepflogenheiten. Bei dem überwiegenden Teil der 150 «Freunde», mit denen die Studenten auf Facebook virtuell verknüpft waren, handelte es sich um Bekannte – echte Freunde waren kaum darunter.
Natürlich sind solche Umfragen mit Vorsicht zu genießen: Wigadoo zum Beispiel, will es jungen Leuten erleichtern, Treffen, Feten und andere soziale Aktivitäten über das Internet zu organisieren. Umso besser, wenn die Site außerdem hilft, einen negativen gesellschaftlichen Trend – die «Realitätsflucht» der jungen Generation – umzukehren.
 |  Startseite von Wigadoo.com | Screenshot: nz |
|
Mehr Freunde als früher?
Außerdem sind die Umfrageergebnisse etwas einseitig. Zum Beispiel wäre es interessant zu erfahren, was die jungen Leute früher mit den elf Stunden anstellten, die sie jetzt mit dem Aufbau von digitalen Freunde-Netzwerken verbringen.Die britische Jugend beschäftigt sich insgesamt 21 Stunden mit der Pflege von Freundschaften, elf online und zehn «offline». War das vor fünf Jahren auch schon so? Oder verbringen junge Leute auf der Insel jetzt vielleicht sogar mehr Zeit mit Freunden und Bekannten? Haben sie vielleicht sogar einen größeren Freundeskreis als früher, weil ihnen die Kontaktaufnahme durch das Netz erleichtert wurde?
Natürlich könnte man argumentieren, dass es nicht am Internet liegt, wenn dem modernen Menschen «echte» Freundschaften zunehmend egal sind. Aber dann liegt das Problem nicht bei den virtuellen Netzwerken, sondern an der Gesellschaft, deren Vorlieben sich im Gebrauch dieser technischen Hilfsmittel widerspiegeln.
Virtuelles Bier schmeckt nicht
Flüchtet sich die junge Generation am liebsten in eine heile, virtuelle Welt? Emma Hammersley (32) aus dem Londoner Stadtteil Hackney, die 159 Freunde auf Facebook hat, glaubt das nicht: «Soziale Netzwerke können das Bier mit den Freunden im Pub nicht ersetzen.» Sie selbst verbringt drei Stunden in der Woche auf Facebook und genießt es, dort alte Freunde und ehemalige Klassenkameraden wieder zu treffen.
Die 24jährige Londonerin Holly Bellm ist mit 748 «Friends» sehr aktiv auf Facebook, sieht darin aber keine Gefahr: «Ich glaube, es wird immer Kontakte im wirklichen Leben geben, sonst würde es ziemlich langweilig. Menschen brauchen den 'echten' Kontakt mit anderen Menschen, sonst drehen sie durch.»
Vor- und Nachteile von Facebook
Holly verbringt im Schnitt zehn Stunden in der Woche auf diversen virtuellen Freunde-Netzwerken, denn «Facebook zum Beispiel ist fantastisch zum Plaudern, und es ist die netteste Art jemanden zu 'stalken'.» Und die Nachteile? «Freunde und Bekannte, die weiter weg wohnen, sehe ich vielleicht nicht mehr so oft. Da ich mit denen viel auf Facebook chatte, und wir dort auch Fotos austauschen, gibt es oft keinen rechten Grund anzurufen oder sich zu treffen.»Wird dann vielleicht die nächste Generation im Internet den Draht zur Wirklichkeit verlieren? Solange ein kühles Bier mit den Freunden in der Kneipe besser schmeckt, sicher nicht.