Globalisierungsgegner online:
Gut vernetzt attackiert sich's besser
02. Jun 2008 12:41
 |  Im Netz verabredet: Demonstranten in Heiligendamm. | Foto: dpa |
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Kaum etwas symbolisiert die Globalisierung stärker als das Internet und doch nutzen auch Kritiker das Netz als Plattform für ihre Bewegung. Die
Netzeitung hat sich einige Websites genauer angeschaut.
Nirgendwo wächst die Welt schneller zusammen als im Netz, wo auch die abgelegenste Region nur einen Mausklick entfernt scheint. Selbstverständlich wird das World Wide Web auch von denjenigen genutzt, die einigen Aspekten der internationalen Verflechtung negativ gegenüberstehen: den Globalisierungsgegnern.
Auch ihnen dient das Internet als Plattform zur Kommunikation und Verbreitung ihrer Argumente. Die einzelnen Gruppen verfolgen verschiedene politische Interessen mit einem großen gemeinsamen Nenner - den sozialen und wirtschaftlichen Problemen der Globalisierung.
Für Globalisierungskritiker, die über einen Internetzugang verfügen, bietet das Netz vor allem Chancen: «Früher gingen Demonstranten auf die Straße und blockierten eine Kreuzung, heute setzen sie sich auf die Datenautobahn», schreiben die Macher des Portals «Netzaktivismus». Die Website wurde vom vierten Jahrgang der Evangelischen Journalistenschule in Berlin gestaltet.
Sie verlinkt auf diverse Nichtregierungsorganisationen (NGOs), etwa das Südwind-Institut - eine ökumenische Initiative, die sich für gerechte Wirtschaftsbeziehungen zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern einsetzt.
«Ohne das Internet könnten wir gar nicht mehr agieren», sagt Ingeborg Wick, Fachfrau für Sozialstandards im Welthandel und in der Bekleidungsindustrie.
Südwind engagiert sich in der «Clean Clothes Campaign», der Kampagne für faire Arbeitsbedingungen in der Bekleidungs- und Sportartikelindustrie. Dass die Aktivisten so gut über die Situation in Asien oder Afrika informiert sind, verdanken sie dem Internet, das ihnen die Kontaktaufnahme zu Informanten vor Ort erleichtert.
«Die Rolle, die NGOs heute spielen, wäre ohne das Netz nicht denkbar», sagt auch Peter Wahl, Vorstandsmitglied von Weed. Die Organisation will die Ursachen der Armuts- und Umweltprobleme aufdecken, die durch die Globalisierung entstehen.
«Ohne die Mobilisierung per Internet hätte es die Aktionen im Zusammenhang mit Genua und Seattle nicht gegeben. Mit der Post wäre das nicht machbar gewesen».
Podcasts und Aktionsaufrufe
Die Möglichkeiten der Vernetzung nutzen auch die Globalisierungsgegner von Attac: Über ihre Homepage gelangt man zum Online-Angebot des Jugendnetzwerkes Noya. Beide Portale bieten umfassende Informationen und Attac sogar einen eigenen Podcast zum Download an.
Ein zweites weltweites Netzwerk neben Attac ist People's Global Action (PGA). Die im Februar 1998 in Genf gegründete Organisation lehnt jede Art von Lobbyarbeit ab und veranstaltet stattdessen regelmäßig internationale «action days», zu denen online aufgerufen wird. Im Gegensatz zu Attac gibt es bei PGA keine formelle Mitgliedschaft von Einzelpersonen. Stattdessen setzt die Organisation auf Spontaneität, Selbstverwaltung und Konfrontation. In einer Terminliste verlinkt PGA auf die Seiten der einzelnen Aktivisten – die nächste Protestaktion in Deutschland ist das Hamburger Klimacamp im August.
Von Bauernverbänden bis zu Hobby-Protestlern
Die größte PGA-Organisation ist die indische Bauernverbindung KRRS, der nach eigenen Angaben etwa zehn Millionen Mitglieder angehören. Unter den europäischen Landwirten ist vor allem der französische Bauer José Bové bekannt, der 1999 ein McDonald's-Restaurant zerstörte.
Bové ist Gründungsmitglied des Verbandes Confédération paysanne, der sich in den Achtzigern als alternativ-linkes Gegenstück zum offiziellen Verband FNSEA formierte. Auf der Verbandswebsite wird auch der aktuelle Milch-Boykott in Deutschland kommentiert.In südlichen Ländern spielt vor allem der internationale Bauernverband Via Campesina eine tragende Rolle. Er konzentriert sich auf Agrarpolitik, grüne Gentechnologie und Patentrecht. Das Ziel: Jede Region der Welt sollte in der Lage sein, die dort lebende Bevölkerung mit heimischen Agrarprodukten zu ernähren.
Über die grundsätzlichen Ziele der Globalisierungskritiker, unabhängig von Verbänden und Organisationen, informiert Manfred Julius Müller aus Flensburg. Der Betreiber diverser politischer Websites analysiert seit 30 Jahren weltwirtschaftliche Zusammenhänge und hat mit «Anti-Globalisierung. Zurück zur Vernunft» oder «Das neue Wirtschaftswunder» bereits mehrere Bücher zum Thema verfasst.
«Anti-Lohndumping.de»
Auch Müller nutzt eine praktische Eigenschaft des Internets: Mit Domains wie «Anti-Gloibalisierung.de» oder «Globalisierungskritiker.de» hat er sicher gestellt, dass Interessenten über Google sofort auf seine Seiten gelangen.
Globalisierungskritiker, die ihre eigenen, privaten Websites betreiben, investieren dafür oft einen Großteil ihrer Freizeit. Dass dieser unbezahlte Aufwand sich irgendwann nicht mehr rechnet, zeigt Joachim Jahnkes Infoportal zum Thema Deutschland und Globalisierung.
Basierend auf öffentlichen statistischen Daten bietet der Jurist seit 2005 eine kritische Analyse wirtschaftspolitischer Entwicklungen an. Sie ist in Zukunft aber nur noch eingeschränkt abrufbar, weil Jahnke sich künftig stärker auf seine Bücher konzentrieren will.
Rubriken wie die Kommentarseite und «Aktuelle Schwerpunkte» werden eingestellt. Das umfangreiche Datenmaterial mit mehr als 2500 Abbildungen wird nicht mehr aktualisiert, bleibt aber im Online-Archiv zugänglich. Dann bleibt als weitere Grundlage für die Diskussion immerhin noch die Bundeszentrale für politische Bildung. Sie betreibt eine Website mit Zahlen, Fakten und Grafiken, die hilft, den Begriff Globalisierung klarer zu definieren. Auch der eingeschränkte Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien in vielen Ländern wird hier kritisch beleuchtet.
Für das Web ediert von Maike Schultz