Computer- und Videospiele:
Die triste Welt von «GTA 4»
15. Mai 2008 07:41
 |  Blei schon zum Frühstück: Niko Bellic | Foto: AP |
|
«Grand Theft Auto 4» gilt es gegen fast alle Vorwürfe seiner Kritiker zu verteidigen, findet
Maik Söhler. Ein richtig gutes Computerspiel ist es deshalb aber noch lange nicht.
«Grand Theft Auto 4» («GTA 4») ist gerade erst erschienen, und schon hebt die halbe Spielerszene mit lautem Gemurmel über «Grand Theft Auto 5» an: Das Fachportal «Gamestar.de» berichtete jüngst, einige Fans des Spiels hätten bereits den Ort des Geschehens für «GTA 5» ausgemacht: San Andreas. Dies gehe aus einem Flugticket hervor, das man im sogenannten Social Club des «GTA»-Herstellers Rockstar finde. In San Andreas spielte bereits der im Jahr 2004 veröffentlichte Titel «GTA: San Andreas».
Für viele Spieler kommt ein solches Gerücht der angeblichen Sichtung eines Ufos für die Esoterikerszene gleich: Unbesehen glaubt man alles, was irgendwie zum Thema gehört, egal wie viele Dementis auch folgen und egal, was alles an Beweisen zum Beleg der Falschaussage herangezogen wird. Doch das Gerücht zeigt noch mehr: In einer Art Übersprungshandlung wendet sich der Spieler damit auch gerne von der momentan häufig vorgebrachten Kritik an «GTA 4» ab und dem nächsten großen Ding zu, von dem noch niemand etwas weiß und das deswegen auch keiner kritisieren kann. Das ist nachvollziehbar, denn die Kritik am neuen Bestseller ist hart und geht mitunter an die Substanz.
Brutalität en masse
Genauso wie das Spiel selbst. Es ist einfach brutal und das auf eine höchst beiläufige Art. Man kann in der Figur des Protagonisten Niko Bellic anfangs jede beliebige Person zusammenschlagen oder, wenn man sich dumm anstellt, von ihr zusammengeschlagen werden. Man kann mit dem Auto andere Autos rammen, aber auch Passanten ganz nebenher über den Haufen fahren.
Später kommen Waffen ins Spiel und mit ihnen die Möglichkeit, alles zu töten, was sich bewegt und keine Räder hat. Nur man selbst kann nicht sterben. Sogar nach einem Feuergefecht, bei dem sich Bellic 20 Kugeln fängt, wacht er nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt wieder an der Klinikpforte auf. Dann geht der Kampf ums Überleben weiter, als wenn nichts geschehen wäre.Auf diese Formen offener Brutalität zielen derzeit die meisten Kritiker ab. Dabei machen sie den uralten Fehler, das Spielerverhalten mit dem echten Leben kurzzuschließen. Als würde jeder, der einen Ego-Shooter spielt, anschließend auf der Straße sofort zur Waffe greifen. Oder, allgemeiner, als würde jeder, der einen Horrofilm sieht, einen Splatter-Roman liest, einen Trash-Metal-Song hört, danach zum Monster. Wenn diese Kritiker Recht hätten, sähe unsere Offline-Welt genauso aus wie Niko Bellics Liberty City.
 |  Niko Bellic im Kreise seiner Liebsten | Foto: AP |
|
Die Gewaltdebatte
So ist sie aber zum Glück nicht - weder in Berlin, noch in London oder dem Liberty City-Vorbild New York. Wir leben in einer komplizierten Welt, die schöne und schlechte Seiten hat. Sie auf Akte der Gewalt zu reduzieren ist so einfach wie das Echo vieler Gamer: Wer spiele, baue hier nur seine Aggressionen ab. Beides greift zu kurz.Denn die Kritik ist nicht völlig von der Hand zu weisen, da neuere Studien zu erschreckenden Ergenissen kommen: Der Münchener Schulpsychologe Werner Hopf etwa untersuchte zwei Jahre lang 653 Schüler und fand heraus, dass bestimmte PC-Spiele die bedeutsamste Ursache für Delikte wie Prügeln, Vandalismus, Mobbing oder Automatenaufbrüche seien - noch vor gewalthaltigen Fernsehsendungen und Horrorfilmen. Eine US-Untersuchung aus dem Jahr 2007 hatte ähnliche Schlüsse gezogen.
Außerdem hat gerade erst der Bundestag Kindern und Jugendlichen den Zugang zu brutalen Computerspielen erschwert. Die Debatte wird also anhalten und zwar umso mehr, da sich sich viele «GTA 4»-Spieler vor ihr wegducken, mit den immer gleichen Argumenten nur halbherzig an ihr teilzunehmen oder die Abstraktionsleistung nicht vollbringen, dass ein Jugendlicher aus der Ballerei am Bildschirm vielleicht hier und da mal andere Schlüsse zieht als ein erwachsener Spieler. Das passiert nicht oft, aber schon einer von 1000 Fällen ist einer zu viel.
Versteckte Brutalität
Die offene Brutalität ist in der Tat nicht das Problem an «GTA 4». Sie gehört zum Spiel, und weil sie dort so allgegenwärtig ist, wirkt sie gnadenlos überzogen, wie eine Karikatur ihrer selbst. Man erschrickt irgendwann nicht mehr, wenn neben einem jemand mit dem Flammenwerfer gebrutzelt oder von einem vorbeifahrenden Truck an der Hauswand zerquetscht wird.
Man erschrickt aber doch, wenn man herausfindet, dass man beim ersten Date selbst die Umworbene - sie heißt Michelle - gnadenlos zusammenkloppen kann. Und noch mehr erschrickt man, wenn man begreift, dass das, was man selbst zufällig herausgefunden hat, von den Spielentwicklern eingeplant wurde. «Ich bin sehr enttäuscht. Bringen Sie mich jetzt bitte nach Hause», sagt die drangsalierte Michelle plötzlich. Man darf sie jedoch nochmal anrufen und ein neues Date ausmachen.
Auch hier ist real nichts Schlimmes passiert. Dass aber die Spielesoftware auf solche Eventualtitäten eine Antwort weiß, lässt einen nachdenklich werden. Sind auch Vergewaltigungen ins Programm eingeschrieben? Und wird das Opfer danach wieder «sehr enttäuscht», aber zu einem neuen Date bereit sein? Muss es ja, sonst wäre das Level nicht zu schaffen und das Spiel früh zu Ende.
Die Schwächen von «GTA 4»
Jedes Level schaffen zu müssen, ohne mal zwischenspeichern zu können, ist eine der Schwächen von «GTA 4». Denn wie gerne würde man das eine oder andere einfach auslassen. Einige andere Schwächen sind im Netz schon häufiger benannt worden und hängen wohl von der Konsole ab, mit der man spielt. Das Autofahren gestaltet sich mit der Xbox 360 schwieriger, dafür bekommt man an der Playsation 3 während längerer Ballersequenzen schnell einen Fingerkrampf.
Das Hauptproblem des Spiels ist aber ein ganz anderes. Es ist die dunkle und triste Welt des Niko Bellic selbst. Mal angenommen, die Spielerszene hätte Recht wenn sie sagt, dass Gewalt im Spiel und Gewalt auf der Straße zwei völlig unterschiedliche Dinge sind. Für die Atmosphäre der dunklen «GTA 4»-Mafiawelt gilt das nicht. Nach einer längeren Spielesession an der Konsole wirkt anschließend selbst die Frühlingssonne schäbig und fade. Das aber sollte man sich nicht gefallen lassen. Egal wie bunt «GTA 4» stellenweise daherkommt, egal wie viele Minispiele, Radio- und Fernsehsender der morbiden Gangsterwelt-Ödnis etwas Lebendiges entgegenzustellen versuchen, egal wie vergnüglich die ersten (und bestimmt auch viele weitere) Stunden in Liberty City sein können - das Spiel bleibt doch einer durch und durch depressiven Stimmung verhaftet. Mit der realen Welt im Frühling kann es Grand Theft Auto jedenfalls nicht aufnehmen. Sie ist das schönste Spiel, das es gibt. Für regnerische und graue Tage aber lohnt es auf jeden Fall.
Grand Theft Auto 4 - Rockstar Games, April 2008, ab 55 Euro - wurde von uns auf der Xbox 360 gespielt.