Kinder und Videospiele: 

netzeitung.de«Zu fett!» - Wenn die «Wii Fit» pampig wird

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Zu flach: 'Wii Fit' im Einsatz (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Zu flach: 'Wii Fit' im Einsatz
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Eigentlich soll sie nur fit und schlank machen, doch Nintentos neue Software «Wii Fit» kann mehr: Sie beleidigt den Nutzer in einem fort, wie britische Medien derzeit beklagen. Maik Söhler mag sie deswegen umso mehr.

Großbritannien hat ein neues Problem. Es handelt sich dabei nicht um die Beteiligung der eigenen Truppen am Irakkrieg, die immer größer werdenden Unterschiede zwischen Arm und Reich oder die Krise des teilprivatisierten Gesundheitswesens - sondern um die angebliche Unhöflichkeit einer Spielkonsole.

Seit Wochen erregen sich britische Medien darüber, dass die «Wii Fit», das seit kurzem auch in Europa erhältliche Fitnessprogramm für Nintendos weit verbreitete Spielkonsole Wii, Kinder als «zu fett» oder «übergewichtig» ausweise. Die Boulevard-Zeitung «Daily Mail» zitiert einen anonymen Ernährungsberater: «Es würde mir große Sorgen machen, wenn Kinder dieses Spiel spielten. Ich finde, auf dem Spiel sollte eine Warnung für Eltern stehen.»

In anderen Medien kommen Eltern zu Wort, die von Tränen der eigenen Kinder berichten, weil die «Wii Fit»-Software nach der automatischen Errechnung des Body-Mass-Index feststellt, wer Unter-, Normal- oder Übergewicht hat. Ihnen selbst sei das ja egal, betonen die Eltern, nur die Kinder könnten mit so etwas eben nicht umgehen.

«Zu fett» kommt aber im Programm ebensowenig vor wie ein unhöflicher Tonfall. Fast schon kriecherisch weist einen stattdessen eine süße Säuselstimme darauf hin, was das Normalgewicht wäre und wie es eventuell zu erreichen sein könnte.

Vorgeschobene Kinder
In Wirklichkeit geht es gar nicht um beleidigte Kinder und pampige Konsolen, sondern wieder mal um Erwachsene, die so manche Folgen ihres Handelns nicht bedenken.

Dabei ist es doch so: Ja, man ärgert sich, wenn das «Balance Board» der «Wii Fit» mehr Kilo errechnet als man sich selbst zugestehen mag. Ja: Es ist unschön, von einem Gerät auf den eigenen nicht perfekten Körper angesprochen zu werden. Ja: Es stellt sich Ärger ein, wenn das Programm ein «Wii Fit»-Alter angibt, das zehn Jahre über dem realen Alter liegt. Ja: Man möchte gegen das Ding treten, wenn es behauptet, man sei für sein Alter nicht fit genug und solle gefälligst öfter trainieren.

Nur: Dafür kann das Gerät doch nichts. Wer es gekauft hat, wird seine Gründe dafür gehabt haben. Oder, anders gesagt, wer knappe 100 Euro für eine Home-Fitness-Software ausgibt, erwartet doch, dass er oder sie körperlich auf dem Board auch was tun muss. Wobei die Maschine ihm hilft. Und genau das tut sie: Sie zeigt einfach nur das an, was ist: Fehlerhafte Balance, mangelnde oder ungeübte Muskeln, zuviel Gewicht. Nicht die Ursache, sondern den Boten aber trifft der Hass.

Training ist nicht alles
Die «Wii Fit» gibt Hinweise, sie korrigiert Fehlstellungen und manchmal ist sie viel zu penibel. Dann schaltet man sie eben ab. Dennoch trägt sie ihren Teil zum Training bei und sorgt dafür, dass Sport auch zu Hause wieder Spaß macht - alleine oder zusammen mit anderen. Außerdem ist sie nicht nur ein Fitnesstool, sondern ein Spielzeug.

Und: Niemand anderes als man selbst entscheidet, was normal ist oder sein soll. Wer so obskuren Größen wie dem Body-Mass-Index mehr Gewicht beimisst als dem eigenen Körpergefühl, wer sich von Maschinen herumkommandieren lässt anstatt sie für die eigenen Zwecke zu nutzen, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen. Auch nicht mit einer «Wii Fit».