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Hypes im Internet: 

Der nächste große Müll

18. Mai 2008 15:03
Die Hälfte täte es auch: Datenverkehr im Internet
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Stündlich wird mittlerweile das nächste große Ding im Internet angekündigt: Webseiten mit noch mehr Videos, Communities voller Widgets, Software-Updates im Deluxe-Format. Das alles braucht kein Mensch, meint Maik Söhler.

Was haben wir denn heute wieder im Posteingang? Ein neues Statistik-Portal, beworben mit dem Satz «Statistiken sind nicht nur eine der wichtigsten, sondern auch eine der vielseitigsten und unterhaltsamsten Informationsquellen unserer Zeit». Dann neue Erweiterungen für eine «Remote Access Lösung», die natürlich «einzigartig», «umfangreichst» und dazu auch noch «einfachst» sein muss. Schließlich ein neues Spiel, «nicht nur in der Standard-Variante, sondern auch in einer aufwändigen und hochwertigen Limited Collector's Edition.»

Seit Wochen und Monaten geht das nun schon so. Da werden Webseiten angekündigt, die mehr Videos als je zuvor beinhalten, Communities gelauncht, die man vor lauter Gadgets, Widgets und Schnickschnackets kaum noch aufrufen kann, Webanwendungen vorgestellt, die die so voller «New Breakthrough Solutions» sind, dass man gar nicht mehr versteht, um was es dabei überhaupt geht.

Klar: Das ist das Wesen der PR. Ein Public Relations-Heini, der einfach nur freundlich darauf hinwiese, dass sein Auftraggeber eine weitere Webseite, ein kleines Spielchen oder ein neues Handy fertig gestellt hat, wäre wohl überflüssig und sein Geld nicht wert. Aber geht es denn nicht mal anders, ohne Deluxe und Ultra, «innovativst», «unerreicht», «führend», kurz: ohne Übersteigerungen und Superlative bzw. Übersteigerungsten und Superlativste?

Neues von Yoox.com

Und die Namen erst: Es gibt was Neues vom «Cherry-Online-Shop KEYBO.DE» zu erfahren, Video Buster bietet als «One-Stop-Shop» jetzt «VoD oder FasT» und «YOOX.COM is proud to announce» - was auch immer.

Es scheint außerdem, als stammten die Einleitungsätze solcher Werbeflyer aus einem PR-Grundbaukasten, der einfach nur je nach Bedarf angepasst werden kann. Immer ist das «Web 2.0 sehr populär», sind «Communities hip», «Videos angesagt», «Emoticons Standard», hier liegt «Multimedia voll im Trend», dort gelten «Mini-Spiele als Paradebeispiele für Interaktion». Auch dirkete Anreden wie «Du bist Internet» oder «Mach mit und klick dich zum ...» haben in etwa so viel individuellen Zuschnitt wie einst die Autowerbung in der DDR.

Dinge, die die Welt nicht braucht

Die bestehenden sozialen Netzwerke haben erstmals in ihrer Geschichte Probleme neue User zu finden. Das Wachstum der schon existierenden Video-Portale stößt längst an seine Grenzen. Nicht wenige der Webanwendungen, User-Plattformen, Multimedia-Projekte, Mitmach-Foren, Crossover-Seiten, die vor acht Monaten als das nächste große Ding an den Start gingen, sind heute bis zur Unkenntlickeit zusammengeschrumpft oder längst wieder offline.

Vielleicht rührt daher die bodenlose Prahlerei, mit der sofort die nächste Sau durchs Dorf gejagt wird. Es ist wie im Krieg: Man schreit beim Angriff ganz laut, damit niemand merkt, wieviel Angst man eigentlich hat. Im Internet wäre es die Angst davor, dass niemand das braucht, was man zu bieten hat.

Nichts gegen Neues - eine Welt, in der sich nichts verändert, würde schnell langweilig. Nichts gegen Ideen - je mehr desto besser, desto pluraler, desto fantasievoller wird das Leben. Nichts gegen Konkurrenz - manchmal macht erst die Auswahl neue Produkte interessant. Nur: Nicht jeder Gedanke ist neu, nicht jede Idee realisierungswürdig, nicht jedes Produkt muss auf den Markt.

Tolle Geschichten, unentdeckt

Was ist nur aus der guten alten Spinnerei am Kneipentisch geworden? Was aus den Träumen, die man im Sonnenschein auf einer grünen Wiese hat? - Wenn alles mit Gewalt realisiert werden muss, wie dunkel sieht es dann um die Zukunft der Märchen aus?

Eigentlich müsste man sich über all das auch gar nicht weiter auslassen. Es gehört zu unserem Job als Medienschaffende die Hype-Mails rund ums vermeintlich Neue und Spektakuläre routiniert zur Kenntnis zu nehmen - so routinieret, wie die PR-Agenturen sie erstellen und mit Superlativen aufpumpen.

Das Problem dabei ist: Es könnte ja mal was dabei sein, über das zu berichten sich lohnte. Bleibt die PR aber wie sie ist, so werden wir Journalisten es nicht erkennen. Denn der Hinweis auf das nächste Youtube, den legitimen Nachfolger Googles und Internets next Top-Community liegen dann längst inmitten von riesigen Mengen Müll ungelesen im Papierkorb.

 
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