Datenschutz und Privatsphäre: Google will doch nur spielen02. Jun 2008 07:10  |  Lego symbolisiert Spaß | Foto: dpa |
|
Lego und Zauberwürfel auf Feten, gut gelaunte Mitarbeiter, knallbuntes Design: Google nimmt Spaß sehr ernst. Und das sollte uns zu denken geben, findet Domenika Ahlrichs.
Geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie irgendwo sind, wo es Ihnen gut gefällt – und dennoch haben Sie das dumpfe Gefühl: Hier stimmt was nicht? Mir passiert das immer wieder, wenn ich in engeren Kontakt zu Google komme. Wobei «engerer Kontakt» noch näher erklärt werden muss angesichts der Tatsache, dass jeder und jede von uns täglich sicherlich mehrmals gar nicht umhin kommt, Google in sein Leben zu lassen. Sei es, weil wir etwas im Internet suchen, weil wir Freunden auf Google Earth zeigen wollen, wo wir letztens im Urlaub waren oder weil Google News mal wieder ein Mainstream-Thema zum Aufmacher erhoben hat und all denjenigen gute Klickraten beschert, die den Massengeschmack bedienen.
Physisch eng wurde der Kontakt kürzlich zum Beispiel in Berlin. Der Suchmaschinen-Betreiber hat seit einigen Monaten ein Lobby-Büro am Pracht-Boulevard Unter den Linden. «Repräsentanz» nennt Google das selbst. Neben den Repräsentanzen der politischen Macht nun also die Botschaft der Macht über die Daten der Welt. Kürzlich feierte Google das dann auch ganz offiziell und mit vielen Gästen. Das repräsentative Büro Unter den Linden wäre zu klein gewesen, die Party fand hoch über den Dächern der Hauptstadt statt; Google ganz oben. Entsprechend die Reden der Bundes- und Landespolitprominenz: Hohe Anerkennung der Leistung..., große Freude über die Entscheidung..., tolle Aussichten für den Wirtschaft- und Wissenschaftsstandort Berlin... Und Googles Nord- und Zentraleuropa-Chef Philipp Schindler jubilierte, der Konzern könne nun «als transparenter und offener Gesprächspartner wahrgenommen werden».
Mulmiges Gefühl
Da war es, das mulmige Gefühl. Offenheit und Google ist ein in etwa so wahrscheinliches Wortpaar wie «Verständlichkeit und Steuersystem». Wobei das Steuersystem durchaus noch die Chance hat, verständlich zu werden. Man muss es nur reformieren. Google hingegen lebt davon, seine Geheimnisse gut zu hüten. Das würde ich auch tun, wäre ich daran interessiert, meinen Status als unumgänglicher Datensammler und –verwalter zu festigen. Nur würde ich dann nicht so tun als ob. Genau das aber macht Google. «Wir sind doch aber die Guten, weil wir das Weltwissen für alle aufbewahren und allen zugänglich machen und überhaupt und ohne uns wäre jeder verloren im Netz und es geht uns wirklich, wirklich ganz und gar nicht um Macht, sondern darum, dass es allen Menschen auf dieser Welt gut geht.» So oder so ähnlich wiederholen Googles Mitarbeiter ihr Selbstverständnis mantra-artig. Und, nicht zu vergessen, sie haben Spaß. Jeder, der fragt, erfährt dies - hier mal wirklich in der angekündigten Offenheit- , und jeder der mal reinschnuppern darf, bekommt genau dies Gefühl vermittelt.
Spaßig, spaßig In Berlin auf der exklusiven Dachterrasse wähnten sich die mit Lego-Steinen, Rubiks Zauberwürfeln und Youtube-Jonglier-Auftritten bespaßten Gäste in die golden-erinnerte Kindheit zurückversetzt. Spaßig, spaßig, wie Männer im Anzug da plötzlich in einen Wettstreit darüber gerieten, ob der Zauberwürfel von jeder Ausgangslage aus in 22 Zügen zum Erfolg gedreht werden könne oder nicht. Durchaus rührend auch, wie Frauen im trägerlosen Feten-Dress aus Lego kleine Häuschen bauten.
Oder London: in der dortigen Google-Niederlassung lümmeln sich junge Männer und Frauen in Hängematten zwischen bunten Wänden, und im Waschraum liest man neben der Einladung zum nächsten Spieleabend die Bitte, «als große Google-Familie» auch an die große Welt-Familie und vor allem die Umwelt zu denken: Sparsam mit dem Klopapier umgehen!
«umgehend per E-Mail» Die hochmotivierten Mitarbeiter, die einer kleinen Gruppe europäischer Journalisten dort jüngst Rede und Antwort standen, sangen ihr Loblied auf den Arbeitgeber in herrlich anzuhörenden Variationen. Hakte einer von uns jedoch kritisch nach, reichte ein Satz: Sie hätten «die Information jetzt gerade nicht im Kopf», sagten sie, würden sie aber «umgehend per E-Mail» nachreichen. Sie hätten auch «nie» sagen können.«Der will doch nur spielen» sagen Hundebesitzer oft, wenn ihr Tier wie besessen auf einen Fremden losrennt, ihn bedrängt, anbellt, anspringt und insgesamt höchst aufdringlich in seiner Freiheit einschränkt. Wir wollen doch nur spielen, sagt Google. Wie beruhigend, sagen wir allzu schnell und spielen mit. Weil in jedem von uns ein Kind steckt, das all das, was Google kann und macht, faszinierend findet; und aufregend. Doch kann ein echtes Spiel nur einen Sieger haben. Google ist auf dem Weg, die Partie für sich zu entscheiden. Der Spielgewinn lautet: Einblick, Überblick, Durchblick. Eindringen in alle Lebensbereiche, Verfügen über alle Daten. Unabkömmlichkeit und letztlich: Macht. Da hört der Spaß auf.
|