Zu Fronleichnam: Trauerseiten im Internet:
Wenn das Netz mal ganz leise wird
22. Mai 2008 07:02
 |  Startseite von Trauernetz.de | Screenshot: nz |
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Vor nichts und niemandem macht der Tod halt – auch nicht vor dem Internet. Auf Trauerportalen bewegen sich Angehörige und Freunde zwischen Verzweiflung und Exhibitionismus.
Caroline Benzel rät zur Vorsicht.
«Ich weiß nicht mehr wie es weiter gehen soll. Ich vermisse sie so sehr und möchte sie wieder haben. Ich fühle mich so leer und manchmal sitz ich nur so da und bin wie gelähmt. Ich weiß nicht, was ich tun soll, damit es etwas besser wird, ich spüre nur den Schmerz.»
Diese bewegenden Sätze schreibt Nick im Trauer-Forum von Verwitwet.org über den Tod seiner Mutter. Auf der Website gibt es verschiedene Foren, je nachdem wen man von seinen Lieben verloren hat, ob Eltern, Geschwister, Großeltern oder einen Freund. Auch auf bestimmte Ursachen von Todesfällen wie Krankheit, Unfall oder Suizid wird im Forum eingegangen. Angelegt wurde die Website von Wolfgang Staar, dessen Frau im November 2004 an Krebs starb. Das besondere an der Website: Hier treffen sich Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und sich deswegen vielleicht gegenseitig helfen können. Denn wahre Trauer können nur die nachvollziehen, die bereits einen geliebten Menschen verloren haben.
Angebote der Kirchen
Das Trauerportal Trauer.org der Katholischen Erwachsenen-Bildung bietet mehrere Möglichkeiten an, der Verstorbenen zu gedenken. Die Nutzer können Briefe an die Verstorbenen schreiben, eine Kerze anzünden, eine Blume oder einen Baum pflanzen, einen Gedenkstein errichten, einen Nachruf schreiben oder einen Brief an die virtuelle Klagemauer hängen.
Das Andenken findet anonymisiert statt, die Trauernden nennen höchstens den Vornamen der geliebten Person. «Hallo mein Schatz, wieder sitze ich in Tränen vor dem PC und bin unendlich traurig über das, was geschehen ist. Ich werde es niemals begreifen wieso das alles! Du fehlst mir so schrecklich denn ich bin so verdammt alleine!»Auch evangelische Trauernde können sich online in Foren austauschen. Unter Trauernetz.de finden sie außerdem Gebete, Meditationsmusik und Bibelsprüche, die ihnen in ihrer Not Kraft geben sollen.
Gedenkstein im Netz
Ehrenamtlich betreut wird die Website Menschen-gedenken.de. Hier können Hinterbliebene einen virtuellen Gedenkstein für ihre Lieben einrichten, inklusive Fotos, Kondolenzbuch und Angaben über das Leben der Verstorbenen, sowie Geburts- und Todesjahr.
Manche der Gedenksteine sind passwortgeschützt und nur für die Hinterbliebenen lesbar, die meisten sind frei zugänglich. Wir erfahren hier, dass Sabrina Mahler von 1990 bis 2008 lebte, ein bezauberndes Lächeln hatte, ein fröhlicher Mensch war und von Simon bis heute geliebt wird. Auch Lena Neubauer ist jung gestorben, sie lebte von 1982 bis 2008 und Finn gibt seiner Verzweiflung über ihren Verlust Ausdruck: «Ich liebe Dich so sehr!» Nur einen Klick weiter bedauern Anas Freundinnen, dass sie die schöne Zukunft, die sie vor sich hatte, jetzt nicht mehr erleben kann.
Ein schlechtes Gefühl
Ich habe ein schlechtes Gefühl, wenn ich diese Profile lese und möchte am liebsten wegzappen - wie bei einer Fernseh-Talkshow, in der die Menschen zu viel von ihren Gefühlen preisgeben. Ich weiß, dass die Trauernden ihren Lieben ein Denkmal setzen wollen. Doch wären die Toten mit diesen detailreichen und emotionalen Darstellungen im Internet wohl einverstanden?
Ich frage mich, ob ich später verfügen sollte, dass mein Tod nicht online ausgebreitet wird. Klar, man kann meinen Namen googeln und weiß sofort, für wen ich arbeite. Wer mich liebt und wen ich liebe, weiß aber glücklicherweise niemand in der Online-Welt.
Geschäft mit der Trauer
Betrachtet man die Entwicklung in den USA, scheint die Zukunft tatsächlich so auszusehen, dass man im Leben ein Myspace-Profil hat, das man selbst einrichtet, und nach dem Tod sorgen dann die Hinterbliebenen für ein virtuelles Weiterleben.
Das neueste Projekt von Jeff Taylor, dem Gründer der Online-Jobbörse «Monster», ist die Trauerwebsite Tributes.com, die im Juni freigeschaltet werden soll; eine Beta-Version ist bereits online. Rund 4,3 Millionen Dollar werden in das Projekt investiert, der Großteil der Finanzierung kommt vom «Wall Street Journal».Als Ansatz des Projektes wird formuliert, dass die Trauernden besser mit Bestattungsunternehmen verknüpft werden. Jeff Taylor meint: «Es ist nicht die Frage, ob dieses Geschäft explodieren wird, sondern wann.»
Grenzen der Online-Trauer
Trauerseiten im Netz sind wichtige und sinnvolle Einrichtungen. Menschen können jederzeit ihrer Verstorbenen gedenken, sie müssen nicht viel Geld ausgeben und können vor allem ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf lassen. Es kann angenehmer sein, online eine Kerze anzuzünden und dazu seinem Herzen mit ein paar Worten Luft zu machen, als tränenüberströmt in der Kirche zu stehen.Wie viel man aber über sich und den Toten in seiner Trauer preisgibt, sollte man vorher gut überlegen.