23.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Bloß nicht alleine sein: PC-Spieler
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Was einst als Spezialeinsatz für Spiele-Nerds begann, treibt mittlerweile Millionen Menschen um: Sich im Online-Rollenspiel mit anderen in einem «Raid» zusammenzutun, um besonders schwierige Aufgaben zu lösen.
Mehr als 20 über ganz Deutschland verteilte Computerbildschirme zeigen das gleiche Motiv: einen Drachen, davor eine Gruppe von Fantasiegestalten, die sich ihm entgegenzustellen scheint.
Doch die Szene bleibt unverändert, die «Helden» haben gerade anderes im Sinn: Die Figuren Gnygnyg und Shavon stehen afk (away from keyboard) herum, da die Menschen dahinter Tastatur und Maus verlassen haben, um mit dem Hund Gassi zu gehen. Chanay nutzt die Pause, um seine Tochter ins Bett zu bringen, und Laron holt Knabberzeug aus der Küche. Eine solche Situation ist für immer mehr viele Menschen normal - denn der «Raid» in Onlinespielen ist dabei, sich zum Volkssport zu entwickeln.
«Raid» heißt übersetzt Überfall oder Raubzug. Verwendet wird der Begriff aber kaum mehr für reale Begebenheiten dieser Art. Vielmehr hat der Siegeszug der Onlinerollenspiele ihm einen neuen Stellenwert verschafft. Denn ein Entwickler kam irgendwann auf die Idee, die schwierigsten Einsätze in solchen Spielen als Raid zu bezeichnen.
«Raid»-Abend ersetzt DoppelkopfrundeUnd heute loggen sich mal zwölf, mal 24 oder auch mal mehr als 100 Menschen an ihren Computern gleichzeitig in ein Spiel ein, um gemeinschaftlich auf Raubzug zu gehen - also den virtuellen Gegnern zu zeigen, wer der Stärkere ist. Noch vor wenigen Jahren war ein Raid eine Angelegenheit, für die sich vor allem echte Hardcore-Spieler begeistern konnten, deren Leben ohnehin hauptsächlich in virtuellen Welten stattfindet.
Aktuell sieht die Sache ganz anders aus: Wer einmal mitmacht, wird schnell feststellen, dass auch erwachsene Paare oder Familien mit jugendlichen Kindern die gemeinschaftlichen Ausflüge in dunkle Katakomben als Alternative zum Fernsehabend entdeckt haben. «Raid-Abende sind mittlerweile im privaten Umfeld als Freizeitaktivität oft ebenso akzeptiert wie einst die Doppelkopf-Runde», sagt Olaf Wolters vom Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (biu) in Berlin.
«Mann kann tatsächlich behaupten, dass sich das Raiden zu einer Art Volkssport entwickelt», bestätigt Hendrik Weins, Redakteur der in München erscheinenden Zeitschrift «Gamestar». Denn ein Raid hat viel mehr Facetten als nur das gemeinschaftliche Vermöbeln eines scheinbar übermächtigen Gegners.
Spielen und quatschenEin Reiz der meist mehrere Stunden dauernden Aktionen besteht für viele Spieler in der gemeinschaftlichen Unternehmung und der Kommunikation. «Es gehört heute schon zum Standard, dass man dabei Kopfhörer aufsetzt und sich miteinander unterhält», sagt Weins. Das Installieren der nötigen Software-Hilfen wie Teamspeak oder Skype kriegen mittlerweile auch viele hin.
Die Sprachkommunikation beim Raid hatte ursprünglich aber rein praktische Gründe: Die starken Gegner in Onlinespielen werden von den Entwicklern in der Regel so ausgelegt, dass einzelne Spieler zu einem bestimmten Zeitpunkt bestimmte Handlungen ausführen müssen, wenn sie überhaupt erfolgreich sein wollten. «Jeder Spieler hat auch seine spezielle Aufgabe», sagt Weins. Und der «Raid-Leiter» kann mit Worten leichter und schneller ansagen, was gerade von wem verlangt wird.
Gerade das Kommunizieren mit Worten hat aber auch mitgeholfen, das Raiden breitentauglich zu machen. Denn während in den heiklen Phasen der virtuellen Kämpfe jeder mit dem Ausführen der Aktionen seines Charakters genug zu tun hat, kann in ruhigeren Momenten gequatscht werden wie beim Spieleabend daheim oder am Stammtisch. Entscheidender Unterschied dabei: Die Menschen sehen sich nicht, sondern hören sich nur. «Wenn man aber online mit Menschen zusammenspielt, die man auch privat kennt, ist das natürlich noch angenehmer», sagt Weins.
Virtuelle FreundschaftenFür manchen überraschend mag auch die Tatsache sein, dass gerade Frauen in vergleichsweise großer Zahl an Raids teilnehmen. «Für mich steht vor allem der soziale Aspekt im Vordergrund, das Zusammenspiel mit anderen Menschen», sagt Spielerin «Lora». Die 40-Jährige ist ebenso wie ihr Ehemann und ihr volljähriger Sohn seit mehreren Jahren in unterschiedlichen Onlinerollenspielen aktiv. Zu diesem sozialen Aspekt gehört für sie eben auch, dass zwischendurch mal jemand den Hund Gassi führt oder Babygeschrei via Teamspeak durch die virtuellen Katakomben schallt.
Obwohl die Mitspieler sich nicht sehen, entstehen durch die regelmäßigen Zusammenkünfte oft auch virtuelle Freundschaften. Denn meist wird nicht nur einmal im Monat sondern mehrmals in der Woche geraidet. «Viele Gilden und Raid-Gemeinschaften treffen sich auch in der echten Welt», sagt Wolters. Dabei kommt es verständlicherweise immer wieder zu Überraschungen. Schließlich sieht der Mensch hinter dem muskelbepackten Paladin aus der Spielwelt im echten Leben nur selten ähnlich prächtig aus.
Von der Solo-Aufgabe bis zur Raid-Zone Die Welten in Onlinerollenspielen sind meist in verschiedene Anspruchsstufen unterteilt. So finden Gelegenheitsspieler leichtere Solo-Aufgaben und Gegner, für deren Erledigung sie meist aber auch nur kleine Belohnungen erhalten.
Wer ansprechendere Belohnungen und bessere Ausrüstung sucht, für den gibt es jene Bereiche, für die das Zusammenspiel einer Gruppe notwendig ist. Meist bilden fünf bis sechs Personen eine solche Gruppe. Raid-Zonen schließlich bilden sozusagen die Königsklasse - mehrere solcher Gruppen müssen sich zu einem Raid zusammenschließen. Als Belohnung winken besonders hochklassige Ausrüstungsgegenstände für die Spielcharaktere. (Heiko Haupt/dpa)