11.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Persönliche Daten im Netz mehr davon!
Jugendliche und junge Erwachsene toben sich im Netz voll aus - und zeigen dort alles, was sie haben. Rufschützer warnen und Eltern verzweifeln. Malte Welding aber fragt: Wo genau ist das Problem? Teil 2. Meine Online-Reputation Bei Photobucket.com werden ...
Meine Online-ReputationBei Photobucket.com werden ganze Serien von Fotoalben eingestellt. Nacktheit ist von der Betreiberfirma aus verboten, aber die Jugend geht mit Verboten immer noch so um wie eh und je. Im Verbote-Ignorieren bleibt die Jugend konservativ. Mit der Folge, dass ein junger Amerikaner mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit seine neueste Freundin schon nackt gesehen hat (online), bevor er mit ihr ein Eis gegessen hat (Real Life). 2006 hatten 61 Prozent aller amerikanischen Jungen und Mädchen zwischen 13 und 17 ein Online-Profil, die Hälfte davon mit Bildern. Die Tendenz bleibt steigend.
Bevor jetzt der Stab gebrochen wird über unsere digitalen und teilweise unbekleideten Erben, google ich mich erst einmal selbst und stelle fest: Als Autor bin ich sowieso verloren. Meine Onlinereputation ist schwerer in den Griff zu bekommen als ein in freundlicher Absicht besetztes Land im Nahen Osten. Texte, die ich heute niemals wieder so schreiben würde, springen mir als erstes ins Auge. Jeder Artikel mit einem hölzern formulierten Mittelteil prangt bis an das Ende aller Energiequellen im Netz, jeder die Grenzen der Grammatik überdehnende Nebensatz, jedes überflüssige Wort, jeder Tippfehler.
Wie viele Feinde mag ich mir gemacht haben mit achtlos hingeworfenen Beleidigungen, wie viele potenzielle Auftraggeber mögen nach erfolgter Google-Recherche angewidert meine Meinung zu Veronica Ferres zur Kenntnis genommen und den Telefonhörer wieder zur Seite gelegt haben? Ganz zu schweigen von den Dingen, die mir gar nicht auffallen.
Googelnde PersonalchefsAber ich tröste mich: Man wird immer – von googlenden wie von internetlosen Personalchefs - auch nach Faktoren bewertet, die man selber nicht wahnsinnig fair findet. Wie oft wird man schon nicht eingestellt worden sein, weil dem Human-Resources-Menschen die Nase nicht gefällt, er die Schuhe geschmacklos findet, die Frisur zu bieder/zu gewagt/zu haarlos/zu fehlfarbig? Weil man eine Frau ist oder eben keine? Weil man wie jemand aussieht, der oft krank ist? Weil man den Namen der großen, aber hundgemeinen Liebe trägt? Wenn man sichtbar ist, wird man beurteilt.
Die Alternative dazu, vom Personalchef gegoogelt zu werden, ist: Nicht im Netz zu erscheinen. Wäre ich jedoch Personalchef und würde einen Bewerber bei Google nicht finden, würde ich mich fragen, ob der Betreffende die letzten Jahre tot war, Analphabet ist oder sich nur anonym im Netz rumtreibt auf Fetischseiten, deren Thema dicke Frauen, die viel zu schwere Rucksäcke tragen, sind. Wie man es also macht, macht man es falsch.
Im Thriller Schweigen der Lämmer gibt es eine Szene, in der Jodie Foster im Mädchenzimmer eines der Opfer in einer Schachtel sorgsam verborgene Fotos findet, die das Mädchen schüchtern posierend in Unterwäsche zeigen. Der Film ist von 1991. Heute würde Foster die Fotos auf Myspace finden und die Posen wären vermutlich deutlich weniger schüchtern.
Bekenntnisse der JugendDie Welt war immer schon voller kleiner Geheimnisse. Viele sind im Verborgenen bestens aufgehoben, anderen tut das Licht der Öffentlichkeit gut, weil der Geheimnisträger von der Last befreit wird, zu glauben, er gehe besonders eigenartigen, ja perversen Leidenschaften nach. Das Bekenntnis zu Abtreibungen auf dem Titel des «Stern» in den siebziger Jahren, das mutige Coming-Out von Homosexuellen, die in der Öffentlichkeit stehen, waren Grenzverschiebungen des Privatlebens in den öffentlichen Raum, die die Gesellschaft haben freier werden lassen.
Das öffentliche Bekenntnis der Jugend, sich am Wochenende zu betrinken, vielleicht sogar gigantische Joints zu bauen, im Urlaub Peinlichkeiten zu begehen, schlechte Witze zu machen – letztlich: jung zu sein – hat möglicherweise nicht die gleiche Güte. Aber sie könnte, wenn die Jungen von heute selber Eltern werden, ein guter Schutz vor Bigotterie sein.
Generationen und ihre EigentümlichkeitenIch habe drei Fotos von meinem Kaninchen bei Sevenload, zweimal dasselbe Foto bei Facebook und Xing (nette Leute erinnert es an Daniel Day-Lewis in Gangs of New York, weniger nette finden es schlicht unheimlich) und über Privates schreibe ich nur verklausuliert. Ich spreche Pidgin.
Ich kann es nicht nachvollziehen, warum man auf Partys Fotos macht und sie im Dutzend ins Internet stellt. Genausowenig, wie unsere Großeltern verstehen konnten, dass unsere Eltern die Körperpflege einstellten und Friseurbesuche verweigerten oder unsere Urgroßeltern, dass unsere Großeltern Jazz hörten.
Denn wie soll man jemals in einem seriösen Beruf arbeiten, wenn man die Nächte durchtanzt zu Urwaldmusik? Wie soll man einen jungen Mann ernst nehmen, der die Haare trägt wie ein Mädchen? Und wie jemanden wählen, dessen StudiVZ-Gruppen geschmacklose Namen haben?
Die neue JugendbewegungWir haben eine neue Jugendbewegung. Und diese Jugend muss sich dafür nicht einmal bewegen. Lassen wir sie einfach mal machen. Denn die Chefs, die sie mal haben werden, wenn die heutigen Entscheider den Weg alles Irdischen, Nicht-Digitalen, gegangen sind, waren auch alle mal jung und zwar mit ihnen zusammen. Die Politiker, die sie wählen, waren bei StudiVZ oder haben so getan, als würden sie auf die deutsche Fahne urinieren.
Und Google wird es beweisen können.