11.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Das Internet ist voller persönlicher Daten, vor allem von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Online-Rufschützer warnen vor den möglichen Auswirkungen, Eltern sind besorgt. Malte Welding aber sagt: Was soll's, macht doch jeder. Teil 1.
Thomas Müller bereut. Der stellvertretende Landesvorsitzende der hessischen Jungen Union wurde vor kurzem vom Amt des Geschäftsführers des CDU-Kreisverbandes Schwalm-Eder entbunden, weil seine Mitgliedschaft in StudiVZ-Gruppen wie «Nach Frankreich fahr ich nur auf Ketten» und «Krieg ist scheiße, aber der Sound ist geil» dem Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises Schwalm-Eder, Bernd Siebert, bekannt geworden war.
Hätte sich doch Müller nie bei StudiVZ angemeldet. Siebert jedenfalls kann gar nicht nachvollziehen, wie man sich auf «solchen Internetseiten tummeln» kann. Nun ist über Siebert nicht bekannt, ob er in seiner Jugend Witze gemacht hat und falls ja, dann sollte man zu seinen Gunsten davon ausgehen, dass sie stets geschmackssicher waren und eine christliche Grundgesinnung erkennen ließen. Fest steht jedoch, dass er seine Witze nicht ins Internet gepostet hat.
Ein Foto, das auf dem Bundeskongress der Grünen Jugend aufgenommen wurde und kurzzeitig auf der Homepage der Nachwuchsorganisation zu sehen war, hat in der vergangenen Woche zu der Überschrift «Grüne urinieren auf Deutschland-Flagge» in der «Bild»-Zeitung geführt. Bei der Grünen Jugend heißt es, zur Urinausschüttung sei es nicht gekommen, die Fotos seien nur gestellt gewesen. Und doch gibt man sich zerknirscht, dass das Foto auf die Seite gelangen konnte.
Kreol und PidginDie Botschaft aus diesen beiden Vorfällen scheint eindeutig und so ist auch der Rat von Seiten derer, die sich mit Online-Reputationsmanagement, einem boomenden Wirtschaftszweig, befassen, klar: Man solle sein Online-Leben aufbauen wie eine Bewerbungsmappe. Stärken betonen, Schwächen kaschieren, Blendgranaten werfen; Amazon-Wunschlisten mit feinsinniger Literatur statt mit Science-Fiction-Büchern bestücken, in Diskussionen stets sachlich, gelassen und fundiert argumentieren und auf Fotos immer so aussehen, als ginge man gerade zur Beerdigung seiner Lieblingserbtante.
Aber wenn das Internet Teil des Lebens ist und das ist es eben für die Jüngeren -, hieße das denn nicht, immer eine Maske zu tragen? Clay Shirky, der das Fach Neue Medien an der New York University unterrichtet, nennt den Umgang der unter 30-Jährigen (für Deutschland sollte man von unter 20-Jährigen sprechen, weil sich das Internet hier erst verspätet etabliert hat) die «Kreolisierung der Medien». Die über 30-Jährigen dagegen kommen über Pidgin nicht hinaus.
Als Pidgin bezeichnet man eine Sprache, die Individuen unterschiedlicher Herkunft miteinander sprechen, um rudimentär kommunizieren zu können. Kreol entsteht, wenn Kinder Pidgin als Muttersprache lernen und so eine vollwertige Sprache entwickeln, mit eigener Grammatik und eigenem Lautsystem.
Über und unter 30Die Preisgabe persönlicher Vorlieben auf Myspace, die Bauchnabelpiercing-Fotos auf Facebook ist das die neue Grammatik? Meine Generation also die über 30-Jährigen denkt in Kategorien von Öffentlichkeit und Privatheit, die für die Jüngeren (wobei dieser Begriff in seiner Absolutheit natürlich ein Klischee bleiben muss) so nicht mehr existieren. Ein Leserbrief an eine Zeitung, ein Artikel gar, das war für uns ohne Frage öffentlich, ein Liebesbrief zweifellos privat.
Was aber ist eine Liebeserklärung per Blog? Ein Flirt über Twitter? Ein Streit am Handy? Denn auch das so vertraut gewordene Handy hat dazu beigetragen, die Trennlinie zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit unscharf werden zu lassen. In Philip Roths jüngstem Roman «Exit Ghost» wundert sich der Protagonist, der die Jahre zuvor in einer abgelegenen Hütte verbracht hat, angesichts der Allgegenwärtigkeit telefonierender Passanten darüber, «dass die ungeheure Einsamkeit der Menschen diese grenzenlose Sehnsucht erzeugte, gehört zu werden, gepaart mit der Gleichgültigkeit gegenüber der Tatsache, dass alles, was man sagte, unentwegt belauscht wurde».
Und ja: Man kommt gar nicht umhin, sich um die psychische Verfasstheit von Menschen, die ihr Innerstes nach Außen kehren, Gedanken zu machen. Folgt uns eine Generation von einsamen Narzissten, die sich in Abermillionen von Selfshots inszenieren wie ihre Vorbilder aus den Promiblogs, findet eine Selbstpaparazzisierung statt, die in Frustration gepaart mit Größenwahn enden muss? Gar eine Selbstpornographisierung?