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Elektronische Kommunikation: 

Wie sprichst du denn mit mir?

27. Jun 2008 07:54
Was wollen die alle nur? E-Mails am Bildschirm
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Immer wieder heißt es, Jugendliche und junge Erwachsene kommunizierten nur noch über SMS, Instant Messenger und Chat. Sie leiteten damit das Ende der E-Mail ein. Malte Welding untersucht, was da dran ist.

Wenn Sie in der bedauernswerten Lage sein sollten, ab und an einem Teenager eine E-Mail schicken zu müssen, dann sollten Sie es nicht versäumen, per Handy eine Kurzbotschaft hinterzusenden, um auf die Mail aufmerksam zu machen.

Denn Teenager nutzen keine Mail, das sagen alle und auch eine Kurzstudie bei den mir bekannten Teenagern ergibt: MSN, ICQ, Jabber, Skype, SMS oder Direktnachrichten per wer-kennt-wen.de, SchülerVZ und Myspace dienen der Kommunikation.

Während Menschen meines Alters den Herrn loben und preisen, weil wir nicht mehr wie unsere Eltern unsere Tage vor Faxgeräten verbringen müssen, erscheint der Generation Y die E-Mail mit ihrem Adressfeld, der Betreffzeile und der großen weißen Fläche wie eine Aufforderung, einen Brief zu formulieren. Das ist für die sprichwörtlich aufmerksamkeitsdefizitären Erben unseres kulturellen Vermächtnisses abschreckend.

Doofesbambi19@aol.com

Hatte man sich gerade daran gewöhnt, dass Mailadressen wie Sonnenschein34@freenet.de, Doofesbambi19@aol.com oder Meineristsooolang@umsonstmail.de in der Erwachsenenwelt unseriös wirken und sich einen vorteilhaften Realnamen-Account bei Googlemail zugelegt, da lässt einen die Preisgabe seiner Mail-Adresse im Club plötzlich als Lustgreis dastehen.

Startseite von Knuddels.de
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Wegen dieser Entwicklung rufen seit einiger Zeit die Webpropheten im Chor: E-Mail is dead. Manche berufen sich sogar darauf, schon seit 2004 den Tod der E-Mail zu verkünden – was insofern interessant ist, als dass es nichts anderes heißt als: Ich irre mich seit vier Jahren. Denn tatsächlich geht es der E-Mail blendend. Sie ist nach wie vor der meistgenutzte Dienst des Internets.

Das Spam-Problem

Das Spam-Problem, das am häufigsten als Todesursache angeführt wird, gibt es zwar, aber es ist nicht der Grund, warum Teenager nicht gerne mailen. Schließlich bekommt man gerade bei Myspace häufig Freundschaftsanfragen von Fake-Profilen, was in der Natur der Sache liegt, denn wo bei Myspace Fake anfängt und wo legitime Werbepräsenz aufhört, ist letztlich Glaubensfrage. Ist das Madonna-Profil weniger Fake als die Werbung eines Pornomodels?

Spam ist da, wo Kommunikation ist. Oder gibt es jemanden, der noch nicht von einem umwerfenden Angebot geweckt wurde, das der thüringische Callcenter-Agent einer der sichersten deutschen Versicherungen einem per Telefon unterbreitet hat?

Die Uhr tickt auch im Chat

Nun bedeutet die Vorliebe der Jüngeren für ICQ und Konsorten natürlich im Umkehrschluss nicht, dass ausschließlich Teenager Instant Messenger oder Chat-Dienste in Anspruch nehmen. In einer Zeit, in der die Zuschauer von Bravo-TV im Schnitt 46 Jahre alt sind, werden schon aus demografischen Gründen alle Dienste auch – oder sogar überwiegend – von weit über 30jährigen genutzt.

Selbst das quietschbunte Knuddels, eine die alternde Netzhaut überfordernde Mischung aus Chatsystem und Community, wird gerade mal zu 41 Prozent von Jugendlichen genutzt. Den Rest der Smileys verschicken (überwiegend) Frauen gehobenenen Alters. Man kann sagen, dass die biologische Uhr einen Großteil der Chats antreibt.

Die Zebrafinken

In den achtziger Jahren sendete die ARD häufig einen Pausenfüller (damals gab es noch keine exakten Uhren, weshalb Filme häufig nicht aneinander anschlossen), der Zebrafinken zeigte, die auf einer Stange nebeneinander saßen und zwitscherten. Sie neigten dabei einander ihre possierlichen Köpfchen zu und auch wenn man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen kann, dass nichts von dem, was sie sagten, von Belang war, schien es für die Zebrafinken von Bedeutung, dass sie zwitscherten.

Ähnlich geschieht Kommunikation beim Menschen: Wie häufig sagt man schon etwas Relevantes und wieviel Luft verbraucht man gleichzeitig mit Gerede, dessen Inhalt man fünf Minuten später selber vergessen hat? Wäre die Evolution wahnsinnig effektiv, dann würden wir reden wie Androiden aus Science-Fiction-Filmen der sechziger Jahre. So aber hat sie uns als soziale Wesen konzipiert und dazu bedarf es der Kommunikation als virtueller Fellpflege.

Die Preparedness-Theorie

Die Form, der wir noch unsere archaischsten Instinkte unterwerfen, ist von Moden abhängig. Nach der neurobiologischen Preparedness-Theorie gibt es bei Lebewesen eine Bereitschaft, auf Reize hin ohne Konditionierung bestimmte Reaktionen zu zeigen.

Immer was zu zwitschern: Zebrafinken
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Der Mitteilungsinstinkt ließ sich mit größter Bereitwilligkeit darauf ein, in Steintäfelchen zu kritzeln, mit einem Federkiel auf Papier herum zu kratzen, dann umarmte er das Telefon, quatschte Anrufbeantworter voll, tippte lange Handtücher von Mails, mit höflicher Anrede und freundlichen Grüßen, gewöhnte sich die über zehntausende von Jahren in den Hirnstrukturen verankerte Grammatik ab, als die SMS neu auf den Markt kam und jetzt läuft der Mitteilungsinstinkt des Teenagers aufgescheucht durch sein unaufgeräumtes Zimmer (die Anweisung der Mutter, das Bett neu zu beziehen, wartet seit drei Wochen im Mail-Ordner darauf, gelesen zu werden).

Währenddessen zeigt der Fernseher stumm Klingeltonwerbung, spielt das Radio die größten Hits des vergangenen Jahrhunderts und man sendet per Webcam über MSN Videoaufnahmen seiner neuesten Schminkversuche an die beste Freundin oder lässt sich Ritztipps geben.

Globale Moden, winzige Peer-Groups

Moden entwickeln sich nur scheinbar innerhalb von Ländern oder gar global. Tatsächlich entstehen Moden im Geltungsbereich winziger Peer-Groups. Wird uns heute erzählt, in den achtziger Jahren hätten die Frauen riesige Dauerwellen gehabt und alle wären in neonfarbenen Jacketts mit Schulterpolstern umhergelaufen, gab es in meiner Klasse den Trend, Wanderschuhe zu tragen. Klobige, halbhohe Wanderschuhe. Einer aus dem Klassenführungszirkel hatte sie auf einmal an und behauptete erfolgreich, das trage man jetzt so.

Teenager haben noch ein langes Leben vor sich, werden Irrsinnssummen erben, können ihr ganzes Geld für Blödsinn ausgeben und allein deswegen starrt die ganze Welt der Erwachsenen aka Werbewirtschaft darauf, was sie tun. Aber Teenager sind auch unglaublich beschränkt. Die meisten kennen nicht viel mehr Menschen als ihre Mitschüler, ein paar Nachbarn, ein paar Leute aus dem Sportverein und das war es.

Skypt das Finanzamt?

Teilt sich der süße Kevin aus der Basketball-AG also seinen Jüngern per SchülerVZ mit, ist das das Medium du jour. In dem Moment, wenn man nicht mehr allein mit seinem Freundeskreis kommuniziert, wird man jedoch zu dem greifen, das alle nutzen – und das wird bis auf weiteres die gute alte E-Mail sein.

Selbst in einer noch so kuscheligen Zukunft wird man nicht den Vorstand seines Unternehmens bei Facebook als Friend haben oder per Instant Messenger mit ihm verbunden sein. Der Professor hat kein ICQ, der Steuerberater kein Skype, die nette Frau aus der Sparkasse ist bei StudiVZ nicht zu finden, das Finanzamt reagiert auf MSN-Nachrichten nicht.

E-Mail aber haben sie alle. Und manche noch ein Fax dazu.

 
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